Die Evolution der romantischen Liebe

· 30. September 2018

Laut der Anthropologin Helen Fisher würden Menschen geboren, um zu lieben. Ob das nun richtig ist oder nicht, diese intensive und komplexe Emotion ist auch die Quelle unserer Existenz. Liebe ist das, was uns zu Kreativität inspiriert. Auf der anderen Seite verursacht sie aber auch jede Menge Kummer. Wenn du also die Entwicklung der romantischen Liebe verstehst, wirst du tiefer in deine eigene Essenz eintauchen können.

Wenn wir jetzt sagen, dass „Liebe alles ist“, würden einige Leser wahrscheinlich ziemlich skeptisch schauen. Als Gesellschaft neigen wir dazu, etwas zynisch zu sein. Nichtsdestotrotz hat dieses Gefühl, dieser lebendige, revolutionäre Einfluss aus biologischer oder sogar anthropologischer Sicht es uns ermöglicht, es als eine Spezies zu etwas zu bringen. Denn Liebe verbindet nicht nur Paare miteinander. Ihr Zweck besteht auch nicht allein darin, Kinder zu zeugen und somit die eigene Art zu erhalten.

„Leidenschaft ist das Schnellste, das sich entwickelt, und das Schnellste, das verblasst. Die Intimität entwickelt sich langsamer und die Verpflichtung sogar noch allmählicher.“

Robert Sternberg

Zuneigung ist die Basis von Zusammenarbeit. Sie motiviert uns dazu, uns um eine andere Person zu kümmern. Liebe regt uns an und reduziert unsere Angst und unseren Stress. Sie beruhigt Befürchtungen und weckt unsere kreative Seite. Deshalb ist es so wichtig, ihre Entwicklung zu verstehen. Wenn du die Evolution der romantischen Liebe begreifen kannst, kannst du auch sehen, wie jede Stufe in deiner Beziehung ihre eigenen Vorteile, eigene Funktion und Transzendenz hat. Dazu laden wir dich ein.

Eine fantastische Malerei zeigt ein sich liebendes Paar in Form einer Walnuss.

Die Evolution der romantischen Liebe – eine variable und doch feste Substanz

Gerald Hüther, Neurobiologe und Professor für Neurobiologie an der Universität Göttingen (Deutschland), definierte einige interessante Neuformulierungen hinsichtlich der Evolution des Menschen. Laut Hüther habe die Wissenschaft in Sachen Evolutionstheorie bisher den Aspekt der natürlichen Selektion und das Überleben des Stärkeren betont. Für Dr. Hüther ist das, was uns als Spezies wirklich vorangebracht hat, aber nichts anderes als der zarte, wenngleich unglaublich feste „Kleber der Liebe“.

Trotzdem wissen wir alle, dass die Liebe eine „Substanz“ ist, die wir unter dem Mikroskop nicht sehen können. Doch nicht nur das, sie dauert nicht auf ewig an und sie erscheint selten mehrfach in derselben Form oder demselben Zustand. Es gibt Hindernisse, Enttäuschungen, Herausforderungen. Genau wie für Helen Fisher, ist für Gerald Hüther nichts wichtiger als das Verständnis der Evolution der romantischen Liebe. Wenn du die jeweiligen Eigenschaften jeder einzelnen Phase verstehst, bist du besser auf die unvermeidlichen Höhen und Tiefen vorbereitet. Sehen wir nun, welche diese Phasen sind.

Intensive Verliebtheit

Dies ist die Stufe, die wir am meisten mögen. Sich zu verlieben, ist ein Erwachen voller Geheimnisse, Fantasien und Entdeckungen. Während dieser Phase erleben wir einen explosiven Cocktail aus Dopamin, Serotonin, Oxytocin und Noradrenalin. In dieser Phase ist alles sehr intensiv. Emotionen sind überwältigend und im Kopf hat nichts höhere Priorität als diese eine besondere Person.

Der bekannte Psychologe John Gottman beschreibt diese Phase in seinem Buch Principia Amoris: The New Sience of Love  (zu Deutsch: Das Prinzip der Liebe: Die neue Sicht auf die Liebe, noch nicht auf Deutsch verfügbar). Er sagt, dass diese erste Stufe der Liebe definiere, was wir als „intensive Verliebtheit“ kennen. Sie sei ein Zustand absoluter Gnade, der von Euphorie und überwältigender Freude geprägt sei.

Eine fantastische Malerei zeigt ein sich liebendes Paar in einer Blüte.

Romantische Liebe oder Verbindung

Nach der wilden Zeit des Verliebtseins erreichen wir ein anderes Level. In dieser Phase der Entwicklung der romantischen Liebe beginnen beide Partner, Zweifel zu haben: Ist das, was wir begonnen haben, für dich dasselbe wie für mich? Wirst du immer bei mir sein? Kann ich dir vertrauen?

Diese Art von Fragen und Zweifel weichen einer anderen Phase: der der romantische Liebe. Die Leidenschaft ist immer noch da, aber jetzt haben wir auch Angst, Sorgen und vor allem das Verlangen nach Transzendenz. Mehr als alles andere wollen wir uns mit demjenigen verbinden, den wir lieben. Das ist eine der schönsten Phasen einer Beziehung, wie der Aufbruch zu einer Reise. Die Besessenheit aus der Phase der intensiven Verliebtheit verschwindet und ein echtes Gefühl des Vertrauens entsteht.

Auf der anderen Seite ist es in dieser Phase üblich, dass Probleme auftreten. Wir wollen unsere Verbindung mit der anderen Person stärken. Folglich müssen wir uns besser kennenlernen und Unterschiede überwinden. Es ist wie bei einem Tanz, bei dem jeder Partner auf seine Schritte achten muss, ohne die andere Person zu stören. In diesem Stadium sind Empathie, Gegenseitigkeit, Fürsorge und Toleranz von größter Bedeutung.

Wenn wir alle diese Probleme effektiv und mit Intelligenz lösen können, werden wir die Reife erlangen, um zu den nächsten Phasen überzugehen.

Reife Liebe – das Band der Loyalität

Es gibt keine zuverlässigen Schätzungen darüber, wie lange romantische Liebe andauern kann. Manche Leute sagen, es seien niemals mehr als fünf Jahre. Helen Fisher gibt jedoch in einem Artikel an, dass zwischen 30 und 40 % der älteren Paare sagen, dass sie immer noch in dieser Phase leben. Wenn sich die Romantik nicht auflöst, garantiert dies eine sehr glückliche Verbindung.

Trotzdem betont John Gottman, wie wichtig es sei, an der reifen Liebe zu arbeiten. Er glaubt, dass es darum gehe, eine feste gegenseitige Verpflichtung aufzubauen. Wir müssen die andere Person als unseren besten Freund und Teamkollegen ansehen und sie zutiefst schätzen. Jeder der Partner muss mit dem anderen zärtlich sein und eine starke und verständnisvolle emotionale Bindung pflegen. All das wird das Leben beider Partner gleichermaßen bereichern.

Eine fantastische Malerei zeigt ein Paar bei einem Spaziergang durch eine Wüste mit Blüten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass nun etwas über die Evolution der romantischen Liebe klar sein sollte: Es ist nicht die Zeit, die bestimmt, wann die einzelnen Phasen stattfinden und abgeschlossen werden. Liebe und ihre Veränderungen folgen keinen Regeln. Stabilität und ein engagiertes, loyales und bereicherndes Glück zu erreichen, erfordert eine große Anstrengung. Wenn du diese Anstrengung unternehmen willst, dann wisse: Du musst ein Handwerker sein, die Ecken und Kanten glätten und reparieren, was kaputt geht. Du musst ermutigend und verständnisvoll sein. Wissen, wie man zuhört, und dein Herz lehren, zu verstehen und zu trösten.

Dies ist eine komplexe Reise, daran besteht kein Zweifel. Aber die Liebe ist ein Abenteuer, das viel Freude und keine Trauer verdient.