Der Hang zum Risiko

· 21. Oktober 2018

Es gibt Menschen, die einen Hang zum Risiko haben. Doch warum ein Risiko eingehen, wenn es auch sicherer geht? Wir reden hier immerhin über Angelegenheiten, welche die Gesundheit, das Wohlbefinden, die Finanzen, die Stabilität und viele andere Säulen unseres Lebens gefährden können. Die meisten von uns haben eine abenteuerlich angehauchte Seite an sich. Doch wir lassen diesen Teil von uns nur selten zutage treten, besonders dann nicht, wenn das Risiko sehr hoch oder die Belohnung im Fall des Erfolges zu gering ausfällt.

Da gibt es Aktivitäten wie extrem schnelles Fahren, betrunkenes Fahren oder das Nichtbeachten von Verkehrsschildern. Der Hang zum Risiko beinhaltet zudem Sex ohne den angemessenen Schutz, Drogenkonsum oder Extremsport ohne die notwendige Vorbereitung und Ausrüstung. Oder, um nur ein weiteres Beispiel zu nennen, Orte aufzusuchen, an denen man Glücksspiele spielen und riesige Geldsummen verwetten kann. Die Liste ist lang.

„Sei mutig. Gehe Risiken ein. Nichts kann die Erfahrung ersetzen.“

Paulo Coelho

Jede Aktion, die deine Sicherheit oder Stabilität infrage stellt, bedeutet ein Risiko. Natürlich gibt es auch Möglichkeiten, kalkulierte Risiken einzugehen, wenn es darum geht, Ziele zu erreichen, die für dich wichtig sind. In diesen Fällen ergreifst du jedoch in der Regel die notwendigen Schritte, um ein möglicherweise negatives Ergebnis zu minimieren.

Das Gehirn und der Hang zum riskieren

Eine Gruppe von Wissenschaftlern der Stanford University (Kalifornien, USA) veröffentlichte einen Artikel dazu in der Zeitschrift Nature.  Sie sprachen darüber, wie bestimmte neuronale Schaltkreise unser Risikoverhalten steuern. Sie untersuchten, wie diese bei Ratten funktionieren, stellten aber ebenfalls fest, dass die gleichen Mechanismen bei Wespen, Bienen, Vögeln und Menschen existieren.

Signale im Gehirn

Sie schlussfolgerten, dass der Hang zum Risiko durch eine kleine Gruppe von Neuronen im Nucleus accumbens reguliert wird. Dieser ist ein Teil des Gehirns, der eine Rolle in unserem Belohnungssystem spielt und damit auch in Verbindung zu Vergnügen und Sucht steht.

Die Wissenschaftler fanden weiterhin heraus, dass der Hang zum Risiko eine starke Verbindung zum Vergnügen hat. Die Forschung scheint zu zeigen, dass manche Menschen höhere Dopaminspiegel erreichen, wenn sie Risiken eingehen. Was das für diese Menschen bedeutet, ist, dass sie mit einem solchen Verhalten ein besonders angenehmes Gefühl in ihrem Körper und ihrem Geist erzeugen können.

Eine Studie von Karl Deisseroth

Karl Deisseroth ist Professor für Bioverfahrenstechnik an der Stanford University. Er gestaltete das Forschungsfeld der Optogenetik wesentlich mitund entwickelte eine revolutionäre Methode, welche Licht verwendet, um unsere Zellen und insbesondere unsere Neuronen zu kontrollieren. Wissenschaftler nutzen diese Methode, um einen Teil des Gehirns zu stimulieren und zu sehen, welche Veränderungen sich daraus ergeben. Dadurch können sie herausfinden, welche Bereiche für bestimmte Verhaltensweisen zuständig sind.

Deisseroth führte ein Experiment durch, bei dem er mittels Optogenetik den Nucleus accumbens stimulierte und die Dopaminrezeptoren kontrollierte. Mit anderen Worten, er schnitt die Beziehung zwischen Risikobereitschaft und Dopaminproduktion ab. Er hat diese Studie bei einer Gruppe von Ratten angestellt.

Das Ergebnis war, dass die risikofreudigsten Ratten nun ebenfalls zurückhaltend auftraten. Als die Forscher aufhörten, die Vorgänge im Gehirn zu unterbinden, die sonst eine vermehrte Freisetzung von Dopamin bewirkten, kehrte die Tiere zu ihrem normalen Verhalten zurück. Diese Beobachtung führte Deisseroth zu der Theorie einer starken Verbindung zwischen dem Hang zum Risiko und der Dopaminproduktion im Gehirn.

Die Evolution des Risikos

Der Hang zum Risiko spielt eine wichtige Rolle in unserer Evolution, sowohl als Individuen als auch als Spezies. Wenn wir uns immer nur vernünftig und zurückhaltend verhalten hätten, wären wir wahrscheinlich nie in der Lage gewesen, unseren Horizont zu erreichen oder gar zu erweitern. Die ganze Menschheit verdankt ihre Entwicklung jenen primitiven Menschen, die es wagten, zu experimentieren und Feuer zu machen. Denn ursprünglich hatten wir auch davor Angst.

Person mit Gleitschirm

Darin liegt der evolutionäre Grund dafür, dass jeder von uns in seinem Leben eine Dosis Risiko braucht. Es ist, was wir heute als „aus der Komfortzone herauskommen“ bezeichnen. Jedes Mal, wenn du dich dem Unbekannten stellst, wird es dort Elemente geben, die du nicht kontrollieren kannst. Aber nur so kannst du dich als Mensch verbessern. Es ist auch emotional sehr befriedigend, den Schritt nach vorn zu wagen.

Es gibt jedoch einige Fälle, in denen die Risikobereitschaft eine zwanghafte Form annimmt. Hier wird kein anderes Ziel mehr verfolgt, als Situationen mit hohem Risiko zu erfahren. Dieses Verhalten ist dem anderer Süchte sehr ähnlich. Im Allgemeinen haben solche Menschen starke selbstzerstörerische Tendenzen und kämpfen oft mit versteckten Depressionen.