Die Augenbinde der Liebe

24. September 2017 en Emotionen 165 Geteilt

Irgendwann wirst du die Augenbinde absetzen und sie als Haarband benutzen. Wenn du das tust, wird dein Gesicht hübscher aussehen und deine Augen werden freier, hoffnungsvoller und wacher dreinblicken. Du wirst die Wirklichkeit so entdecken, wie du sie zu sehen verdienst.

Ortega y Gasset sagte einst, dass „Liebe eine Art Übergangsidiotie, ein Zustand mentaler Enge und psychischer Angina“  sei. Der gefeierte Philosoph hat in seinem Eifer danach, eine Erklärung für menschliche Emotionen zu finden, die Logik ganz außer Acht gelassen, die in der Tatsache steckt, sich zu verlieben und sich die Augenbinde, die uns oft in einer süßen Fantasie gefangen hält, gar freiwillig anzulegen. Denn es ist tatsächlich so: Liebe folgt einer Logik und hat eine Bedeutung.

„Liebe und Hass sind nicht blind, sondern vom Feuer geblendet, das sie in sich tragen.“

Friedrich Nietzsche

Dr. Robert Epstein von der Harvard University (Massachusetts, USA) erklärte, dass unser psychologisches und emotionales Wachstum beeinflusst wird, wenn wir einen Teil des Lebens mit einer Augenbinde verbringen – sei das nun aufgrund einer affektiven Beziehung oder einer anderen persönlichen Situation.“  Und wir sollten diese Zeit, die investierte Energie, die gesponnenen Träume oder die erlebten Emotionen nicht bereuen. Das würde bedeuten, dass wir einen Teil unserer selbst leugnen.

In Wirklichkeit ist Liebe nicht blind. Manchmal sehen wir sogar mehr, als wir sollten: Wir sehen Illusionen und verzerrte Bilder, die nicht mit der Realität übereinstimmen. Das Leben mit dem Herzen zu sehen kann einen hohen Preis haben, aber das ist nur eine weitere Sache, die du im Leben lernen wirst. Und du würdest es nie lernen, wenn du dir die Chance nehmen würdest, zu lieben, auszuprobieren, zu experimentieren, diese Sprünge ohne Fallschirm und mit verbundenen Augen zu tun. Manchmal kommst du heil davon und andere Male wirst du ein wenig zerbrochen sein. Aber die Liebe ist es wert.

Du hast deine Augenbinde wahrscheinlich schonmal abgesetzt

Manchmal nehmen wir die Augenbinde ab. Aber anstatt sie zu einem Haarband zu binden und erhobenen Hauptes und mit aufmerksamem Blick weiterzugehen, begehen wir die gleichen Fehler wie zuvor. Das heißt, wir lieben blind, vertrauen auf die Dunkelheit und belassen unsere Herzen in den Händen anderer Menschen. Warum tun wir das? Warum werden wir zu Wiederholungstätern?

„Aber Liebe ist blind und Liebende können die hübschen Dummheiten, die sie begehen, nicht sehen.“

William Shakespeare

Menschen, die Geiseln schädlicher Liebe sind, die immer wieder vom gleichen Stein getroffen werden, leiden unter einem sehr bekannten Gebrechen: fehlender Selbstliebe. Die Welt ist nicht daran schuld, dass du immer wieder auf „schlechte Menschen“ triffst, die egoistisch sind und dein emotionales Gleichgewicht zerstören. Nur, wenn du ein klares Verständnis davon hast, was du wirklich brauchst und nicht brauchst, wirst du selektiver, vorsichtiger und empfänglicher. Denn wenn du weißt, was du willst, wirst du finden, was du verdienst.

Laut einer Studie, die vom Statistischen Amt des Vereinigten Königreichs veröffentlicht wurde, geben viele Menschen an, das gefunden zu haben, was sie immer wollten, nachdem sie 30 oder 40 Jahre alt waren. In dieser Phase des Lebens fühlen sich Menschen selbstsicherer und dazu fähig, ihre vergangenen Beziehungen mit ihrer gegenwärtigen Gelassenheit zu betrachten. Hier suchen Menschen nach mehr als nur Verliebtheit und Leidenschaft. Sie suchen nach Liebe, nach Selbsterfüllung mit einem Partner an der Seite und der Realisierung gemeinsamer Ziele, in die sie reif und ehrlich investieren können.

Öffne deine Augen und schütze dein Herz

Evolutionsbiologen sagen, dass das Ziel dieses emotionalen Chaos – das uns die Augen verbindet, uns einfängt, unseren Puls in die Höhe schnellen lässt und uns in ein dunkles und doch leidenschaftliches Labyrinth wirft – die Fortpflanzung sei. Laut diesem Ansatz sind wir genetisch dazu veranlagt, uns zu verlieben. Unsere Spiegelneuronen verbinden uns mit der anderen Person und innerhalb von Sekunden explodiert ein Feuerwerk in uns. Ein Feuerwerk aus Dopamin, Testosteron, Vasopressin, Oxytocin und Serotonin – und all das intensiviert die Anziehung.

Liebe ist blind und kommt in Begleitung von Wahnsinn daher.

Gleichermaßen sagen Neurologen, dass Leidenschaft wichtige Prozesse in Stand-by versetze. Prozesse, wie beispielsweise unsere Fähigkeit zur Unterscheidung, zur logischen Analyse und unser Urteilsvermögen. Der Geist entwickele einen Tunnelblick, um sich auf das zu konzentrieren, was jetzt wichtig ist, nämlich auf den geliebten Partner.

Liebe ohne Augenbinde

Erich Fromm sagte, dass manche Menschen süchtig danach seien, verliebt zu sein. Sie begeisterten sich in der zuvor beschriebenen Phase, in dieser blinden, sprudelnden, beinah betäubenden Liebe. Wenn allerdings die reife Phase erreicht sei und die Partner an ihren Unterschieden arbeiten, die Schwächen des anderen akzeptieren und auf ein gemeinsames Projekt hinarbeiten müssten, liefen sie davon.

Verliebtsein ist toll, daran gibt es keinen Zweifel. Aber das wahre Abenteuer kommt danach, mit der reifen Liebe, die aufmerksam ist und zuhört, die sich der Schwächen, Imperfektionen und dunklen Seiten des anderen bewusst ist. Reife Menschen sind jene, die ihre Augen offen und ihre Herzen beschützt halten. Sie sehen die Dinge, wie sie sind, und sie entscheiden sich, für sie zu kämpfen, dafür, Teil des hellen Leuchtturms der Liebe zu sein, des Zufluchtsortes, an dem sich beide Partner wiederfinden können.

Wenn du noch niemanden gefunden hast, der mit dir im Leuchtturm leben will – es besteht kein Grund zur Eile. Flechte dir einfach deine Sorgen ins Haar, binde es dir zusammen und schau dir die Welt mit der Sicherheit an, dass du schließlich das finden wirst, was du verdienst.

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