Die Auswirkungen von toxischem Stress auf die Gehirnentwicklung bei Kindern

22. April 2019

Die gesunde Entwicklung von Kindern kann durch übermäßigen oder länger andauernden Stress beeinträchtigt werden. Tatsächlich kann toxischer Stress während des gesamten Lebens schädliche Auswirkungen auf das Lernen, das Verhalten und die Gesundheit haben, aber die Effekte werden besonders deutlich, wenn sich das Gehirn noch in der Entwicklung befindet.

Das Erlernen von Fähigkeiten zur Bewältigung von Widrigkeiten ist deshalb ein wichtiger Bestandteil der Erziehung. Wenn wir bedroht werden, bereitet sich unser Körper auf Kampf oder Flucht vor, indem er Stresshormone wie Kortisol ausschüttet, die Herzfrequenz und den Blutdruck erhöht.

Wenn dieses System beim Kleinkind in einer unterstützenden Umgebung aktiviert wird, werden diese physiologischen Effekte gedämpft. Das Ergebnis ist die Entwicklung einer gesunder Stressreaktion. Wenn die Stressreaktion jedoch extrem und lang anhaltend ist und das Kind sieht, dass der erwartete Puffer ausbleibt, kann das die Strukturen des Gehirns schwächen. Die Konsequenzen können lebenslang anhalten.

In Ermangelung belastungsfähiger Beziehungen zu erwachsenen Betreuern wird das Kind in höchste Alarmbereitschaft versetzt und verweilt dort. Die kumulativen Kosten erhöhen die Wahrscheinlichkeit von Entwicklungsverzögerungen, Lern- und Verhaltensproblemen bei Kindern sowie von Herzerkrankungen, Diabetes mellitus, Depressionen, Drogenmissbrauch, Alkoholismus und anderen großen Gesundheitsproblemen bei Erwachsenen.

Umfangreiche biologische Untersuchungen zeigen, dass chronischer und schwerer Stress die Entwicklung des Gehirns und anderer Organsysteme beeinträchtigen kann. Das kann beobachtet werden, wenn ein Kind erhebliche Widrigkeiten erleidet wie Armut, Vernachlässigung, Missbrauch, Gewalt im Umfeld, Drogenmissbrauch oder psychische Erkrankung eines Betreuers.

Mädchen leidet unter sich streitenden Eltern

Stress in der Kindheit

Frühkindliche Erfahrungen spielen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des Gehirns und seiner Funktionen. Interaktionen mit Betreuern und anderen Menschen sowie der Umgebung beeinflussen langfristig Lernen, Verhalten und Gesundheit. Betreuer, die für das Kind da sind, und positive Beziehungen, die ihm helfen, mit stressigen Erfahrungen umzugehen, sind entscheidend für die Entwicklung einer gesunden Gehirnstruktur.

Im Allgemeinen ist die Stressreaktion eine physiologische Reaktion auf ein unerwünschtes Ereignis oder einen anspruchsvollen Umstand und beinhaltet biochemische Veränderungen im neurologischen, endokrinen und immunologischen System. Stress ist auch nicht immer ein negatives Phänomen; er kann positiv, tolerierbar oder toxisch sein.

Eine positive Stressreaktion ist eine normale Stressreaktion und ist für das Wachstum und die Entwicklung eines Kindes unerlässlich. Positive Reaktionen auf Stress sind selten, kurzlebig und mild. Im Idealfall wird das Kind durch starke soziale und emotionale Puffer wie innere Ruhe und Schutz der Eltern unterstützt, sodass es schließlich auch stärkeren Stress tolerieren kann. Das Kind gewinnt bei jeder positiven Reaktion auf Stress an Motivation und Ausdauer, sodass die biochemischen Parameter auf die Basalwerte zurückfallen.

Gerade noch tolerierbarer Stress verursacht häufige, anhaltende oder schwere Reaktionen. Der Körper reagiert stärker, und diese biochemischen Reaktionen haben das Potenzial, die Gehirnstruktur negativ zu beeinflussen. Von Reaktionen auf tolerierbaren Stress erholen sich Gehirn und Organe nach Beseitigung von Widrigkeiten aber noch vollständig, wenn das Kind durch sein Umfeld geschützt wird und eine starke soziale und emotionale Unterstützung genießt.

Toxischer Stress bei Kindern

Toxischer Stress in der Kindheit umfasst eine abnormale Reaktion auf Stress. Die Regulationsmechanismen greifen nicht und es kommt zu einem anhaltenden Anstieg des Kortisolspiegels und einem fortwährenden Zustand der Unruhe, in dem der Körper die oben beschriebenen Parameter nicht normalisiert, unabhängig davon, ob der Auslöser verschwindet oder nicht.

Toxischer Stress führt also zu einer verlängerten Stressreaktion. Ein Mangel an Unterstützung, Beruhigung oder emotionaler Bindung seitens der Betreuer kann eine normale Stressreaktion verhindern und auch bei normaler Belastung zu einer abnormen Reaktion führen.

Toxischer Stress in der Kindheit ist ein sehr ernstes Problem. Kinder, die unter toxischem Stress leiden, sind gefährdet für langfristige gesundheitliche Beeinträchtigungen, die sich möglicherweise erst im Erwachsenenalter zeigen. Zu diesen negativen Auswirkungen auf die Gesundheit gehören unzureichende Anpassungsfähigkeit, schlechtes Stressmanagement, ungesunder Lebensstil, psychische und körperliche Erkrankungen. Je ungünstiger die Erfahrungen in der Kindheit sind, desto wahrscheinlicher sind Entwicklungsverzögerungen und nachfolgende Gesundheitsprobleme.

Junge erlebt Stress

Gehirnentwicklung und toxischer Stress

Kinder erleben externe Verhaltensweisen wie Aggressionen und interne Verhaltensweisen wie Angst und Depressionen. Das Problem ist, dass derartige Verhaltensweisen nicht nur bei Kindern auftreten, deren Entwicklung durch Stress und Traumata beeinflusst wurde und die Angst und Depressionen erleben. Oft sieht das Umfeld nur ein aggressives Kind … und nicht ein Kind, das versucht, jemanden den ständigen Schmerz erkennen zu lassen, den es erlebt.

Das durch toxischen Stress verursachte Trauma können auch zur Normalisierung nicht annehmbarer Zustände führen. Kinder, die keinen breiteren Blick auf die Welt haben, können denken, dass häusliche Gewalt normal wäre, oder dass Straßengewalt so natürlich sei wie Regen.

Entwicklungstechnisch gesehen ist ein Kind, das in Not gerät, gefährdet für dauerhafte Veränderungen der Gehirnstruktur, epigenetische Veränderungen und funktionelle Defizite. Langfristige gesundheitliche Auswirkungen und entwicklungsbezogene Effekte sind kritisch, einschließlich eines erhöhten Risikos für stressbedingte Krankheiten.

Die toxische Stressreaktion beeinflusst das Nervensystem, Endokrinum und Immunsystem, und die Reaktion führt zu einer verlängerten und abnormen Kortisolfreisetzung. Die daraus resultierende Deregulierung des Immunsystems, die einen anhaltenden Zustand der Unruhe beinhaltet, erhöht das Risiko und die Häufigkeit von Infektionen bei Kindern. Darüber hinaus wird angenommen, dass die toxische Stressreaktion eine Rolle in der Pathophysiologie von depressiven Störungen, dysreguliertem Verhalten, posttraumatischer Belastungsstörung und Psychose spiele.

Es ist auch bekannt, dass Erwachsene, die in der frühen Kindheit derartige Widrigkeiten erleiden mussten, auch anfälliger für körperliche Krankheiten sind. Diese sind vielfältig und umfassen unter anderem Fettleibigkeit, chronisch obstruktive Lungenerkrankungen, ischämische Herzerkrankungen und Krebs.

Experten empfehlen, Richtlinien zu erstellen, die die Auswirkungen von toxischem Stress auf Kinder minimieren. Ihre Vorschläge beinhalten unter anderem die Bereitstellung von Expertenhilfe für Betreuer, die nicht über genügend Wissen und Fähigkeiten verfügen, um kleinen Kindern zu helfen, die Symptome von toxischem Stress aufweisen – und die verstärkte Nutzung bestehender Interventionsprogramme.

  • Franke H. A. (2014). Toxic Stress: Effects, Prevention and Treatment. Children (Basel, Switzerland)1(3), 390-402. doi:10.3390/children1030390
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  • Kuehn, B. (2014). AAP: Toxic Stress Threatens Kids’ Long-term Health. JAMA312(6), 585. doi: 10.1001/jama.2014.8737