Der orbitofrontale Kortex: Die Grundlage unseres Sozialverhaltens

· 8. November 2018

Der orbitofrontale Kortex ist einer der interessantesten Bereiche des Gehirns. Er hängt mit unserer Persönlichkeit, unseren Emotionen und vor allem mit unserem Sozialverhalten zusammen. Das Wissen, das wir über diesen Bereich zusammengetragen haben, ist sehr aufschlussreich und mag viele Gegebenheiten erklären, die mit dem menschlichen Verhalten zusammenhängen. Es gibt jedoch noch viele offene Fragen.

Ich bin sicher, dass viele unserer Leser vom interessanten Fall des Phineas Gage gehört haben. Der Eisenbahner erlitt 1848 einen schweren Unfall, der zu sehr seltsamen Folgen führte. Nach einer Explosion bohrte sich ein Eisenstab in seinen Schädel. Er durchdrang seinen orbitofrontalen Kortex, und obwohl Gage nie das Bewusstsein verlor und man sein Überleben als medizinisches Wunder beschrieb, lässt sich mit Sicherheit sagen, dass er danach nie wieder derselbe war.

Dieser Fall war für die Neurowissenschaften sehr wertvoll, weil er zeigte, wie wichtig dieser Bereich des Gehirns ist und welche Funktionen er erfüllt. Nach dem Unfall trat Phineas Gage schamlos, impulsiv, unverantwortlich und sogar aggressiv auf. Seine zwischenmenschlichen Beziehungen waren beeinträchtigt; er verlor seinen Job, trat zwischenzeitlich sogar einem Zirkus bei. Einige Jahre später starb er als Folge all der schweren epileptischen Anfällen, die er seit dem Unfall erlitten hatte.

Phineas Gage erlitt einen Schaden am orbitofrontalen Kortex

Antonio Damasio, ein bekannter Neurologe, ist einer der Wissenschaftler, der diesen Fall untersucht hat. Er kam zu dem Schluss, dass der orbitofrontale Kortex sehr stark mit unseren Emotionen und Entscheidungsprozessen verbunden sei.

Wo befindet sich der orbitofrontale Kortex und welche Funktionen erfüllt er?

Wie der Name schon sagt, befindet sich der orbitofrontale Kortex im vorderen, stirnseitigen Teil des Gehirns, direkt über unseren Augenhöhlen. Er ist mit sensorischen Bahnen und dem limbischen System verbunden, das wiederum das Zentrum von Emotionen und Erinnerungen ist.

Die meisten Erkenntnisse, die wir zum orbitofrontalen Kortex haben, beruhen auf Studien mit Patienten, die ein Trauma oder andere Verletzungen in dieser Region des Gehirns erlitten haben. Der Fall von Phineas Gage war definitiv der relevanteste, aber sicher nicht der einzige.

Im Laufe der Zeit haben Neurologen versucht, die großen Geheimnisse des menschlichen Gehirns zu entschlüsseln. Wir können mit Sicherheit sagen, dass es diesbezüglich noch viele offene Fragen gibt. Das gilt auch für den orbitofrontalen Kortex, der folgende Funktionen erfüllt:

Integration von Emotionen

Paul D. MacLean, ein bekannter Physiologe und Neurologe des 20. Jahrhunderts, sprach über die Zusammenhänge zwischen dem orbitofrontalen Kortex und Emotionen. Vergessen wir nicht, dass dieser Bereich mit dem limbischen System und der Amygdala verbunden ist. Nun, die Besonderheit des orbitofrontalen Kortex ist, dass er unsere Emotionen über das Sozialverhalten artikuliert: Aggressivität, Mangel an Respekt, angemessene Interaktion mit anderen usw.

In dieser Struktur befindet sich auch ein „Überwachungssystem“. Das bedeutet, dass wir uns dank unseres orbitofrontalen Kortex an den Kontext, in dem wir uns befinden, anpassen und unsere Impulse kontrollieren können.

Orbitofrontaler Kortex

Belohnungssystem

Der orbitofrontale Kortex ist auch mit unserem Verhalten als Reaktion auf Belohnungen oder Strafen verbunden. Forscher haben festgestellt, dass Patienten mit Verletzungen in diesem Bereich aufhören mögen, auf Strafen zu reagieren. Sie kümmern sich nicht um die Folgen ihres Handelns, wenn diese negativ sind, sprechen jedoch auf Belohnungen an. Wenn sie ihre Belohnung nicht bekommen, werden sie frustriert und aggressiv.

All dies behindert ein ausgewogenes und harmonisches Zusammenleben im sozialen Umfeld.

Entscheidungsfindung

Abgesehen von den verhaltens- und emotional orientierten Prozessen ist dieser Bereich des Kortex auch für den Prozess der Entscheidungsfindung relevant.

Mehrere Studien zeigen, dass unsere Motivation, die Initiative zu ergreifen, im orbitofrontalen Kortex liegt. Menschen, bei denen der orbitofrontale Kortex verletzt ist, mögen sich passiv oder gar apathisch zeigen, wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen. Wenn sie Maßnahmen ergreifen müssen, um ein Problem zu lösen, sind sie nicht in der Lage, zu sagen, welche Alternative die sicherste, die besonnenste und die am besten an den sozialen Kontext angepasste ist. In der Tat ist es üblich, dass sie eine Entscheidung treffen, die sie zum ursprünglichen Problem zurückkommen lässt.

Das sind sehr interessante Verhaltensweisen, aber sie sind auch sehr anstrengend für den Betroffenen und seine Umgebung.

Verzweifelter Mann

Schäden im orbitofrontalen Kortex

Es gibt einige neuropsychologische Tests, die beurteilen, ob der orbitofrontale Kortex eines Patienten beschädigt ist. Visuelle Diskriminierungstests oder der Faux-Pas-Test sind diesbezüglich sehr nützlich.

Menschen mit einem Hirnschaden in diesem Bereich zeigen in der Regel das folgende psychologische Profil:

  • Unhöfliches Auftreten
  • Probleme in der sozialen Interaktion aufgrund mangelnder Empathie
  • Kriminelles Verhalten: Raub, Körperverletzung, Aggression etc.
  • Hypersexualität
  • Neigung zu Drogenmissbrauch

Die Behandlung dieser Patienten ist in der Regel sehr komplex. Es ist üblich, dass sie in ein Institut für psychische Gesundheit eingewiesen werden, was nicht selten durch Gerichtsbeschlüsse angewiesen wird. Im Allgemeinen werden sie je nach ihren individuellen Bedürfnissen und Anforderungen psychotherapeutisch und pharmakologisch behandelt. Die ist eine sehr heikle Realität, über die wir jeden Tag mehr lernen.