Die Bezugsrahmentheorie und das menschliche Verhalten

17 Juni, 2020
Laut der Bezugsrahmentheorie (BRT) können bestimmte Eigenschaften der menschlichen Sprache Leiden erzeugen und fördern. Wenn wir zum Beispiel buchstäblich glauben, was uns unsere Gedanken, Emotionen und Gefühle vermitteln und wenn wir uns nach ihrem Diktat verhalten.

Die Bezugsrahmentheorie (BRT) ist eine psychologische Theorie über Sprache und Kognition, auf der die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) aufbaut. Aus Sicht der Bezugsrahmentheorie sind das menschliche Verhalten und die Sprache untrennbar miteinander verbunden.

Der Bezugsrahmen liefert eine funktionale Erklärung für bestimmte Erkenntnisse, die in der kognitiven Sprachforschung gewonnen wurden. Er bildet auch die Grundlage für die monistische Untersuchung von Erscheinungen. Die Bezugsrahmentheorie zielt darauf ab, die sogenannten mentalen Vorgänge operational und experimentell zu untersuchen.

Konzept und Eigenschaften der Bezugsrahmentheorie

Damit du verstehen kannst, was ein Bezugsrahmen ist, musst du folgendes wissen: Menschliche Wesen lernen nicht nur durch direkte Erfahrungen. Sie lernen auch auf indirektem Wege, indem sie Reize losgelöst von ihren physikalischen Eigenschaften in Beziehung setzen. Der zusätzliche linguistische Wert der Reize bestimmt ihre Fähigkeit, Beziehungen und Funktionen zu regulieren.

Eine Frau denkt nach. Bezugsrahmentheorie

Welche Eigenschaften hat ein Bezugsrahmen?

Drei Eigenschaften sind zur Verbindung und Transformation sowohl von Kognition als auch Sprache erforderlich:

  • Wechselseitige Bezugnahme (Bidirektionalität). Eine Beziehung zwischen zwei Reizen beinhaltet, dass sie sich wechselseitig aufeinander beziehen. Wenn sich A direkt auf B bezieht, lässt sich daraus ableiten, dass sich B auch auf A bezieht. Zum Beispiel: Dieser Apfel ist schwerer als diese Birne. Dann muss diese Birne leichter sein als dieser Apfel.
  • Kombinatorische Bezugnahme. Ein auffälliges Kennzeichen von Bezugsrahmen ist, dass man Ereignisse ableitend miteinander kombinieren kann. Wenn A auf eine charakteristische Weise mit B in Beziehung gesetzt wird, und A sich auch auf C bezieht, lässt sich daraus ableiten, dass sich auch B und C aufeinander beziehen. Biespiel: Dieser Apfel ist etwas schwerer als diese Birne. Dieser Apfel ist viel schwerer als diese Clementine. Diese Birne muss folglich leichter sein als diese Clementine.
  • Transformation von Reizfunktionen. Wenn ein Reiz eine Funktion hat und ein weiterer Reiz im selben Kontext eine Beziehung zum ersten aufbaut, dann wird die Funktion beider Reize durch die “neue” Verbindung verändert. Wenn dir zum Beispiel jemand erzählt, dass es ein besseres und billigeres Produkt gibt als dein gewohntes Produkt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass du es kaufst. Die Funktion, also die Bedeutung der Reize, wurde durch die “neue” Verbindung verändert.

Die Art der kontextuellen Hinweise bei der Bezugsrahmentheorie

Gemeinsame Verbindungen, multiple Verbindungskombinationen und die Transformation von Funktionen sind die Bausteine eines weiter gefassten Bezugs-Anwortmusters. In der Bezugsrahmentheorie heißen sie Bezugsrahmen. Fachleute erklären mit diesem Konzept, wie der Mensch lernt, aufgrund des wechselseitigen Verhältnisses von Reizen zueinander Assoziationen abzuleiten.

Bezugsrahmen lassen sich kombinieren, um verbale Regeln aufzustellen, die das Verhalten steuern. Durch diesen Prozess können Menschen organisieren, voraussagen und kontrollieren, wie Konsequenzen in Bezug zu einem Kontext aussehen werden. Auf diese Weise kann man Annahmen über Situationen in der Zukunft treffen, ohne sie selbst erlebt zu haben.

Kontextuelle Schlüssel bei der Bezugsrahmentheorie

In jedem Lernkontext finden sich multiple Reize, die das Potenzial haben, Schlüsselwerte anzunehmen. Diese bestimmen die Entwicklung von Bezugsrahmen. In der RFT unterscheidet man zwei Untergruppen von kontextuellen Schlüsseln:

  • Die Schlüssel, die die Art von spezifischer Beziehung bestimmen – auch relationaler Kontext genannt (Crel). Die wichtigsten Arten sind Koordination, Opposition, Unterscheidung, Vergleich und räumliche, zeitliche, kausale, hierarchische und deiktische Schlüssel.
  • Jeder Reiz oder jedes Ereignis kann mehrfache psychologische Funktionen haben. Daher bestimmt eine zweite Klasse von kontextuellen Schlüsseln – auch funktionaler Kontext genannt (Cfunc) – bei welchen Reizfunktionen eine Transformation auftritt (Niklas Törneke, 2010).
Oft tun wir uns schwer, unsere rasenden Gedanken zu stoppen. Bezugsrahmentheorie

Eine Erklärung für menschliches Leiden

In diesem theoretischen Rahmenwerk kann man herleiten, dass bestimmte Eigenschaften der menschlichen Sprache häufig zu psychologischem Leiden führen können. Ein Beispiel wäre es, buchstäblich zu glauben, was uns unsere Gedanken, Emotionen und Gefühle vermitteln und uns so verhalten, wie sie es diktieren.

In dieser Hinsicht wird sich eine Person wahrscheinlich stark eingeschränkt verhalten, wenn sie sich für “nutzlos” und “vollkommen wertlos” hält. Wir können beobachten, wie viele Leute Ziele aufgeben, die durchaus in ihrer Reichweite liegen, weil sie glauben, dass diese für sie unerreichbar sind.

Die Arten von verbalen Regeln bei der Bezugsrahmentheorie

Die Bezugsrahmentheorie hat dieses Verhalten näher untersucht. Das Ziel lag darin, die Hauptarten der verbalen Regulierung zu erklären (C. Luciano & K. G. Wilson, 2002):

Pliance. Darunter versteht man regelgeleitetes Verhalten unter Kontrolle sozial vermittelter Verstärkung. Man folgt bestimmten Regeln, weil die Person, die die Regeln aufgestellt hat, die Konsequenzen ausübt. Das Verhalten wird größtenteils vom jeweiligen kulturellen Kontext als “angemessen” eingestuft. So sagt zum Beispiel eine Mutter: Wenn du deinen Teller nicht leer isst, werde ich dich bestrafen.

Tracking. Darunter versteht man verbales regelgeleitetes Verhalten unter Kontrolle natürlicher Kontingenzen, die als “Vorwissen” sozial vermittelt werden. Man orientiert sich an den natürlichen Konsequenzen, die bei Befolgen dieses Verhaltens zu erwarten wären. Ein Beispiel wäre: Wenn du isst, bist du nicht mehr hungrig und es geht dir besser. In diesem Fall würden die Konsequenzen von der spezifischen Art des Essens abhängen. Die Konsequenzen sind daher unabhängig von der Person, die die Regel aufgestellt hat.

Augmenting. Aus der Transformation der Funktionen entscheidet sich, ob ein verbaler Reiz, ein Objekt oder ein Ereignis einen verstärkenden oder abstoßenden Wert zugewiesen bekommt. Es ist jedoch wichtig zu wissen, dass Augmenting immer in Kombination mit Pliance und Tracking auftritt.

Augmenting ist eine verbale Regel, die die verstärkenden Eigenschaften eines Reizes verändert, der als Konsequenz fungiert. Anders gesagt, erhöht oder vermindert diese Regel die Wahrscheinlichkeit, dass ein Reiz unser Verhalten beeinflussen wird.

Wenn du zum Beispiel mit ein paar Freunden an einer Eisdiele vorbeigehst, ruft vielleicht einer deiner Freunde aus: “Ach, jetzt hätte ich wirklich gerne ein Eis!” Wenn du diesen Satz hörst, “schmeckst” du zu einem gewissen Grad die Eiscreme. Somit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass du dir ein Eis kaufst.

Verhaltensregeln, die durch verbale Regeln bestimmt werden

  • Eine rigide Anwendung von Ply-Regeln bedeutet, dass das Individuum den Konsequenzen seiner Handlungen im gesellschaftlichen Kontext empfindungslos gegenübersteht. Ein Beispiel hierfür wäre: Man muss eine Menge erdulden, um eine gute Mutter zu sein. Die Rigidität dieser Aussage würde deshalb die Fähigkeit der Mutter schmälern, ihre Grundrechte zu verteidigen.
  • Track-Regeln bestimmen ein Verhalten, das darauf abzielt, einen kurzfristigen Nutzen aus einer Sache zu ziehen. Aber das verhindert oftmals die Ausbildung eines korrekten Verhaltens. Dieses wiederum würde persönliches Wachstum fördern. Als Beispiel lässt sich nennen: Eine Person denkt, dass sie Drogen nehmen muss, um sich irgendwie zu beruhigen. Die langfristigen Folgen des Konsums werden dabei jedoch nicht bedacht.
  • Augmental-Regeln arbeiten in Verbindung mit der starren oder kontraproduktiven Überwachung von Regeln. Sie dienen zur näheren Bestimmung von nicht-emotionalen Funktionen in persönlichen Umständen. Augmentals sind uns aus der Werbung geläufig: “Mit Sorgen lässt es sich unmöglich leben”. Sie kennzeichnen auch appetitive (angenehme) Reize für dauerhaft unerreichbare emotionale Zustände: “Wenn du glücklich bist, bist du gesund”.
Ein Mann denkt nach. Bezugsrahmentheorie

Beiträge und Vorteile der Bezugsrahmentheorie

Die Bezugsrahmentheorie hat zur Entwicklung eines verhaltensanalytischen Systems geführt, das viele Vorteile bietet:

  • Einen sparsamen Ansatz, der auf einer relativ geringen Anzahl von grundsätzlichen Prinzipien und Konzepten beruht, um das Phänomen der Sprache und der Kognition zu erklären.
  • Die Untersuchung der menschlichen Sprache in Zusammenhang mit den Prozessen, aus denen sie aufgebaut ist. Die Definition dieser Prozesse wurde sehr sorgfältig präzisiert.
  • Die BRT liefert plausible Erklärungen und neue empirische Ansätze für eine ganze Bandbreite komplexer menschlicher Verhaltensweisen.

Die Prinzipien lassen sich bei direkter Beobachtung gut erkennen, besonders bei Laborversuchen. Fachleute haben die Bezugsrahmentheorie mehrfach empirischen Prüfungen unterzogen, die allesamt bestanden wurden. Klinische Anwendungen stellten sich als effektiv heraus und viele potenzielle Anwendungsbereiche befinden sich gegenwärtig noch in Entwicklung.

  • Barnes-Holmes, D., Hayes, S. C. y Dymond, S. (2001). Self and self-directed rules. En S.C. Hayes, D. Barnes-Holmes y B. Roche (Eds.), Relational Frame Theory: A Post-Skinnerian account of human language and cognition (pp.119-139). Nueva York: Plenum Press.
  • Barnes-Holmes, D., Hayes, S. C. y Roche, B. (2001). The (not so) strange death of stimulus equivalence. European Journal of Behaviour Analysis, 1, 35-98.
  • Beck, A., Rush, A.J., Shaw, B.F. y Emery, G. (1979). Cognitive therapy of depression. Nueva York: Guilford Press.