Die Momente, in denen ich nur für mich bin, tun meiner Seele gut

5. Juni 2017 en Emotionen 514 Geteilt

Wenn niemand zusieht, ist meine Seele zufrieden. Ich kann wie ein Kind sein, das spielt, das über irgendetwas lacht und über alles weint, wenn es nötig ist. An diesem Ort kann der Blick eines Erwachsenen das Kind nicht verurteilen. Wenn ich allein bin, finde ich Vergnügen an den kleinen Freuden und am Nichtstun. Meine Träume kennen keine Grenzen. Ich kann nackt herumlaufen oder in einer Badewanne voller Schaumblasen untertauchen. Ich kann meine Sorgen und Ängste zurücklassen.

Wir brauchen wenige Schauplätze so dringend wie die, in denen wir Augenblicke der reinsten Intimität erleben. Eine Intimität, die manchmal heftig, manchmal angenehm, aber vor allem lebensnotwendig ist. Wenn uns nämlich niemand beobachtet, entspannen sich Geist und Seele. Dann werfen wir viele unserer schützenden Hüllen ab. Wir erfreuen uns an so grundlegenden Handlungen wie daran, eine Tasse Kaffee zu trinken und eine Zeitschrift zu lesen. Wir genießen es, uns anzuziehen. Oder unser Blick wird glasig, wenn wir in die warme Beschaulichkeit eines Sonnenuntergangs eintauchen.

Ich liebe die intime Atmosphäre dieser kleinen Momente, in denen mich keiner sieht. Meine Gedanken bekommen plötzlich Flügel und mein Herz entspannt sich. Nichts ist so schön, wie nach Hause zu kommen und meine Schuhe abzustreifen. Und mit ihnen meine Sorgen. Einengende Kleidungsstücke abzulegen. Und die Knöpfe des Stresses zu lockern.

Menschen verbringen einen erheblichen Anteil ihres Tages unter der Knute einer nicht enden wollenden Litanei an Regeln. Sie sollen unser Verhalten in die richtigen Bahnen lenken. Vielleicht ist es aus diesem Grunde so reinigend für uns, wenn wir diesen privaten Raum betreten, wo niemand etwas von uns erwartet. Wir sind keinen urteilenden Blicken ausgesetzt oder Konventionen unterworfen, die uns ein gewisses Verhalten diktieren. Oder wie wir uns kleiden oder auf bestimmte Situationen regieren sollen.

Dieses Thema ist gleichermaßen komplex wie interessant. Wir laden dich ein, mit uns auf eine Entdeckungsreise zu gehen.

Wenn keiner guckt und wir uns nackig machen können

Wir sind gewaltsam in ein gesellschaftliches Universum gesetzt worden, an das wir uns körperlich und psychologisch anpassen müssen. Wir verbringen einen Großteil unseres Lebens damit, uns in verschiedene Umgebungen zu bewegen, wo immer etwas von uns erwartet wird. Wir sollen brave Kinder sein, gute Studenten, leistungsstarke Arbeiter, perfekte Väter und Mütter und jederzeit zuverlässige Freunde.

In meinen Momenten des Alleinseins, wenn niemand auf mich schaut, gibt es keinen Neid. Was da ist, ist Stolz. Währenddessen genieße ich es, meiner Seele und meinen Gedanken alle Gerüchte des Lebens auszuziehen. Mitsamt all dem Druck, den sie auf mich ausüben.

Nun denn: Es versteht sich von selbst, dass die meisten von uns danach streben, jeden Tag allen Ansprüchen gerecht zu werden. Aber genau dieser innere wie auch äußere Druck erzeugt in uns „kleine psychologische Verhärtungen“. Dabei handelt es sich um Druckstellen oder Läsionen, die durch Zermürbung und Erschöpfung entstehen.

Es ist überhaupt keine schlechte Sache, um Spitzenleistungen zu kämpfen. Wir sprechen uns auch nicht gegen das angenehme Glück, zu lieben und geliebt zu werden, aus. Oder gegen das Wunder, wenn wir mit unseren Freunden Augenblicke magischer Komplizenschaft erleben. Aber wir alle – und damit sind wirklich alle gemeint – sehnen uns nach unserem privaten Refugium, wo wir nicht gesehen werden können. Wir können uns endlich entblößen, um uns, die wir unter psychologischem und emotionalen Druck stehen, Erleichterung zu verschaffen.

Gemäß einer Studie, die der Neurologe Mark R. Leary durchgeführt hat – er arbeitet an der US-Amerikanischen Duke University in North Carolina – ist eine der häufigsten Formen von Druck, unter dem die Leute leiden, die sogenannte „Metawahrnehmung“. Darunter versteht man das „vermutete Fremdbild“, also das Bild, von dem wir glauben, wie uns die anderen sehen. Für viele ist das eine Art sozialer Angst, die wahrhaft verstörend ist. Die vorher erwähnten intimen Momente bekommen dort ihre größte Bedeutung. Denn das bedrohliche Gefühl, ständig beurteilt zu werden, wird dort endlich abgestellt.

Für andere ist dieser Aspekt jedoch kaum ein Problem, weil sie alle Zeichen, die sie empfangen, durch ein gutes Selbstkonzept und ein festes Selbstwertgefühl filtern. Sie haben nicht das Bedürfnis danach, irgendwo Schutz zu suchen. Die Augenblicke, die sie nur mit sich selbst verbringen, genießen sie aber gleichermaßen.

Über die Freuden, mit sich selbst vertraut umzugehen, und Routinetätigkeiten

Wir bereiten einen Nachtisch zu und erklären gleichzeitig dem Hund zum hundertsten Male, warum er von uns keine Schokolade bekommt. Wir tanzen durch das Haus mit verstrubbelten Haaren – zwei unterschiedliche Socken an den Füßen und nur in Unterwäsche. Du lackierst dir die Nägel, spielst ein Videospiel, liest erotische Romane und malst mit dem Finger deine Initialen auf eine angelaufene Scheibe, während du zusiehst, wie es draußen regnet…

Ist das wichtig für uns? Ja, und zwar sehr! Weil, was wir tun, wenn uns keiner sieht, niemanden etwas angeht. Wie der Apfelbaum im Garten, auf dem wir uns als Kinder versteckt haben. Wo wir uns einen imaginären Zufluchtsort weit, weit weg von der Welt der Erwachsenen geschaffen haben. Heute sind unsere Gehirne von den Sorgen eines Erwachsenen ausgelaugt und den gleichen Ängsten, die wir schon als Kinder hatten. Wir möchten voller Sehnsucht diesen privaten Bereich wieder für uns entdecken, wo wir uns mit uns selbst verbinden können.

Für Mihaly Csikszentmihalvi, den berühmten Psychologen und Autoren von Büchern wie Flow: Das Geheimnis des Glücks,  sind diese Momente ein unstrittiger Teil unseres persönlichen und emotionalen Wohlbefindens. Deshalb sind sie eine Notwendigkeit.

Jede Tat, mit der wir diese „abgestorbene Haut“ aus negativen Gedanken, Stress oder Alltagssorgen abschälen können und die uns dazu einlädt, uns mit dem gegenwärtigen Moment und mit unserem eigenen Gewissen zu verbinden, ist eine Möglichkeit, in unser Glück zu investieren.

Wenn wir mit der Strömung schwimmen, heißt das einfach, dass wir uns vom angenehmen Surren des Lebens hinwegtragen lassen. Dass wir ohne Eile oder Druck leben, aber dabei dieses wunderbare Abenteuer, wir selbst zu sein, nicht vernachlässigen. Diese Augenblicke des Alleinseins, in denen niemand anderes zugegen ist, sind wesentlich. Da kann man sich ausruhen und seiner Seele gestatten, reines Entzücken zu empfinden. Setze das noch heute in die Tat um!

Auch interessant