Die Geschichte vom gepunkteten Kater und der Schwalbe Sinha

· 19. Juni 2017

Diese Fabel wurde von dem bereits verstorbenen brasilianischen Schriftsteller Jorge Amado erdacht. Wie in den meisten Fabeln handelt es sich bei den Hauptfiguren um Tiere, denen menschliche Eigenschaften zugeschrieben werden. Diese Art von Geschichte beabsichtigt fast immer, eine Lektion zu erteilen oder eine Moral zu vermitteln. Sie erfüllt eine didaktische Funktion und stellt zudem einige Aspekte des menschlichen Tuns infrage.

Die Erzählstruktur der Fabel beruht auf Widerstand, das heißt, die Hauptfiguren sehen sich Herausforderungen gegenüber. Diese Konfrontationen entstehen jedoch unter ungleichen Bedingungen. Aus einer soziologischen Perspektive könnten sie sich beispielsweise zwischen einer Person aus einer höheren sozialen Schicht und ihrem Gegenspieler aus einer niedrigeren Schicht entfalten. Aber durch ein unvorhergesehenes Ereignis tauschen sie ihre Rollen.

Der gepunktete Kater

Die Geschichte vom gepunkteten Kater und der Schwalbe Sinha, um die es gehen soll, spielte sich in einem Park voller verschiedener Tier- und Pflanzenarten ab. Mit der Entwicklung der Handlung wird klar, dass die Atmosphäre, die durch Wetter und Jahreszeiten geschaffen wird, die Laune der Figuren beeinflusst.

„Man könnte ebensogut Feuer im Schnee entzünden wie den Versuch machen, das Feuer der Liebe mit Worten zu löschen.“

 William Shakespeare

Amado beschreibt den gepunkteten Kater, eine der Hauptfiguren, als jemanden im mittleren Alter, weit entfernt von seiner Jugend. Er erzählt weiter: „In diesem Teil der Welt gab es kein selbstsüchtigeres und eigenbrötlerischeres Wesen. Er pflegte kein freundschaftliches Verhältnis zu seinen Nachbarn und reagierte fast nie auf die seltenen Grüße, welche Passanten mehr aus Angst als aus Gutmütigkeit an ihn richteten.“

An der Gewöhnlichkeit des Parks änderte sich nichts, bis der Frühling kam. Mit „freundlichen Farben, bezaubernden Düften, schönen Melodien. Der gepunktete Kater schlief, als der Frühling seinen Schlaf plötzlich und kraftvoll unterbrach. Seine Gegenwart war so stark und eindringlich, dass sie ihn aus seinem traumlosen Schlummer erweckte. Er öffnete seine braunen Augen und streckte sich.“

In diesem neuen frühlingshaften Abschnitt verspürte der Kater einen ungewöhnlichen Optimismus. „Er fühlte sich leicht, wollte ohne Hintergedanken nette Dinge sagen und ohne Grund nach draußen gehen, sogar um sich mit jemandem zu unterhalten. Er blickte sich noch einmal mit seinen braunen Augen um, aber es war niemand da. Alle waren geflohen.“  Aber „auf einem Baumzweig saß die Schwalbe Sinha und zwitscherte und lächelte den gepunkteten Kater an. Währenddessen blickten alle anderen Parkbewohnern aus ihren Verstecken angsterfüllt auf die Schwalbe Sinha.“

Die Schwalbe Sinha

Jorge Amado erzählt uns von der anderen Hauptfigur: „Wenn sie vorbeiflog, lächelnd und kokett, gab es keinen Vogel im heiratsfähigen Alter, der ihr nicht hinterhersah. Sie war noch sehr jung, aber wo auch immer sie war, wurde sie von allen jungen Vögeln im Park angesprochen. Sie lachte mit ihnen, sie verstand sich gut mit ihnen, aber sie liebte niemanden. Völlig unbekümmert flog sie von Baum zu Baum durch den Wald. Neugierig und redselig, unschuldig im Herzen. Um die Wahrheit zu sagen, gab es keinen anderen Vogel in irgendeinem der Parks in der Umgebung, der so schön und so gutmütig war wie Sinha.“

Die Schwalbe führte ein Gespräch mit dem Kater, in dem sie ihn sogar beleidigte, was die anderen Bewohner des Parks als ihr Todesurteil ansahen. Ihre Eltern hatten ihr verboten, irgendetwas mit Katzen zu tun zu haben, da sie die natürlichen Feinde des Vogels waren. Aber sie kümmerte sich schlichtweg nicht um diese Anweisung und unterhielt sich mit ihm.

„In dieser Nacht legte die Schwalbe ihren niedlichen kleinen Kopf auf das Rosenblatt, das ihr als Kopfkissen diente. Sie hatte beschlossen, das Gespräch mit dem Kater am nächsten Tag weiterzuführen. ,Er ist hässlich, aber nett…‘, murmelte sie im Halbschlaf. Was den gepunkteten Kater anging, auch er dachte über die unfreundliche Schwalbe Sinha nach. Allerdings fehlte ihm eine Sache: ein Kopfkissen. Der gepunktete Kater war nicht nur gemein und hässlich, sondern auch arm und legte seinen Kopf auf seinen Pfoten ab.“

Die Krankheit des Katers

Der Kater war sehr müde, so sehr, dass er meinte, krank zu sein. Dann stellte er fest, dass er Fieber hatte und ging an den See, um dort mit Wasser die Hitze zu lindern, die er verspürte. Und da, im See, sah er das Spiegelbild der Schwalbe Sinha, die ihn anblickte. „Und er fand sie in jedem Blatt wieder, in jedem Tropfen Tau, in jedem Strahl der untergehenden Sonne, in jedem Schatten der Nacht, der ihn traf. Als er schließlich einschlafen konnte, träumte er von der Schwalbe. Es war der erste Traum, den er seit vielen Jahren hatte.“

Der gepunktete Kater merkte nicht, dass er sich verliebt hatte. Er erkannte seine Gefühle nicht wirklich. Als er jung war, hatte er sich häufig verliebt, so gut wie jede Woche, aber er schrieb diesen Gefühlen keinerlei Bedeutung zu. Er hatte in der Tat viele Herzen gebrochen. Als er aufwachte, erinnerte er sich, dass er die ganze Nacht von der Schwalbe geträumt hatte, beschloss aber, nicht weiter darüber nachzudenken.

Trotzdem besuchte er die Schwalbe Sinha den ganzen Frühling über immer wieder, um sich mit ihr zu unterhalten, und den beiden ging nie das Gesprächsthema aus. Bald begannen sie, gemeinsam im Park spazieren zu gehen. Er lief auf dem frischen Gras und sie flog neben ihm her. Sie strichen umher, ohne einem bestimmten Pfad zu folgen und kommentierten die Farben der Blumen, die Schönheit der Erde.

„Der gepunktete Kater durchlebte eine Veränderung. Jetzt bedrohte er keine Lebewesen mehr oder zerriss Blumen mit seinem Kiefer; das Haar in seinem Nacken stellte sich nicht mehr auf, wenn ein Fremder in der Nähe war, und er verscheuchte keine Hunde mehr, indem er seine Schnurrbarthaare aufstellte und sie leise beschimpfte. Er verwandelte sich in ein sanftes und freundliches Wesen. Er war es nun, der die anderen Parkbewohnern grüßte, er, der doch zuvor nie auf die zurückhaltende Begrüßung der anderen reagiert hatte.“

Kennt die Liebe Grenzen?

Eines Tages, gegen Ende des Sommers, aßen die Schwalbe und der Kater gemeinsam zu Abend. In einem unbedachten Moment während des Gesprächs konnte der Kater sich nicht mehr zurückhalten und teilte ihr mit, das er um ihre Hand anhalten würde, wäre er keine Katze. „Nachdem, was in dieser Nacht geschah, kehrte die Schwalbe nicht zurück. Der Kater versuchte, zu verstehen, was mit ihr los war, mit welchen gegensätzlichen Gefühlen sie zu kämpfen hätte. Von Traurigkeit und Einsamkeit erfüllt beschloss er, die Eule zu Rate zu ziehen.“

Zunächst erzählte er der Eule unbedeutende Dinge. Aber da dieser Vogel sehr weise war, merkte sie bald, was hinter dem unerwarteten Besuch steckte, und ohne auf seine Frage zu warten, begann sie ihm von den Gerüchten zu erzählen, die über seine Treffen mit der Schwalbe im Park umgingen.

Alle dachten schlecht über ihn und das machte ihn sehr wütend. Schließlich teilte ihm die Eule ihre Meinung mit: „Mein alter Freund, da kann man nichts machen. Wie konntest du nur annehmen, dass die Schwalbe dich als ihren Ehemann akzeptieren würde? So ein Paar hat es noch nie gegeben, auch wenn sie dich geliebt hat.“

Trotz allem besuchte der Kater die Schwalbe wieder, als es Herbst wurde. Ihr Verhalten ihm gegenüber war sehr ernst und distanziert. Sie lächelte nicht mehr und zeigte auch keinerlei Zuneigung, wie sie es zuvor getan hatte. Das machte den Kater sehr traurig und er konnte es nicht verbergen. In seinem Herzen spürte er das Echo dessen, was die Eule gesagt hatte, und konnte nur schweigend neben der Schwalbe hergehen.

In dieser Nacht war der Kater wieder der alte Grobian von früher. Er jagte die schwarze Ente, verängstigte den Papageien, zerkratzte einem Hund die Nase und stahl Eier aus dem Hühnerhaus, nur um sie ins Feld zu werfen. Die Neuigkeiten verbreiteten sich wie ein Lauffeuer im Park und wieder fürchteten alle den Kater als die ewige Inkarnation des Bösen.

Das Ende

Einige Tage später erhielt der gepunktete Kater über eine Brieftaube einen Brief von der Schwalbe. In diesem Brief schrieb sie, dass eine Schwalbe niemals eine Katze heiraten könne und dass sie sich nicht mehr sehen sollten.

Allerdings fügte sie auch hinzu, dass sie niemals so glücklich gewesen sei wie während dieser ziellosen Spaziergänge im Park mit dem gepunkteten Kater. Sie endete den Brief mit einem Satz, der sich in sein Herz brannte: „Für immer dein, Sinha.  Der gepunktete Kater las diesen Brief wieder und wieder, bis er ihn auswendig konnte.

Einige Zeit später tauchte die Schwalbe ohne Vorwarnung beim Kater auf. Sie war sehr charmant und zärtlich, wie im Frühling. Es war, als ob nichts geschehen sei und als ob jeglicher Abstand zwischen ihnen wieder überbrückt worden sei. Der Kater war berührt. Am Ende des Nachmittags fand er die Wahrheit heraus: Sie waren zusammen, bis es dunkel wurde. Dann erzählte sie ihm, dass dies das letzte Mal sei, dass sie sich sähen, und dass sie die Nachtigall heiraten würde. „Warum? Weil eine Schwalbe keine Katze heiraten kann.“

Der gepunktete Kater war von dieser Nachricht am Boden zerstört. Während der Hochzeitszeremonie hielt er es nicht mehr aus und lief ganz nach vorn. Die Schwalbe, welcher das Geräusch seiner Schritte vertraut war, wusste, dass er da war und überließ dem Wind eine ihrer Tränen, um sie in die Hand des Katers zu tragen. „Diese erleuchtete den einsamen Pfad des Katers in dieser sternlosen Nacht. Der Kater ging entlang der schmalen Pfade, die zur Kreuzung mit dem Ende der Welt führen.“