Die Schuld, nicht stillen zu können

· 21. September 2018

Es gibt Richtlinien, die Frauen von der ersten Minute an befolgen sollten, wenn sie schwanger sind. Es gibt so vieles, woran Frauen denken müssen, wenn sie Mütter werden; die Schwangerschaft ist ihr Aufbruch in eine neue und aufregende Welt. Und mit der Geburt stehen unzählige weitere Entscheidungen an, beispielsweise die Antwort auf die Frage, ob gestillt wird oder nicht.

Auf der einen Seite stehen Frauen, die für das Stillen sind, und auf der anderen Seite Frauen, die nicht stillen können oder wollen. Jede Frau hat ihre Gründe für die Wahl des Stillens oder der Babynahrung. Und wir versuchen mit diesem Artikel nicht, eine Debatte über Muttermilch gegen Milchersatz ins Leben zu rufen. Stattdessen ist das Ziel dieses Beitrags, über die Schuld zu sprechen, die Mütter verspüren, wenn sie nicht in der Lage sind zu stillen, aus welchem Grund auch immer. Wir sprechen von Müttern, die sich dem Stillen verschrieben haben, aber dieser Anforderung nicht gerecht werden können.

Ein Mann tröstet eine Frau

Nicht stillen können und Schuld

Es gibt verschiedene medizinische Gründe, die die Entscheidung, nicht zu stillen, unterstützen. Wenn eine Frau an einer entsprechenden Krankheit leidet, Brustschmerzen empfindet oder wenig Milch produziert, muss zugefüttert werden. Diese Situation hat psychologische Auswirkungen, weil Bedürfnisse und Realität in Konflikt geraten:

  • Das angeborene Bedürfnis einer Mutter, ihr Baby zu ernähren
  • Die Unmöglichkeit, das auf natürliche Weise zu tun

In der Praxis resultiert das in absoluter Frustration. Da ist das Baby, das vor Hunger schreit, und die verzweifelte Mutter, die alles versucht, um ihr Baby zu ernähren.

Eines Tages erzählte mir eine Mutter, dass sie jedes Mal Angst hatte, wenn sie ihren Sohn stillen musste. Sie produzierte viel Milch, aber sie hatte oberflächliche Verletzungen, die ein effektives Absaugen verhinderten. Dem Baby fiel es schwer, Halt zu finden, und außerdem hatte sie Probleme mit einer Milchpumpe. Ihr Leid und Schmerz waren so schlimm, dass sie sich fragte: „Aber warum muss ich dich ernähren?“  Ihre Brustwarzen waren rissig und bluteten. Sogar ihr Hemd, das leicht auf ihnen lag, bereitete ihr Beschwerden.

Trotz solcher Schwierigkeiten fühlen sich viele Mütter regelrecht verpflichtet, zu stillen, und werden mitunter angegriffen, wenn sie es nicht tun.

Frau mit Brustschmerzen

Wann ist es Zeit, das Stillen aufzugeben?

Ist Stillen wirklich notwendig? Meiner Meinung nach, nein. Der Stress und die Frustration, die eine Mutter in dieser Situation auf ihr Kind überträgt, ist schlimmer, als das Vorenthalten der Vorteile der Muttermilch.

In den ersten Lebensmonaten eines Babys ist die Fütterungszeit Bindungszeit. Es geht also um den Aufbau einer gesunden Verbindung, die sowohl für die Mutter als auch für das Baby emotionale Vorteile hat. Aber wenn das Füttern Schmerzen bereitet, kann das die Bindung zueinander stören.

Wenn eine Mutter sich entscheidet, mit dem Stillen aufzuhören, ist der nächste Schritt, geeigneten Ersatz bereitzustellen. Ein Kinderarzt ist in diesem Augenblick der beste Ratgeber.

Eine Mutter gibt ihrem Baby die Flasche

Stillen ist eine Option, keine Verpflichtung

Es stimmt, dass das Stillen die emotionale Bindung zwischen einer Mutter und ihrem Baby fördert. Die Forschung zeigt jedoch, dass Nicht-Stillen nicht verhindert, dass diese Bindung gestärkt wird.

Es muss etwas nicht stimmen in einer Gesellschaft, in der sich eine Frau als Versagerin fühlt, weil sie nicht stillen kann. Und noch schlimmer, dass andere sie so fühlen lassen. Die Botschaft, die sie erhalten sollte, lautet: „Es geht euch gut und das Wichtigste ist, dass du glücklich bist, damit du dein Glück auf dein Baby übertragen kannst.“

Auf jeden Fall sollte niemand eine Frau für ihre Entscheidung angreifen, solange das Baby in Sicherheit ist. Mütter sollten sich zudem gegenseitig unterstützen, unabhängig von ihren Entscheidungen über das Stillen. Jede Frau ist in ihrer eigenen, einzigartigen Situation.

An die Frauen, die ich nicht kenne und die nicht stillen: Ihr solltet euch wirklich nicht schlecht fühlen, weil ihr euch entschieden habt, das Baby mit Milchersatz zu füttern. Ich verspreche euch, dass eure Erfahrung als Mutter nicht minderwertig sein wird. Ihr werdet nicht weniger Mütter sein. Ihr werdet eurem Baby alles geben, was es braucht, und werdet in der Lage sein, all die emotionale Unterstützung anzubieten, derer es bedarf, wenn es Zeit zum Füttern ist.