Die emotionale Wunde des Mobbings beim Opfer und seiner Familie

· 25. Januar 2019

Der folgende Text versucht, das Leid eines Kindes darzustellen, welches Opfer von Mobbing geworden war. Der Text zeigt, dass die Angst den Menschen verzehrt. Darüber hinaus macht er auch deutlich, was die unmittelbaren Konsequenzen dieser Qual sind.

„Wir wissen nicht, was los ist, er beschwert sich ständig über Bauch- und Kopfschmerzen. Er schläft nicht so gut wie früher, wacht nachts verzweifelt auf und klettert in unser Bett. Wir können sehen, dass ihn etwas bedrückt, was vorher nicht da war.

Er hat plötzlich Stimmungsschwankungen. In einem Moment scheint er im Frieden mit sich selbst zu sein und im nächsten wird er sehr wütend oder fängt an, unkontrolliert zu schluchzen. Manchmal benimmt er sich sogar dann rebellisch, wenn wir ihm sagen, er solle aufhören, an seinen Nägeln zu kauen oder an den Haaren zu ziehen. Das sind Verhaltensweisen, die wir nie an ihm gesehen hatten.

Etwas stört ihn, aber wir wissen nicht, was es ist, weil er nicht mit uns spricht. Wir vermuten, dass in der Schule etwas passiert. Vielleicht hat er zu viel Druck oder vielleicht macht ihm ein anderes Kind das Leben schwer. Wir forschen in seinem Umfeld nach. Wir haben seine Lehrer, seine Brüder, die Eltern seiner Freunde gefragt. Aber niemand weiß etwas.

Gemobbte Kinder leiden.

 

„Manchmal ist er total verschmust und sucht unsere Nähe. Obwohl er von Natur aus ein affektives Kind ist, ist seine Abhängigkeit von uns besorgniserregend. Da wir den Ursprung dieses Wandels nicht kennen, versuchen wir, mit ihm zu sprechen und zu verstehen, was eigentlich los ist. Dann schließt er sich in sein Zimmer ein und sagt, dass er nicht mit uns reden wolle, dass es ihm peinlich sei.

Dann wiederum gibt es Zeiten, in denen er nicht zur Schule gehen will, und er sagt, dass dort etwas Schlimmes passiere. Irgendwann gibt er sein Geheimnis schließlich preis, dass andere Kinder ihn in der Schule schikaniert haben, dass sie ihn beleidigt haben und wieder andere ihn sogar verprügelt haben.

Unsere Welt bricht zusammen. Wir haben gerade die Quelle seines Schmerzes, seiner Angst und seines Unbehagens genannt. Es ist Mobbing.

Wir machen sofort den ersten Schritt: Wir sprechen mit der Schule. Die müssen das lösen. Diese Kinder müssen sich den Konsequenzen ihrer Handlungen stellen. Unser Kind kann das nicht weiter durchmachen. Nicht unser Sohn und auch kein anderes Kind.

Es ist an der Zeit, unsere Gedanken zu organisieren und zu sehen, was wir tun können, wie wir handeln können. Zugegeben, ist es sehr schwierig, die Mobber und ihre Familien nicht zu beschimpfen. Wir wissen jedoch, dass es auch für unser Kind am besten ist, nicht Teil von Konflikten und direkten Konfrontationen zu werden.

Deshalb warten wir jetzt erst einmal ab und versuchen uns zu beruhigen, unsere Emotionen wieder einzufangen. Diese aufschäumenden Gefühle lassen uns nicht klar denken. Doch es braucht Zeit, um die Situation zu beruhigen.

Ein Junge ist gefangen im Netz des Mobbings.

Das Wichtigste ist jetzt, eine sichere Umgebung für unser Kind zu schaffen. Wir arbeiten bereits daran. Wir tun alles, was wir können. Die Schule ergreift weitere Maßnahmen. Lehrer und Freunde werden sensibilisiert. Sie achten von nun an auf jede Bewegung und jedes Wort, welches die kleinen Tyrannen in Richtung unseres Sohnes werfen.

Aber das ist nicht alles. Die emotionale Wunde, die das Mobbing bei unserem Kind hinterließ, ist immer noch da. Obwohl er uns davon erzählt hat, hat er immer noch Angst. Er weigert sich, zur Schule zu gehen. Was können wir tun?“

Hilf deinem Kind, mit der emotionalen Wunde des Mobbings fertig zu werden

Es ist nicht einfach für die Familie, einem Kind, das Opfer von Mobbing geworden ist, zu helfen, mit der emotionalen Wunde umzugehen, die durch diesen Missbrauch entstanden ist.

  • Schaffe einen sicheren Raum und eine vertrauenswürdige Umgebung. Es ist wichtig, dem Kind zu versichern, dass die Menschen in seiner Umgebung dafür sorgen, dass nichts passiert. Sage ihm, dass du auf seiner Seite stehst und dass die Angreifer sich den Konsequenzen ihres Verhaltens stellen müssen. Obwohl es schwierig sein kann, müssen Eltern vermeiden, ihr Kind zu überfordern, da dies negative Folgen haben kann.
  • Selbst wenn die Schule die notwendigen Kontrollen zur Vermeidung von Mobbing einführt, kann die Weigerung des Kindes, zur Schule zu gehen, bestehen bleiben. Aus diesem Grund ist es wichtig, das Kind wissen zu lassen, dass die Umgebung jetzt sicher ist. Dass die Schule ein sicherer Ort ist und dass der Schulbesuch ihm hilft, sich nach und nach besser zu fühlen.
  • Wir können den Prozess der Wiedereingliederung erleichtern, indem wir das Kind nur langsam der Schulumgebung aussetzen, indem wir Treffen mit Klassenkameraden vereinbaren, in der Nähe der Schule spazieren gehen oder es sogar für einige wenige Stunden wieder in die Schule gehen lassen, bis das Kind erkennt, dass keine Gefahr mehr besteht.
Ein Strichmännchen sät Herzchen, die zu leuchtenden Herzblumen heranwachsen.

  • Sprich mit dem Kind klar und deutlich über sein Leiden. Beschwerden müssen benannt werden, und das Kind ist möglicherweise nicht in der Lage, seine Gefühle von Angst, Trauer oder Wut auszudrücken. Ein emotionales Bewusstsein aufzubauen, ist der erste Schritt, den das Kind unternehmen sollte, um herauszufinden, was augenblicklich passiert oder was zuvor mit ihm passiert ist. Nutze dabei Formulierungen, die für sein Alter und seinen Entwicklungsstand angemessen sind. Unternimm all dies, ohne dein Kind unter Druck zu setzen und es dafür verantwortlich zu machen, was es fühlt.
  • Bringe deinem Kind Entspannungstechniken und andere wertvolle Strategien zur emotionalen Entlastung bei. Es ist wichtig, dass das Kind eigene Ressourcen entwickelt, die es ihm ermöglichen, Spannungen abzubauen. Entspannung hilft, die physiologische Anspannung, die es erlebt, und die Emotionen, die in es eindringen, zu lindern. Dies ermöglicht ihm, seinen Geist zu organisieren und über tröstende und positive Dinge nachzudenken.
  • Fülle seine Tage mit positiven Erfahrungen. Auf diese Weise kann es dem durch die komplizierten Situationen verursachten Leid entgegenwirken. Diese Momente sind sehr kraftvoll und helfen dem Kind, angenehme Gedanken und Erinnerungen zu sammeln, die es ihm ermöglichen, diejenigen zu ersetzen, die zuvor noch großes Unbehagen erzeugt hatten.
  • Erstelle einen Aktionsplan für mögliche zukünftige Konfliktsituationen. Du kannst mit deinem Kind darüber sprechen, wie es sich in einer bestimmten Situation verhalten sollte, in der es sich bedroht fühlt. Achte darauf, keine Begriffe oder Ausdrücke zu verwenden, die seine früheren, gegenwärtigen oder zukünftigen Handlungen diskreditieren.
Zwei Kinder spielen mit einem Hund auf einer Wiese.

  • Verstärke seine sozialen Fähigkeiten. Das Kind sollte in seinen Fähigkeiten im Umgang mit Konfliktsituationen geschult werden, denn eine durchsetzungsfähige Kommunikation ist der beste Weg, um derlei Probleme zu lösen. Dann kann sich das Kind in Gegenwart anderer vor dem „Niedermachen“ durch andere Kindern schützen und weiß, wie es günstige Entscheidungen treffen kann, ohne fertig gemacht zu werden.
  • Sprich über die Wichtigkeit, um Hilfe zu bitten. Wenn du um Hilfe bittest, wirst du selbst oder wird dein soziales Ansehen nicht schwächer. Ganz im Gegenteil. Es ist wichtig, diese Botschaft an dein Kind weiterzugeben, unabhängig davon, ob es sich dabei um einen Fall von Mobbing handelt oder um einen anderen Konflikt.
  • Verstärke sein Selbstwertgefühl, gleichmäßig und konstant. Es ist, als seien Opfer von Mobbing ihrer Identität beraubt worden. Aus diesem Grund ist es wichtig, das Selbstbild deines Kindes jeden Tag ein Stückchen aufzubauen, ohne es dabei mit übermäßigem Lob zu überschütten.

Wie du gesehen hast, leiden Kinder und Familien, die Opfer von Mobbing werden, sehr stark und lange an den Ereignissen. Daher ist es wichtig, Verständnis und Einfühlungsvermögen für den Schmerz zu zeigen, den diese Situation verursacht.

Ebenso wichtig ist es, Kinder in Werten wie Respekt und Nulltoleranz gegenüber Gewalt und Grausamkeit zu erziehen. Sicherlich ist es der beste Weg, dies von klein auf mit ihnen zu besprechen und stets mit gutem Beispiel voranzugehen.