Der Steppenwolf – ein Werk zum Nachdenken

· 4. August 2018

Spricht man von Hermann Hesse, meint man damit einen der renommiertesten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Seine Werke wie Siddharta, Demian  und natürlich auch Der Steppenwolf  sind weltweit bekannt.

Die Faktoren, die auf Hesse Einfluss nahmen, spiegeln sich auch in seinen Werken wider. So faszinierte ihn besonders die Deutsche Romantik; er bewunderte Goethe und Nietzsche, aber auch Mozart, und ließ sich sowohl von der indischen als auch von der chinesischen Philosophie leiten. Hesses Bücher zu lesen ist wie ein Ausflug durch all diese Kulturen. Es ist aber auch eine Reise in Richtung der menschlichen Natur und des eigenen Seins.

Der Steppenwolf  ist eines von Hesses bekanntesten und meistgelesenen Werke des 20. Jahrhunderts. Es ist ein kurzer, aber tiefgründiger Roman. Hesse kombiniert darin fantastische Elemente mit seinen eigenen Gedanken und Ideen. Die Handlung wird aus drei unterschiedlichen Perspektiven erzählt, was dieses Werk sehr komplex macht.

„Immer ist es so gewesen und wird immer so sein, daß die Zeit und die Welt, das Geld und die Macht den Kleinen und Flachen gehört, und den andern, den eigentlichen Menschen, gehört nichts.“

Der Steppenwolf

Hermann Hesse ist der Autor von "Der Steppenwolf"

Die autobiografischen Züge in Der Steppenwolf

Das Werk beginnt mit dem Vorwort des fiktiven Herausgebers. Seine Tante vermietet eine Wohnung an Harry Haller, den Hauptcharakter des Buches. Darauf folgt Haller selbst, sowie die Beschreibung seiner Erlebnisse. Schließlich endet mit dem Traktat des Steppenwolfes  eine objektive Analyse Hallers.

Der Roman lässt den Leser in Hallers Welt, in seine Gedanken und Gefühle eintauchen. Er ist ein durchaus einsames Wesen, das nicht in diese Welt passt. Gleichzeitig versucht er aber, den Sinn des Lebens in einer modernen Gesellschaft zu finden. In dieser, so scheint es, gibt es weder einen Platz für Intellektuelle noch für Andersdenkende. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Der Steppenwolf  besonders von Jugendlichen gern gelesen wird – befinden sie sich doch in einer Lebensphase, die davon bestimmt ist, den eigenen Platz zu finden und sich selbst zu verstehen.

Man kann in diesem Roman autobiografische Züge erkennen. Insgesamt ist es ein hermetischer Roman, der die Bourgeoisie der damaligen Zeit kritisiert. Gleichzeitig bietet er eine sehr intime Sichtweise auf die Charaktere, betrachtet ihre Persönlichkeiten und gibt Einblicke in ihre inneren Welten.

Buchcover "Der Steppenwolf"

Außer Haller, der als weitestgehend isoliert dargestellt wird, beschreibt der Roman auf intensive Weise die Leben weiterer Darsteller. Sie entdecken beispielsweise das exzessive Nachtleben. Dabei ist alles möglich, es gibt keine Regeln, und so versinken die Charaktere in einem Dunst aus Drogen, Musik und Sex.

Hinweise auf den autobiografischen Charakter des Romans sind folgende:

  • Die Initialen: Der Protagonist heißt Harry Haller, dessen Initialen mit denen von Hermann Hesse übereinstimmen.
  • Das Leben zwischen zwei Epochen: Sowohl der Protagonist als auch der Autor lebten in einer Übergangsphase. Sie sind einsam und fühlen sich missverstanden.
  • Der Suizidgedanke: In diesem Werk ist der Gedanke, sich nicht zugehörig zu fühlen und nicht angepasst genug zu sein, stets präsent. Viele Intellektuelle im 20. Jahrhundert fühlten auf gleiche Weise. Der Gedanke an Selbstmord ist in diesem Roman wiederkehrend, versuchte doch Hesse selbst, Selbstmord zu begehen.
  • Die Frau: Eines der prägendsten Ereignisse im Leben Hesses war seine Scheidung. Durch den gesamten Roman hindurch wird dieses Thema immer wieder behandelt. Haller war ebenfalls verheiratet, doch die Familie zerbrach an dem Wahnsinn seiner Frau. Aufgrund dieser Tatsache begann er, sich zu isolieren, und wurde schließlich zum Steppenwolf.
  • Hermine: Sie ist die bedeutendste weibliche Figur des Romans. Der Name Hermine ist die weibliche Version von Hermann. Man kann sie als das andere Gesicht von Haller bezeichnen.

Diese Beschreibung des Protagonisten Haller entspricht der Konstruktion eines Archetyps, der in der Literatur sehr präsent ist. Damit ist eine kultivierte, intelligente und melancholische Person gemeint, die sich vom Nihilismus angezogen fühlt. Haller lebt in einer Welt, von der er glaubt, dass sie ihm nicht gehöre. Er ist ein Intellektueller, der sich gleichzeitig isoliert und in einem beständigen Sein-oder-nicht-sein schwebt. Dabei versucht er stets, sich selbst zu verstehen. Vielleicht ist er eine Art Hamlet des 20. Jahrhunderts.

„Es war einmal einer namens Harry, genannt der Steppenwolf. Er ging auf zwei Beinen, trug Kleider und war ein Mensch, aber eigentlich war er doch eben ein Steppenwolf.“

Der Steppenwolf

Der Steppenwolf  und die Psyche der Charaktere

Dieses Werk Hermann Hesses trägt die Merkmale der menippeischen Satire. Besonders im letzten Teil dieses Werkes bedient sich Hesse dieser Untergattung der Satire. Er stellt den Kummer des Protagonisten auf eine nahezu komische Art und Weise dar, die dem Leser ein Lächeln ins Gesicht zaubert.

Haller ist ein kultivierter aber missverstandener Mann, der davon überzeugt ist, dass in ihm sowohl ein Mann als auch ein Wolf leben, die sich in einem Konflikt befinden. Haller hat das Interesse am Leben verloren, ist pessimistisch und nichts, was ihn umgibt, macht ihn glücklich. Er verachtet gleichzeitig die Welt, in der er lebt, und die Menschen, die in ihr wohnen. Sein Leben hat keine Bedeutung, bis er auf ein leuchtendes Zeichen stößt, das ihn einlädt, an einen Ort zu gehen, der das „magische Theater“ genannt wird.

Das magische Theater ist vergleichbar mit dem Hasen, der Alice im Wunderland verfolgt. Es erregt durchaus Hallers Aufmerksamkeit, auch wenn er es anfangs nicht wagt, einzutreten. Alice beispielsweise kommt in einer neuen Welt an, die völlig anders ist als der Ort, an dem sie lebt. Im Wunderland ist zwar alles möglich, sie muss sich aber auch zahlreichen schwierigen Situationen stellen. Dabei erkennt sie sich selbst nicht wieder, sie weiß nicht mehr, wer sie wirklich ist. Auf die gleiche Weise wirkt das magische Theater auf Haller. Es stellt die Eintrittspforte in eine neue Welt dar, die er erst noch entdecken muss.

Figuren eines Schachbretts

Schließlich wird Haller dem Theater verfallen und seine Reise in diese neue Welt beginnen. Dabei wird er die wahre Natur seiner selbst mit ihrer ganzen Komplexität entdecken. Durch Spiele, historische Charaktere und exzentrische Situationen entdeckt der Leser die wahre Natur dieser Person, in der sowohl ein Mann als auch ein Wolf leben und die lernen muss, über sich selbst zu lachen.

An diesem Ort wird Haller verstehen, dass nicht nur ein „Ich“ existiert und dass alle seine Persönlichkeiten in einer Art Schachbrett leben. Er kann sich als Person jedoch nicht nur darauf beschränken, Mann oder Wolf zu sein, sondern hat vielmehr eine große Anzahl an Persönlichkeiten in sich innewohnen.

Der Steppenwolf  präsentiert uns einen (nicht metaphorischen) Maskentanz, in dem der Protagonist sich selbst suchen muss. Es ist ein hermetisches und reflektierendes Werk über das Böse der Intellektuellen in einer Epoche, die zeitgleich auch einen Bewusstseinszustand darstellt.

So wie die Verrücktheit, in einem höhern Sinn, der Anfang aller Weisheit ist, so ist Schizophrenie der Anfang aller Kunst, aller Phantasie. Sogar Gelehrte haben dies schon halb erkannt, wie man zum Beispiel in des Prinzen Wunderhorn nachlesen mag, jenem entzückenden Buch, in welchem die mühevolle und fleißige Arbeit eines Gelehrten durch die geniale Mitarbeit einer Anzahl von verrückten und in Anstalten eingesperrten Künstlern geadelt wird.“

Der Steppenwolf