Die Rolle der Eltern bei Essstörungen

1. Januar 2019

Ein Kind zwingen, zu essen, es bestrafen, wütend werden … definitiv nicht verstehen, was in diesem Kind vor sich geht. Viele Eltern wissen nicht, was sie tun sollen, wenn sie vermuten, dass ihr Kind an einer Essstörung leidet. Viele leugnen sogar, dass das, was sie tagtäglich beobachten, der Realität entspreche. Die Rolle der Eltern bei Essstörungen ist daher immer komplex und oft kompliziert.

„Meinem Kind kann das nicht passieren! Es ist unmöglich, dass es an Bulimie oder Magersucht erkrankt.“,  behaupten manche Eltern voller Überzeugung. Diese Haltung ist allerdings kontraproduktiv, wenn ein begründeter Verdacht besteht. Denn das Leugnen kann die Diagnosestellung verzögern und die Intervention erschweren. Dabei können wir die Eltern nicht für diese Einstellung verantwortlich machen: Hinter ihrer Abwehrreaktion steckt Angst und das ist eine Emotion, die wir alle kennen. Wenn Eltern den Besuch ihres Kindes beim Psychologen aufschieben, heißt das nicht, dass sie nicht das Beste für ihr Kind wollten.

Für ein Kind sind die Jahre als Teenager auch nicht einfach. Die Veränderungen, die junge Menschen in dieser Phase durchlaufen, können zu internen und externen Konflikten führen. Streit und Unverständnis, zusammen mit dem sozialen Druck, der in vielen Fällen vorhanden ist, können dazu führen, dass eine Essstörung zu spät diagnostiziert wird.

Die Rolle, die Eltern bei Essstörungen ihrer Kinder spielen, ist sehr komplex. Sie müssen akzeptieren, was passiert, und dann Strategien finden, um ihren Kindern zu helfen.

Familiendynamik und die Rolle der Eltern bei Essstörungen

In mehreren Studien wurde der Einfluss der Familiendynamik auf Essstörungen untersucht. Beispielsweise versuchten Salvador Minuchin, Bernice L. Rosman und Lester Baker gemeinsame Muster in Familien zu finden, in denen mindestens ein Fall von Anorexia nervosa bestätigt wurde. Ihre Ergebnisse geben Aufschluss über die vorherrschenden Familiendynamiken, wobei häufige Probleme in den untersuchten Familien waren: unsichere Bindungsmuster, Überfürsorglichkeit, Inflexiblität, mangelnde Kommunikation und das Einbeziehen der Kinder in elterliche Konflikte.

Ein Teenager steckt sich die Finger in die Ohren, während seine Mutter mit ihm schimpft.

In einer anderen Studie mit dem Titel Magersucht: Von der Behandlung einzelner zur Familientherapie  stellte die Autorin Mara Selvini Palazzoli fest, dass Familien mit einer magersüchtigen Tochter die folgenden Merkmale aufweisen:

  • Nicht auf Kommunikationsversuche eingehen und diese ablehnen
  • Mangelnde Führung oder Verantwortung seitens der Eltern
  • Schlechte Beziehung zwischen Eltern und Kindern
  • Kinder beziehen die Probleme ihrer Eltern auf sich

Die genannten Studien konzentrieren sich auf die Magersucht als eine bekannte Esstörung. Die Ergebnisse könnten möglicherweise aber auch auf andere Arten von Essstörungen (wie Bulimie) zutreffen. Die Familiendynamik und die Rolle der Eltern bei Essstörungen sind zwei sehr wichtige Faktoren in der Aufarbeitung einer Essstörung. Aber sind sie die einzigen Faktoren?

Warum erkrankt jemand an einer Essstörung?

Die Familie eines Kindes ist nicht für die Essstörung verantwortlich. Obwohl die Familiendynamik und die Rolle der Eltern zum Geschehen beitragen können, können Jugendliche auch aus anderen Gründen an einer Essstörung erkranken.

Ein weiterer häufiger Risikofaktor bei Jugendlichen ist das Fehlen eines gesunden Selbstwertgefühls. Ein zu geringes Selbstwertgefühl, besonders in Verbindung mit einem gestörten Körperbild, ist einer der wichtigsten Auslöser einer Essstörung.

Psychische Erkrankungen wie Depression oder bipolare Störungen können ebenfalls dazu führen, dass Jugendliche Nahrungsmittel als systematische Belohnung oder Bestrafung verwenden. Das führt letztendlich dazu, dass Teenager schlechte Essgewohnheiten entwickeln. Ihre Diät mag dabei Fressattacken und starke Nahrungsbegrenzung umfassen.

Ein Teenager sitzt traurig in einer dunklen Ecke.

Der Umgang mit Essstörungen ist schwierig. Betroffene Jugendliche mögen sich in ihren Zimmern verkriechen und Kontakte einschränken. Wenn Eltern jedoch schimpfen, strafen und kein Verständnis für sie aufbringen, kann sich die Situation verschlechtern. Daher ist es wichtig, zu wissen, wie man in diesen Fällen vorgehen kann.

Die Unterstützung, die Eltern bieten können, wenn ihre Kinder an einer Essstörung erkrankt sind

Eltern können eine große Unterstützung für den Teenager sein, der an einer Essstörung leidet; leider können sie aber auch einen schlechten Einfluss auf den Krankheitsverlauf haben. Eltern können Hilfe leisten, da sie die Gewohnheiten ihres Kindes kennen und Änderungen im Essverhalten leicht wahrnehmen können. Wenn Eltern den Verdacht haben, dass ihr Kind an einer Essstörung erkrankt ist, sollten sie daher nicht zögern, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. 

Es ist normal, dass Eltern frustriert sind, wenn ein Fachmann ihre Vermutungen mit einer Diagnose bestätigt. Sie mögen dann das Gefühl haben, dass ihr Kind sich noch mehr zurückziehe. Eltern mögen sogar ihr Kind beschuldigen, ohne zu wissen, dass dieses sich wahrscheinlich noch schlechter fühlt als sie selbst. Auf der anderen Seite ist es nicht ungewöhnlich, dass die Eltern ihrerseits Ablehnung erfahren.

Es ist wahrscheinlich, dass das Kind die zu seinem eigenen Schutz getroffenen Maßnahmen nicht ernst nimmt. Deshalb ist es wichtig, als Elternteil gemeinsam mit dem Kind einen Fachmann aufzusuchen. Die Eltern müssen mit ihrem Kind ein offenes Gespräch über die Situation führen und vermeiden, es wie ein Kleinkind zu behandeln.

Ein junger Vater spricht mit seiner verzweifelten Tochter und versucht, sie zu trösten.

Richtlinien, die helfen können

Eltern müssen zusammenhalten, sich gegenseitig unterstützen und ihre Gefühle ausdrücken. Es ist auch wichtig, dass sie den von einem Fachmann festgelegten Richtlinien folgen. Haben die Eltern kein Vertrauen zu dem behandelten Arzt, sollten sie nicht zögern, einen weiteren Fachmann zu konsultieren.

Eine weitere wichtige Richtlinie für Eltern ist, die Störung nicht zum Mittelpunkt des gemeinsamen Lebens zu machen. Ja, eine Essstörung muss behandelt werden. Aber ein Teenager definiert sich nicht nur über seine Essstörung. Er hat Träume, Hoffnungen und Gefühle­ … Den „Rest ihres Lebens“ nicht zu übersehen, ist in der Tat der wichtig, um einen Heilungsprozess in Gang zu bringen.

Wenn der Teenager eine der festgelegten Richtlinien nicht einhält, ist es außerdem erforderlich, ein Gespräch zu führen. Dieses Gespräch sollte korrigierend, aber auch motivierend sein. Es verfolgt zwei Ziele: Den Teenager zum Engagement verpflichten und dafür sorgen, dass er motiviert bleibt. Eltern dürfen ihr Kind sich nicht aufgeben lassen; das ist schlicht keine Option.

Wie wir gesehen haben, ist die Rolle der Eltern bei Essstörungen keine einfache. Aufgrund der komplexen Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt, empfiehlt es sich möglicherweise, dass auch die Eltern um professionelle Hilfe bitten. Selbst mit der Hilfe eines Experten ist das Durchstehen einer Essstörung ein langer Prozess. Er erfordert viel Geduld, Verständnis, Liebe und Willenskraft. Aber die Mühe lohnt sich.

  • Rosman, B.L., Baker, L., Minuchin S., Psychosomatic Families: Anorexia Nervosa in Context, Harvard University Press, 1978.
  • Palazzoli, M.S., Self-starvation: From Individual to Family Therapy in the Treatment of Anorexia Nervosa, J. Aronson, 1996.