„Der Glöckner von Notre Dame“: Disneys dunkelste Geschichte

· 10. Oktober 2018

Der Glöckner von Notre Dame  aus dem Jahr 1996 folgt, obwohl es sich um einen Disney-Film handelt, einem dunklen Handlungsstrang, der schwierig zu verarbeiten sein kann. Wir sprechen hier nicht von einer Art „düsterem“ Glück, wie es in The Nightmare Before Christmas  dargestellt wird, oder von der erschreckenden Dunkelheit aus Taran und der Zauberkessel,  einem von Disneys weniger bekannten Filmen. Die Dunkelheit des Glöckners von Notre Dame hat mit all dem nichts zu tun. Sie ist etwas anderes, etwas Reales und Rohes. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum viele Kinder der 90er den Film damals nicht wirklich zu schätzen wussten.

Obwohl es viele Disney-Filme gibt, die eine dunkle Handlung und einen analytischen Kern in sich verbergen, ist Der Glöckner von Notre Dame  weit entfernt vom Stereotyp eines Disney-Films. Er erzählt eine tragische Geschichte und ist voller Kritik an Gesellschaft und Macht, besonders in Bezug auf die Kirche.

Dieser Film basiert auf dem Roman Der Glöckner von Notre Dame  von Victor Hugo, der im Jahr 1831 veröffentlicht wurde. Doch der Film wurde selbst von den Anhängern des Autors abgelehnt, da sie eine düstere Geschichte erwarteten, welche dem Original treu blieb. Aber, wie fast zu erwarten war, nahm Disney dem Roman einen Teil seiner Tragik, damit auch Kinder den Film schauen konnten. Und ja, trotz aller Bemühungen die dunkle Geschichte in eine etwas hellere zu verwandeln, war sie für viele Kinder immer noch zu düster.

Es gibt mindestens noch zwei weitere, wesentlich härtere Adaptionen dieses Romans, die ebenfalls Der Glöckner von Notre Dame  heißen und 1939 bzw. 1956 gedreht wurden. Aus der Erwachsenenperspektive können wir nun sehen, dass es sich bei Disneys Version um einen großartigen Animationsfilm mit faszinierenden Szenarien und einer überraschenden und fesselnden Botschaft handelt.

Quasimodo und Esmeralda feiern fröhlich.

„Leben ist kein Sport für das Publikum. Wenn du nur zuschaust, wirst du nur sehen, wie dein Leben ohne dich vorangeht.“

Laverne, Der Glöckner von Notre Dame

Das Kirchliche in Der Glöckner von Notre Dame

Der Hauptunterschied zu Hugos Roman besteht in der Figur des Richters Frollo. In der Originalversion ist Frollo der Erzdiakon von Notre Dame, doch in der Disney-Version ist er ein Richter. Dies ist völlig verständlich, da es ein Film für Kinder ist. Obwohl Frollo als weltlicher Richter vorgestellt wird, zeigt er sich eng mit der Kathedrale verbunden; er hat einen starken Glauben und seine Kleidung ist entsprechend gestaltet.

Frollo sollte ein Mann des Gesetzes sein, ein respektabler und fairer Charakter, doch er ist eigentlich genau das Gegenteil. Wir sehen seine Rücksichtslosigkeit, seine Arroganz und wie er diejenigen verachtet, die anders sind als er. Frollo hasst Zigeuner und alle, die nicht wie er sind. Aber das Leben wird ihn ganz schön durcheinanderbringen und er wird Gefühle erleben, die er nie für möglich gehalten hätte.

Frollo fängt an, von der Zigeunerin Esmeralda besessen zu sein. Seine Gefühle zu ihr sind jedoch keineswegs gesunder Natur. Sie wird zu einem kostbaren und verlockenden Objekt, wie die „Verkörperung des Bösen„. Plötzlich verspürt Frollo ein krankhaftes Verlangen, das ihn über seinen Glauben nachdenken lässt. Frollo glaubt, dass sein Verlangen nach Esmeralda eine Prüfung vor Gott sei und dass er eine Sünde vermeiden müsse. Sein Verlangen nach ihr wird jedoch so stark, ja sogar zwanghaft, dass er sie schließlich zu seinem Eigentum machen will – sonst müsse sie sterben.

Frollos Besessenheit wird zu einem der verstörendsten Momente im Disney-Film führen. Zu einem Lied, in dem von Anfang an religiöse Konnotationen offensichtlich sind: kirchliche Chöre, ein riesiges Kruzifix, Frollos Kleidung. Wenn wir all das als Erwachsene sehen, wird uns klar, dass Frollo wohl mehr Geistlicher als Richter ist.

Dieser Moment ist für uns wichtig, um diesen Charakter besser zu verstehen. Frollo ist ein grausamer und rücksichtsloser Richter, der seine Gerechtigkeit ausübt, indem er unschuldige Menschen verurteilt. Er scheint auch noch etwas anderes zu verbergen. Frollo ist ein sehr verstörender und unbequemer Charakter. Sein irrationales und obsessives Verlangen nach Esmeralda ist fast erschreckender als alles andere im Film. Hinter seinem puritanischen und gepflegten Image steckt ein Mann mit sehr fragwürdiger Moral.

„Du bist missgestaltet und hässlich. Das sind Verbrechen, die die Welt nicht zulässt.“

Frollo, Der Glöckner von Notre Dame

Hugos Roman ist rücksichtslos und keinesfalls mitfühlend geschrieben. Auf der anderen Seite ist der Film Der Glöckner von Notre Dame  weicher verpackt und weniger umstritten, sodass es einfacher für die breite Öffentlichkeit ist, ihn zu verdauen. Der Charakter von Frollo und die besagte Szene gewähren uns allerdings einen Blick auf die ursprüngliche Geschichte, auf die harte Kritik an der Kirche und ihrer unbestreitbaren Macht.

Quasimodo, der Glöckner von Notre Dame

Was ist anders im Film Der Glöckner von Notre Dame?

Neben der Kritik an der Gesellschaft und der Kirche beschäftigt sich Der Glöckner von Notre Dame  auch mit Themen wie Differenz und Akzeptanz. Menschen verbinden Freundlichkeit nicht mit dem Aussehen eines Menschen. Wir haben einen grausamen Richter und einen unschuldigen, gutherzigen Charakter, dessen Erscheinung den meisten Menschen unangenehm ist. Die Gesellschaft akzeptiert Quasimodo nicht, weil er so aussieht, wie er nun einmal aussieht. Deshalb wagt er es nur während des „Fests der Narren“, seinen Unterschlupf in der Kathedrale Notre Dame zu verlassen. An diesem Tag gibt es eine Art Karneval, bei dem die Menschen alles Seltsame feiern und sich dementsprechend verkleiden.

„Heute ist ein guter Tag, um es zu versuchen.“

Quasimodo, Der Glöckner von Notre Dame

Quasimodos „Kostüm“ fasziniert die Bevölkerung von Paris. Wenn sie wüssten, dass er tatsächlich so aussieht, würden sie ihn alle für ein Monster halten. Nur eine Figur zeigt Mitgefühl gegenüber Quasimodo: Esmeralda, die junge, unterdrückte und verfolgte Zigeunerin. Esmeralda ist eine Kämpfernatur. Sie ist die Einzige, die es wagt, sich Frollo zu widersetzen und Gerechtigkeit und Gleichheit für alle zu fordern.

Frollo rief in Quasimodo unglaubliche Unsicherheit hervor und brachte ihn dazu, sich selbst als ein Monster zu betrachten. In diesem Zusammenhang ging Quasimodo eine Art Freundschaft mit den Wasserspeiern in der Kathedrale ein. Esmeralda und die Gargoyles öffnen Quasimodo schließlich die Augen und lassen ihn die Realität erkennen. Auch Capitan Febo, ein Soldat, der Frollo den Rücken kehrt, spielt eine wichtige Rolle, weil er sich dem Kampf um Gleichberechtigung anschließt.

Wer ist das wahre Monster in Notre Dame? Der Film zeigt die wahre Natur des Monsters. Ein getarntes Monster, das Tag für Tag unter uns wandert und dabei sogar den Respekt der Gesellschaft genießt. Der Glöckner von Notre Dame  ist ein Film, den wir vor dem Vergessen retten müssen. Kurz gesagt, seine Handlung ist komplizierter und düsterer als bei einem typischen Kinderfilm. Doch sie ist auch voller erstaunlicher Werte, die für Gerechtigkeit und Gleichheit eintreten.