Die gesellschaftliche Wahrnehmung psychischer Störungen

Die gesellschaftliche Wahrnehmung psychischer Störungen hat sich ebenso weiterentwickelt, wie die Sichtweise der Psychologie. Allerdings ist die soziale Perspektive in Bezug auf diese Störungen häufig ziemlich pervers. Das liegt daran, dass sie im Allgemeinen sowohl die Sichtweise auf die erkrankte Person als auch auf die klinische Praxis verzerrt.
Die gesellschaftliche Wahrnehmung psychischer Störungen

Letzte Aktualisierung: 28 Februar, 2021

Die Arbeit von Psychologen wurde schon zu vielen Gelegenheiten und von unzähligen Seiten kritisiert und attackiert. Leider ist die vorgebrachte Kritik nicht immer wirklich konstruktiv. Die gesellschaftliche Wahrnehmung psychischer Störungen basiert häufig auf populären Mythen, Kneipenwitzen, internen Debatten, unterschiedlichen Strömungen, Ignoranz oder den Aussagen derer, die glauben, sie würden etwas Schlaues sagen, obwohl sie letztendlich keine Ahnung davon haben. Hinzu kommen die Auswirkungen auf die Arbeit und die Reproduktion von Modellen. Außerdem das Versäumnis, starke methodische Grundlagen zu schaffen, bevor man zur Untersuchung übergeht.

Diese Problematik hat nicht nur triviale Folgen gehabt. Vielmehr hat sie direkte Auswirkungen auf das gesellschaftliche Konzept und die gesellschaftliche Wahrnehmung psychischer Störungen. Und auf all jene, die an einer solchen Erkrankung leiden.

“Ich leide nicht an Geisteskrankheit. Ich genieße jede einzelne Minute davon.”

-Edgar Allan Poe-

Die verzerrte gesellschaftliche Wahrnehmung psychischer Störungen

Darüber hinaus gibt es in der Psychologie ein falsches Paradoxon über das Lernen durch Affekte. Niemand würde eine Operation durchführen, ohne vorher Medizin studiert zu haben, unabhängig davon, wie notwendig diese sein mag. Aber es gibt unzählige Menschen, die über Depressionen schreiben und ihre Aussagen oder Lösungsanleitungen damit begründen, welches Leiden sie selbst schon überwunden haben. Sie glauben sogar, dass ein Modell, das logisch aus ihren persönlichen Erfahrungen abgeleitet ist, perfekt auf alle anderen extrapoliert werden kann. Was du tun musst, ist ____ (du kannst die Leerstelle entsprechend füllen).

gesellschaftliche Wahrnehmung psychischer Störungen - Mann hält Vortrag

Ein anderer Blick auf das Gebiet der Psychologie

Bis vor Kurzem galten diejenigen, die sich hilfesuchend an einen Freund wandten, als normal. Während diejenigen, die einen Psychologen aufsuchten, als “geisteskrank” oder psychisch labil angesehen wurden. Konsultationen, Diagnosen und Interventionen wurden wie der Staub unter den Teppich gekehrt, wenn Besuch kommt. Mit dem Eingeständnis einer psychischen Erkrankung war die Angst vor Ablehnung und die Angst davor, zum Gegenstand von Klatsch und Tratsch in der Nachbarschaft zu werden, verbunden.

Glücklicherweise wandelt sich diese Situation und heute scheinen Psychologen mehr im täglichen Leben sichtbar zu sein. Psychische Gesundheit ist nicht nur ein Garant für beruflichen Erfolg, die emotionale Intelligenz oder die Fähigkeit, Belohnungen aufzuschieben, als Prädiktoren für Erfolg. Tatsächlich ist dies noch viel weitreichender. Sie ist eine Quelle für das persönliche Wohlbefinden und Zufriedenheit. Genau wie auch die Arbeit an deinem Körper, indem du Sport treibst oder dich gesund ernährst.

Diejenigen, die diese dunklen Zeiten für die Psychologie erlitten haben, die am meisten Betroffenen, hatten eine psychische Störung. Hier ist ein Beispiel, damit du das besser verstehen kannst. Es ist keine authentische Geschichte, sondern einem Dialog aus dem Roman von Louise Penny mit dem Titel Denn alle tragen Schuld (Originaltitel: Still Life) entnommen. Jeder Leser, der Kriminalromane liebt und Geschichten mag, in denen die Charaktere eine tiefere Rolle haben, wird sich daran erfreuen.

Der erste Absatz lautet folgendermaßen:

“Ich war war vor einigen Jahren Psychologe in Montreal. Die meisten Menschen klopften an meine Tür, als sie eine Krise hatten. Und die meisten dieser Krisen führten zu einem Verlust: Verlust einer Ehe oder einer wichtigen Beziehung; Verlust der Sicherheit, eines Arbeitsplatzes, eines Hauses, eines Vaters oder einer Mutter. Etwas trieb sie dazu, um Hilfe zu bitten und in ihr Inneres zu blicken. Oft war der Auslöser entweder eine Veränderung oder ein Verlust”

“Ist das dasselbe?”

“Es kann für jemanden, der sich nicht anpassen kann, dasselbe sein.”

Dieses Zeugnis eines fiktiven Psychologen spiegelt weitgehend die oberflächliche gesellschaftliche Wahrnehmung wider. Oberflächlich, weil der gemeinsame Nenner, also der Impuls, um Hilfe zu bitten, nicht aus einem Verlust, sondern aus dem Schmerz entsteht.

Zum einen ist dies eine Art von Schmerz, die nicht nur diejenigen empfinden, die sich nicht anpassen können. Andererseits ist die Nutzung einer Ressource, beispielsweise die Konsultation eines Psychologen, in den meisten Fällen ein Zeichen der Anpassung.

gesellschaftliche Wahrnehmung psychischer Störungen - Frau tröstet verzweifelte Frau

Der Patient als Verantwortlicher für seine psychischen Störungen

Der Dialog geht weiter und erreicht den interessantesten und gefährlichsten Punkt. Der Psychologe im Roman sagt: “Nachdem ich mir 25 Jahre lang ihre Beschwerden und Klagen angehört hatte, schloss ich schließlich meine Praxis. Ich bin eines Morgens aufgewacht und habe etwas über einen 45-jährigen Klienten erkannt, der sich so verhielt, als wäre er 16.”

Jede Woche kam er mit den gleichen Klagen, “Jemand hat mich verletzt, das Leben ist nicht fair, das ist nicht meine Schuld. Ich habe drei Jahre damit verbracht, ihm Dinge vorzuschlagen und er hat während all dieser Zeit überhaupt nichts verändert. Dann habe ich es plötzlich verstanden, als ich ihm an diesem Tag zuhörte: Er veränderte sich nicht, weil er es nicht wollte und keinerlei Absicht hatte, dies zu tun. Wir würden diese gleiche Farce noch weitere zwanzig Jahre so aufrechterhalten. Und genau in diesem Moment erkannte ich, dass die meisten meiner Klienten genau wie er waren.”

Der fiktive Psychologe irrt sich in Bezug auf psychische Störungen und seine Denkweise basiert weitgehend auf einem Mythos. Seine Prämisse, dass jemand aufgrund seines fehlenden Verlangens oder Willens keine Erleichterung oder Heilung für eine psychische Störung finden kann, ist schlichtweg falsch. Dies liegt daran, dass die sekundären Gewinne aus der Situation, in der du dich befindest, stark genug sind, um jeden Interventionsversuch zu vereiteln. Mit anderen Worten, der Schmerz ist nicht so groß, dass der Patient Anstrengungen unternehmen möchte, um Veränderungen vorzunehmen, die seine Gewohnheiten/Verhaltensweisen/Dynamiken adaptiver machen würden.

Die perverse gesellschaftliche Wahrnehmung psychischer Störungen

Entweder durch Unterlassung oder Beauftragung führt diese Sichtweise der Realität dazu, dass der Patient als schuldig an seiner Nicht-Genesung angesehen wird. Schuldig/verantwortlich zu sein wäre also nicht die Aufmerksamkeit wert, die er von seiner Umgebung oder von den Ressourcen, die ihm das System zur Verfügung stellen könnte, verdienen würde.

“Es wird ihnen besser gehen, wenn sie sich entscheiden, _____ (du kannst die Leerstelle entsprechend füllen)”, ist nach wie vor die Meinung vieler Menschen zu diesem Thema. Dies ist vielleicht einer der perversesten Gedanken, die es in dieser Hinsicht gibt.

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