Der Schönheitswahn: Spieglein, Spieglein an der Wand...

Noch vor wenigen Jahrzehnten behandelten Psychologen vorwiegend Menschen mit Identitätsproblemen, Beziehungsproblemen oder Kindheitstraumata. Im 21. Jahrhundert ist jedoch mangelndes Selbstwertgefühl eines der häufigsten Probleme.
Der Schönheitswahn: Spieglein, Spieglein an der Wand...
Valeria Sabater

Geschrieben und geprüft von der psychologe Valeria Sabater am 15. November 2021.

Letzte Aktualisierung: 15. November 2021

Der maßlose Schönheitswahn kann zerstörerische Folgen haben. Manche Menschen fühlen sich in ihrem Körper nicht wohl, was krankhafte Dimensionen annehmen kann. Sie fühlen sich von der Genfabrik, die ihr Körperbild prägt, verraten und haben ein einziges Ziel im Kopf: Sich mit jedem Mittel so zu verändern, wie sie sich in ihrer Vorstellung sehen.

Soziale Netzwerke, Werbung, Kino, Fernsehen… Die ständige Bombardierung mit dem manipulierten Schönheitsideal fördert die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, was für manche zu einem chronischen Problem wird.

Besonders häufig sehen sich Jugendliche in dieser Situation: Sie lehnen ihren eigenen Körper ab. Bei jedem Blick in den Spiegel nähren sie ihre Selbstzweifel. Sie wünschen sich proportioniertere Augenbrauen, längere Wimpern, eine kleinere Nase, eine schlanke Figur… ein Image, das in sozialen Medien widergespiegelt wird und mit dem sie sich täglich vergleichen.

Der Körper wird zu ihrem Gefängnis, das ihre Gedanken gefangenhält. Der Schönheitswahn ist für viele ein Problem, das ihren Alltag prägt. Dabei geht es nicht nur um Likes, sondern um einen Hilferuf nach Anerkennung und eine gestörte Selbstwahrnehmung.

“Die Körperkultur fördert den irrationalen Wunsch, selbst wahrgenommene Mängel zu korrigieren”.

Enrique Rojas

Der Schönheitswahn: Spieglein, Spieglein an der Wand...

Der Schönheitswahn und seine bitteren Folgen

In unserer konsumorientierten Gesellschaft entwickeln wir häufig ein Idealbild, das nicht existiert. Die Perfektion, die wir auf Werbeplakaten und in digitalen Medien betrachten, existiert in Wahrheit nicht. Es handelt sich um manipulierte Bilder, die jedoch vielfach den Wunsch wecken, diese vorgespiegelte Perfektion zu erreichen.

Lange Stunden im Fitnessstudio, Schönheitsoperationen, strikte und ungesunde Diäten sowie die professionelle Bildbearbeitung sind die Filter, die uns diese Perfektion vorspielen. Wir sprechen von Medienprodukten, jedoch nicht vom echten Leben. 

Dieses Thema ist nicht neu, doch ein Artikel im Wall Street Journal hat dieses Thema wieder in den Fokus gerückt. Facebook scheint über den Einfluss von Instagram auf Teenager Bescheid zu wissen. In diesem digitalen Universum, das vom Image lebt, bestätigen mehr als 40 % der jüngsten Nutzer/innen, dass sie sich in Bezug auf ihren Körper immer unsicherer fühlen.

Diese Aussagen decken sich mit einer Studie, die 2018 von der University of Kentucky veröffentlicht wurde. Damit wurde deutlich, dass die sozialen Netzwerke eine unsichere Generation mit einem geringeren Selbstwertgefühl und einem zunehmend unzufriedenen Körperbild prägen.

Spieglein, Spieglein an der Wand…

Noch vor wenigen Jahrzehnten behandelten Psychologen vorwiegend Menschen mit Identitätsproblemen, Beziehungsproblemen oder Kindheitstraumata. Im 21. Jahrhundert ist jedoch mangelndes Selbstwertgefühl eines der häufigsten Probleme. Dadurch entstehen Unzufriedenheit, Sorgen und zum Teil ernste psychische Folgen.

So haben sich auch Essstörungen dramatisch verschlimmert. Mädchen im Alter von 13 Jahren wünschen sich nichts anderes, als in ihrem Spiegelbild ihr Schönheitsideal zu sehen. Der Schönheitswahn führt oft zu Bulimie oder Magersucht. Andere machen Schönheitsoperationen zu ihrem “Hobby”: Nasenkorrekturen, Brustvergrößerungen, Fettabsaugen usw.

Wenn das Spiegelbild nicht mit dem in sozialen Netzen gezeigten Idealbild übereinstimmt, kann sich auf der Suche nach Perfektion ein gefährliches pathologisches Verhalten entwickeln. 

Der krankhafte Schönheitswahn

Renee Engeln, Psychologin an der Northwestern Universyty (USA) und Autorin des Buches “Beauty Sick: How the Cultural Obsession with Appearance Hurts Girls and Women” vertritt die Ansicht, dass der Schönheitswahn zu einer Art gesellschaftlicher Krankheit geworden ist.

Sie hat viel zu diesem Thema geforscht und stellt fest, dass es keine Rolle spielt, wie gebildet ein Mensch ist, welchen Beruf er ausübt, welche Ausbildung oder welchen Lebenshintergrund er hat. Tief in unserem Inneren sind wir unsicher, was unser Selbstbild angeht.

Unsere Kultur impft uns dieses ständige Bedürfnis ein, uns selbst zu hinterfragen, zu analysieren, was mit uns “falsch” sein könnte. Nase? Haare? Schlaffe Arme? Zu viel Bauch? Zu wenig Umfang? Beine zu unförmig? Zu blasse Haut? Der Schönheitswahn macht viele zu ihrem schlimmsten Feind!

Frau leidet an Schönheitswahn

Ein besseres Leben…

Der maßlose Schönheitswahn beeinträchtigt das physische und psychische Wohlbefinden. Er basiert auf einem verzerrten Bild, dass allmählich das eigene Selbst zerstört.

Es ist an der Zeit, die wieder vermehrt nach innen zu blicken, Werte zu kultivieren und pathologische Ideen zu verhindern. Nur so ist es möglich, Phobien, Ängste und psychische Störungen zu vermeiden, die zum Teil ernste Folgen haben. Ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln braucht Zeit und oft professionelle Hilfe. Doch wie immer ist die Prävention die beste Medizin: Wir müssen unseren Kindern beibringen, dass jeder Mensch in seiner Unvollkommenheit perfekt ist.

Jeder Körper ist schön, weil er existiert, weil er Leben, eine große Persönlichkeit und ein wertvolles menschliches Potenzial enthält.

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