Die Haut vergisst nicht, sie erinnert sich immer an Liebkosungen und Schläge

· 8. Mai 2018
Es existiert der allgemeine Irrglaube, dass Personen, die an Morbus Alzheimer oder einer anderen Form der Demenz leiden, sich komplett von der Außenwelt abschotten und in ihre eigene unwirkliche Welt eintreten müssten. Das ist schlichtweg nicht wahr. Man nimmt an, dass die betroffenen Personen nicht mehr dieselben seien, wobei diese Idee daher rührt, dass wir keine Vorstellungen zum Umgang mit Alzheimer haben. Genau deshalb – viel mehr als durch die Erkrankung – verlieren Betroffene ihren Platz in der Gesellschaft und ihre Gefühle ihre Gültigkeit.

Versetzen wir uns einmal in die Lage der an Morbus Alzheimer erkrankten Person. Dann wird uns klar, dass es verständlich ist, vor der Beharrlichkeit der Mitmenschen Angst zu haben. Wir wissen ja selbst nicht, was wir brauchen und fühlen. Andere zu verstehen wird dadurch regelrecht zu einer Hürde. Ehemals vertraute Menschen erscheinen nun wie Fremde. Deshalb verstehen wir nicht, was in bestimmten Momenten von uns erwartet wird.

Nur selten unternehmen wir den Versuch, Personen mit Morbus Alzheimer zu verstehen. Wenn wir es jedoch tun, werden wir erkennen können, wie beängstigend und beunruhigend das tägliche Leben für sie sein kann. Wir werden verstehen, dass unsere emotional geprägten Reaktionen unverhältnismäßig sind. Wir dürfen nicht von unserer „gesunden“ Welt ausgehen, wenn wir sie beurteilen.

„Personen mit DEMENZ stehen PERSONEN mit Demenz gegenüber.“

Thomas Marris Kitwood

Profil aus Blüten repräsentiert das Vergessen aufgrund von Morbus Alzheimer

Die Methode der Validierung, eine personenbezogene Therapie

Im letzten Jahrzehnt konnte in der Demenztherapie ein Trend zu personenbezogenen Modellen beobachtet werden. Diese Ansätze zielen darauf ab, das Umfeld eines Patienten mit Morbus Alzheimer möglichst stimulierend zu gestalten. Das setzt voraus, dass seine Mitmenschen versuchen, sich in die Person mit Demenz hineinzufühlen. Dabei sollen sie ihre Identität bewahren und eine verständnisvolle Haltung gegenüber den bereits stattgefundenen und bevorstehenden Veränderungen entwickeln, auch wenn diese anfänglich verunsichern und Unbehagen hervorrufen.

Die Befürworter dieser Modelle unterstreichen die Notwendigkeit, die Würde der Person zu bewahren. Man sollte also Empathie zeigen, sich auf die innere Realität von Demenzkranken einstellen, wenn man mit ihnen umgeht. Das Ziel ist es, ihnen Sicherheit und Kraft zu geben. Nur so fühlen sie sich anerkannt und motiviert, ihre Gefühle auszudrücken. Und wenn jemand die Möglichkeit erhält, sich wieder verständlich zu machen, wird auch seine Würde wiederhergestellt.

Warum? Validierung bedeutet, die Gefühle der Person anzuerkennen. Sie für gültig zu erklären, zu verstehen, dass sie echt sind. Indem wir seine Gefühle verleugnen, lehnen wir das ganze Individuum ab. Wir machen seine Identität zunichte und schaffen eine große emotionale Kluft.

Personen zweier Generationen halten sich an den Händen

Grundprinzipien der Validierungsmethode

Dem CREA Alzheimer (zu Deutsch: Das staatliche Referenzzentrum für die Pflege von Menschen mit Morbus Alzheimer und anderen Demenzerkrankungen, Salamanca, Spanien) zufolge sind die Grundprinzipien der Validierungsmethode:

  • Die Person sollte akzeptiert anstatt verurteilt werden.
  • Es gilt, sie wie ein einzigartiges Individuum zu behandeln.
  • Alle Menschen sind wertvoll, unabhängig davon, wie desorientiert sie sein mögen.
  • Der Mensch drückt bestimmte Gefühle aus. Erkennt und bestätigt ein vertrauenswürdiger Gesprächspartner diese anschließend, verlieren sie an Intensität. Werden sie ignoriert oder sogar abgelehnt, gewinnen sie an Stärke: „Eine ignorierte Katze wird zum Tiger.“
  • Wenn das Kurzzeitgedächtnis schwächelt, finden wir das Gleichgewicht wieder, indem wir frühere Erinnerungen abrufen. Wir ziehen das geistige Auge heran, um wieder sehen zu können. Funktioniert das Gehör nicht einwandfrei, hören wir auf die Geräusche der Vergangenheit.

Demente Menschen brauchen eine Verbindung zur Welt

Der neueste Disney-Film Coco – Lebendiger als das Leben!  zeigt uns auf sehr emotionale Weise, wie wir mit Menschen, die an Morbus Alzheimer leiden, in Kontakt treten können. Wie wir ihre Haut und ihre tiefsten Gefühle ansprechen können. Denk stets an mich  ist ein emotionales Lied, das unser Herz berührt und das in diesem Film vorgetragen wird.

Geht die Fähigkeit, sich verbal auszudrücken, verloren, bedeutet dies nicht, dass der Mensch sich nicht mehr ausdrücken möchte. Aus diesem Grund ist es wichtig, sich an die Bedürfnisse der betroffenen Menschen anzupassen, sich in ihren Geisteszustand hineinzuversetzen und sich mit ihnen zu verbinden.

Die Musiktherapeutin Tomaino sagte im Jahr 2000: „Es ist immer wieder überraschend, dass eine Person, die aufgrund von Morbus Alzheimer von der Gegenwart getrennt ist, wieder auflebt, wenn ein vertrautes Lied gespielt wird.“  Die Reaktion der Person kann von einer Veränderung der Position zu einem Lächeln oder einer verbalen Äußerungen ganz unterschiedlich ausfallen. Eine solche Reaktion verrät viel über den Selbsterhaltg. Offenbar können persönliche Geschichten nach wie vor abgerufen werden. Und sie gehen mit Gefühlen einher, die es im Umgang mit Alzheimer zu berücksichtigen gilt.