Die Gahuku-Gama: Gleichheit und Solidarität

18 Januar, 2021
Im Jahr 1962 schrieb der französische Anthropologe Claude Lévi-Strauss über die Praktiken der Gahuku-Gama-Gemeinschaft in Neuguinea. Für sie waren Spiele nicht nur Spaß oder Unterhaltung, sondern vielmehr ein Mikrokosmos ihrer gesellschaftlichen Werte.

Die Gahuku-Gama oder Gahuku-Kama aus Neuginea haben vollkommen andere Sitten und Moralvorstellungen als die restliche westliche Welt. Insbesondere in Bezug auf ihre Ansichten über Konflikte und Wettbewerb. Diese Gemeinschaft unternimmt alles in ihrer Macht stehende, um Frieden und Harmonie aufrechtzuerhalten.

Ihre außergewöhnlichen und einzigartigen Praktiken beschrieb Claude Lévi-Strauss – der Vater der modernen Anthropologie – in seinem Buch Das wilde Denken. Die Gemeinschaft der Gahuku-Gama war bis zum Jahr 1930 von der westlichen Welt isoliert. Zu jener Zeit kamen sie das erste Mal mit Missionaren in Kontakt, die vorwiegend aus Europa kamen.

Lévi-Strauss berichtet, dass die Missionare den Gahuku-Gama zuerst einmal das Fußballspielen beigebracht hätten. Später passten sie den Sport dann an ihre eigenen Werte und Sitten an.

Überraschenderweise entschieden sich die Gahuku-Gama dagegen, Fußball zu einem Wettstreit zweier gegnerischer Mannschaften zu machen. Stattdessen spielten sie häufig für mehrere Tage und absolvierten so viele Spiele wie nötig, damit beide Teams ein Unentschieden erzielen konnten.

Gahuku-Gama - weißer Fußball

Die Gahuku-Gama

Für die Gahuku-Gama ist die Vorstellung, dass einige Menschen gewinnen, während andere unweigerlich verlieren müssen, schlichtweg inakzeptabel. Beide Zustände sind entwürdigend und gefährden die Stabilität der Gruppe als Ganzes. Daher beschlossen sie, das Fußballspiel auf eine ganz neue Ebene zu heben und verwandelten es von einem einfachen Spiel in eine Art Ritual.

Für diese Gemeinschaft aus Neuguinea ist Solidarität ein grundlegender Wert. Infolgedessen konnten sie kein Spiel akzeptieren, bei dem das Ziel darin bestand, dass ein Team das andere besiegt. Da die Gahuku-Gama Anstrengung sehr schätzen, erschien es ihnen zutiefst unfair, dass eine Mannschaft verlieren würde, egal wie sehr sich die Spieler auch bemühten.

Aus diesem Grunde dauern ihre Fußballspiele häufig mehrere Tage. Obwohl das Ziel darin besteht, dass die Teams letzten Endes unentschieden spielen, bedeutet dies nicht, dass ein Team dem anderen gegenüber Zugeständnisse machen darf – dies würde als unehrlich angesehen werden. Das Ziel besteht darin, dass beide Teams wachsen und sich entwickeln, bis sich alle auf gleicher Augenhöhe befinden. Durch ein Unentschieden werden beide Teams gleichzeitig zu Siegern und Verlierern.

Wettstreit, um ein Unentschieden zu erzielen

Vielleicht glaubst du, dass die Gahuka-Gama eine Ausnahme sind. Viele Theorien über das menschliche Verhalten behaupten, dass Krieg, Wettkampf und Konflikt ein inhärenter Bestandteil der menschlichen Natur seien. In der Theorie mag dies auch stimmen. Aber viele Kulturen fördern ein Gefühl der Solidarität, anstatt auf Konkurrenz und Konfrontation zu setzen.

Es gibt Belege dafür, dass einige antike Kulturen – noch vor der Zeit der alten Griechen – ähnliche Werte vertraten. Tatsächlich haben einige Gruppen in ihrer langen Geschichte noch nie einen einzigen Krieg bestritten, beispielsweise die Inuit in Alaska.

Viele dieser Völker leben in Gebieten, in denen die Ressourcen sehr knapp sind. Daher haben sie entschieden, dass es wesentlich besser für das Gemeinwohl ist, gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Anstatt um die wenigen vorhandenen Ressourcen zu konkurrenzieren. In gewisser Weise ist auch dies ein Entwurf, bei dem jeder Beteiligte gleichzeitig ein Gewinner und ein Verlierer ist.

Auf der anderen Seit der Welt, in Patagonien, gibt es weitere Gemeinschaften mit ähnlichen Sitten und Wertvorstellungen. Zum Beispiel die Yámana oder Yaghan, von denen es heute aufgrund der Einmischung des “weißen Mannes” nur noch sehr wenige gibt. Auch sie haben keinerlei Aufzeichnungen darüber, dass irgendein Mitglied ihrer Ethnie jemals an einem Krieg oder irgendeiner anderen Form der physischen Konfrontation mit anderen Gemeinschaften beteiligt war.

Gahuku-Gama - Männchen, die sich an den Händen halten

Was können wir von den Gahuku-Gama lernen?

Wir könnten uns eine Menge Sorgen, Stress und Ängste ersparen, wenn wir offener für einige der Sitten und Praktiken wären, die in diesen Gemeinschaften zu beobachten sind. Denn viele unserer Probleme entspringen unserer ungesunden Besessenheit von Erfolg und Niederlage; Minderwertigkeits- und Überlegenheitsgefühlen, die uns nachts nicht schlafen lassen und unserer Unfähigkeit, Konflikte zu lösen und dem daraus resultierenden Wunsch, sich durchzusetzen.

Werte wie die des Gahuku-Gama-Stammes spiegeln einen kollektiven Willen zum Wachstum wider und zeigen auf, dass ein individuelles Wachstum nicht ausreichend ist. Die Arbeit ist erst dann vollendet, wenn es uns gelingt, anderen dabei zu helfen, mit uns zu wachsen.

Wir alle fühlen uns wohler, wenn wir ein Gefühl der Fairness und Gleichheit erreichen, ein Prinzip der universellen Gerechtigkeit, durch das wir andere ebenso wie uns selbst wertschätzen können. Das ist genau das, was diese alten Kulturen tun, indem sie eine Mischung aus neuen Spielen und alten Bräuchen nutzen, um individuellen und kollektiven Frieden zu gewährleisten.

Araújo, J. (1996). XXI, siglo de la ecología: para una cultura de la hospitalidad. Espasa.