Was kannst du tun, wenn dich deine Gefühle übermannen?

· 8. November 2018

Wenn dich deine Gefühle übermannen, dann halte inne und atme tief durch. Wir alle haben dieses Gefühl schon einmal inmitten einer Diskussion gehabt oder wenn die Angst, die immer wachsam ist und über uns lauert, in einer Situation die Kontrolle übernimmt und uns paralysiert. Diese „emotionalen Übergriffe“ sind verheerend. Nichtsdestotrotz können wir immer auf Werkzeuge zurückgreifen, um nicht die Kontrolle zu verlieren. Wir müssen nur wissen, wie wir sie nutzen.

Vielleicht kommen uns diese Realitäten bekannt vor. Manche Menschen werden schneller von ihren Emotionen übermannt als andere, die sich selbst besser kontrollieren können, weil sie Mal für Mal diese „emotionalen Bedrohungen“ hinunterschlucken. Wie jemand, der etwas herunterschluckt, ohne es zu kauen. Doch keine der beiden Strategien erzielt optimale Resultate.

„Das emotionale Gehirn reagiert schneller auf ein Ereignis als das denkende Gehirn.“

Daniel Goleman

Diese komplexen emotionalen Universen hinterlassen oberflächliche Spuren, die uns unserer Ruhe und unseres Gleichgewichts berauben. In der klinischen Praxis sehen wir häufig Patienten, die sich ihrer Beschwerden bewusst sind: „Das Problem mit meiner Angst ist schrecklich“, „Ich weiß nicht, was ich mit meiner Wut tun soll, sie überfordert mich“, „Ich habe Probleme mit meinen Gefühlen und weiß nicht, wie ich mit ihnen umgehen soll, damit ich ein angenehmes Leben führen kann“  etc.

Solche Aussagen führen uns deutlich vor Augen, welche Probleme die allgemeine Bevölkerung diesbezüglich hat. Noch immer denken wir, dass Gefühle etwas Schlechtes wären, dass ein Gefühl von Angst keinen Sinn haben könnte und dass das Leben selbst ohne den Schatten der Angst ein sinnvolleres Leben wäre. Wir vergessen dabei, dass diese Dimensionen für unsere Existenz und die Anpassung an die Umwelt eine ganz klare Bedeutung haben.

Sobald wir unsere Emotionen besser identifizieren, akzeptieren und kontrollieren können, ohne vor ihnen zu fliehen oder sie abzulehnen, werden wir nicht länger von diesen wiederkehrenden Gefühlen übermannt.

Frau mit blauem Regenschirm und blauem Rauch

Wenn dich deine Gefühle übermannen, dann schaue zum Horizont

Wenn dich deine Gefühle übermannen, suche nach dem Horizont und halte deinen Blick für einen Moment genau an dieser Linie. Lasse die Welt mit ihren Klängen fließen, lasse die Streitigkeiten am Arbeitsplatz ihren Lauf nehmen. Lasse diesen dir Angst einflößenden Reiz für einen Augenblick lang einfrieren, gefangen in einer harmlosen Dimension. Richte deinen Blick auf diese imaginäre Linie des Friedens und gib deinem Organismus ein paar Sekunden Zeit, um Atmung, Herzschlag, Blutdruck usw. zu regulieren.

Wie das Sprichwort besagt, ist es am besten, die Ruhe zu bewahren, wenn Chaos herrscht. Das sagen wir aus einem bestimmten Grund: Wenn der Mensch von seinen Gefühlen übermannt wird, regelt der instinktive Teil seines Gehirns seine Reaktionen, und in diesen Augenblicken erscheint ihm alles chaotisch, ungeordnet und intensiv. So sehr, dass der präfrontale Kortex, in dem sich seine Fähigkeit zur Analyse, Entscheidungsfindung und logischen Argumentation befindet, Fehler macht.

Schauen wir uns doch einmal an, wie dieser komplexe Prozess aussieht.

Die Amygdala und der direkte Weg zu Angst oder Wut

Wenn uns unsere Gefühle übermannen, können wir innerhalb von Sekunden panisch, ängstlich oder wütend werden. Wie kann das sein? Welcher Mechanismus in uns ist in der Lage, auf diese Weise die Kontrolle über uns zu übernehmen? Wir alle haben uns diese Frage schon einmal gestellt, und die Antwort darauf könnte faszinierender und beunruhigender zugleich nicht sein: Verantwortlich dafür ist die Amygdala unseres Gehirns.

Wie eine Studie der Emory University in Atlanta (Georgia, USA) ergab, die in der Zeitschrift Biological Psychiatry  veröffentlicht wurde, bestimme die Amygdala unser gesamtes im Zusammenhang mit Angst, Stress oder Aggressivität stehendes Verhalten. Zum Beispiel hat sich gezeigt, dass diese kleine Struktur Informationen aus unserer Umgebung in Bezug auf uns umgebende Bedrohungen (seien sie nun real oder nicht) sammelt. Dank ihr reagieren wir so, wie wir uns Überleben am besten sichern können.

Mann ist mit seinen Gefühlen überfordert

Nicht regulierte Emotionen sind unkontrollierbare Gefühle

Menschen, die emotionale Störungen entwickeln, zeichnen sich im Grunde genommen dadurch aus, dass sie ihre Gefühle nicht regulieren können. Diese Kondition lässt im Laufe der Zeit noch mehr Angst entstehen, bis aus ihr eine Wehrlosigkeit wird, die dazu führt, dass sie vollkommen die Kontrolle verlieren. Deshalb sollten wir uns über eines im Klaren sein: Emotionen, die wir heute nicht regulieren, werden uns morgen übermannen. Und wenn diese Situation chronisch wird, können pathologische Zustände wie eine generalisierte Angststörung oder Depressionen auftauchen.

Ein weiterer Aspekt, den wir nicht vergessen dürfen, ist, dass es sinnlos ist, in diesen Situationen Gefühle zu unterdrücken oder Gedanken zu blockieren. Der klassische Gedanke „Ich werde nicht daran denken und diese Wut besser unterdrücken“  hilft uns keinesfalls, sondern kann auf mittelfristige Sicht noch mehr Blockaden und Probleme auslösen.

Was solltest du tun, wenn dich deine Gefühle übermannen?

Welche Strategie ist angemessen, wenn uns unsere Gefühle übermannen? Oft benutzen wir in psychologischen Kontexten den Terminus „emotionale Kontrolle“. Anstatt „Kontrolle“ wäre es aufgrund der Flexibilität und der Dynamik, die das Wort „Regulierung“ vermittelt, jedoch besser, diesen Begriff zu gebrauchen.

Wenn dich deine Gefühle übermannen, dann atme mehrmals tief durch. Entspanne dich. Nach und nach wirst du wieder die Kontrolle über deinen Körper und letztendlich auch über deinen Verstand erlangen.

Im emotionalen Bereich ist es generell ratsam, keinen Widerstand auszuüben und sich für Akzeptanz, Regulierung, Flexibilität, Transformation und Bewegung zu entscheiden.

Deshalb möchten wir uns ansehen, welche Strategien wir in diesen Fällen anwenden könnten:

  • Eine in der Zeitschrift Frontiers in Psychology  veröffentlichte Studie weist darauf hin, dass eine emotionale Regulierung keine „Einheitsgröße“ sei. Mit anderen Worten, es gebe keine einheitliche Strategie, die jeder Situation und jedem Umstand gerecht werde. Die Angst, sich einer Untersuchung, einer Diskussion unterziehen, eine Trennung oder gar einen Verlust hinnehmen zu müssen, hat zur Folge, dass wir Bewältigungsstrategien anwenden müssen.
  • Darüber hinaus sind Gefühle immer zu einem bestimmten Zweck da, und wir müssen uns fragen, was sie von uns erwarten oder wollen. Deshalb ist angesichts eines alarmierenden Zustandes der Blick zum Horizont eine durchaus sinnvolle Strategie, um unser mentales Schloss zu betreten und uns selbst zu finden. Dort angekommen, können wir erkennen, was und warum uns etwas passiert.
  • Die Amygdala ist ein Wächter, der sich oft dafür entscheidet, Angst oder Wut zu generieren, bevor wir diese Gefühle zulassen. Sie handelt nach Instinkt, nicht nach Logik. Sobald sie das tut, übernimmt sie die Kontrolle über unseren Körper und löst all die Symptome aus, die wir aus Situationen kennen, in denen uns unsere Gefühle übermannen: Schwindel, Herzrasen, Schweißausbrüche etc.
Mensch atmet tief ein und aus

Wenn uns unsere Gefühle übermannen, bringt es uns wenig, wenn wir uns selbst sagen, dass wir uns beruhigen sollen und nichts passieren werde. Denn für unseren Organismus und für unser Gehirn passiert durchaus etwas. Deshalb ist es in diesen Situationen am besten, unseren Körper mithilfe einer tiefen Atmung zu beruhigen. Tief ein- und auszuatmen hilft uns dabei, unseren Herzschlag und Muskelanspannungen zu regulieren. Und sobald unser Körper wieder im Gleichgewicht ist, können wir an die Tür unseres Geistes klopfen und ihn um ein Gespräch bitten.

Wir sollten es einfach ausprobieren.