Der Fall Aimée – oder der Wunsch nach Selbstbestrafung

· 22. November 2018

Der Fall Aimée ist einer der berühmtesten Fälle in der Geschichte der Psychiatrie und Psychoanalyse. Und das aus zwei guten Gründen: Erstens, weil dieser Fall die Grundlage für Jacques Lacans Diplomarbeit war, und zweitens, weil er einen Wendepunkt bezüglich dessen markierte, was man zur „paranoiden Psychose“ annimmt.

Jacques Lacan ist nach Sigmund Freud der vielleicht prominenteste Vertreter der Psychoanalyse. Seine Postulate trugen zu einem entscheidenden Fortschritt in der klassischen Psychoanalyse bei. Der Fall Aimée war derjenige, der Lacan als klugen Denker auf diesem Gebiet bekannt macht. Eben dieser Fall hat aber auch Kontroversen hinsichtlich der speziellen Bedingungen ausgelöst, unter denen die Behandlung durchgeführt und der wissenschaftliche Fortschritt erzielt worden war. Auch wegen der Folgen, die diese Behandlung für die Nachkommen dieser berühmten Patientin haben sollte.

Wir beziehen uns hierbei zweifellos auf ein faszinierendes Kapitel in der Geschichte der Wissenschaft der psychischen Gesundheit.

„ … was in der Symbolik abgelehnt wurde, taucht im Realen wieder auf.“

Jacques Lacan

Frau sitzt auf einem Stuhl neben einem leeren Stuhl im Wasser

Marguerite Pantaine: Der Fall Aimée von Lacan

Marguerite Pantaine ging unter dem Namen Aimée in die Geschichte ein. Aimée war der Name einer der Charaktere in einem Roman, den sie geschrieben hatte. Es war ebenfalls der Name, mit dem Lacan sie in seiner Diplomarbeit betitelte. Sie war eine Frau, die in eine katholische Bauernfamilie in Frankreich hineingeboren wurde und die allem Anschein nach im Alter von 28 Jahren begann, Wahnvorstellungen zu haben.

Das geschah während ihrer ersten Schwangerschaft. Sie war davon überzeugt, dass man sie verletzen wollte, weshalb sie gewalttätige Verhaltensweisen entwickelte. Ihre erste Tochter wurde tot geboren und sie glaubte daran, dass eine ihrer Freundinnen daran schuld gewesen sein müsste. Daraufhin verbesserte sich ihr Gesundheitszustand, aber während ihrer zweiten Schwangerschaft kamen die Wahnvorstellungen zurück. Deshalb ließ sie in den ersten fünf Lebensmonaten ihres Sohnes Didier niemanden an ihn heran. Ihre Paranoia wurde schlimmer, weshalb sie schließlich in eine psychiatrische Klinik eingeliefert wurde.

Nachdem sie entlassen wurde, lebte sie allein in Paris. Dort litt sie unter der Wahnvorstellung, dass eine Schauspielerin namens Huguette Duflos ihren Sohn verletzen wollte. Sie schrieb Briefe an den Prince of Wales und schilderte ihm ihren Verdacht. Im April 1931 griff Marguerite die Schauspielerin schließlich mit einem Messer an. Daraufhin musste sie ins Gefängnis gehen.

Die interessante Entwicklung im Fall Aimée

Nach der Untersuchung ihres psychischen Zustands wurde Marguerite in die Nervenklinik von Santa Ana geschickt, wo sie eineinhalb Jahre lang von Jacques Lacan behandelt wurde. Seitdem sie im Gefängnis war, verschwanden ihre Symptome. Das ließ Lacan schlussfolgern, dass sie unter einer „Paranoia mit Selbstbestrafung“ gelitten haben müsse. Mit anderen Worten war es die Tatsache, bestraft zu werden, die sie wieder zur Vernunft kommen ließ. Sie trug eine unbewusste Schuld mit sich herum. Da sie durch ihre Haft bestraft wurde, wurden die Wahnvorstellungen für ihren Geist unnötig.

Ohne auf die psychoanalytischen Details des Falles Aimée einzugehen, möchten wir an dieser Stelle lediglich erwähnen, dass er eine ganz besondere Entwicklung und ein überraschendes Ende nahm. Lacan war von ihr und ihrer Situation fasziniert. Der Name Aimée bedeutet „Geliebte“, und es erscheint doch seltsam, dass Lacan sie so nannte. Er hatte keine Liebesbeziehung zu ihr, aber er fand in ihrem Zustand dennoch viele Erkenntnisse, um seine Theorie zur Psychose zu entwickeln.

Marguerite schrieb Romane, die niemand jemals veröffentlichte. Als Teil ihrer Behandlung wurden sie Lacan überreicht, der sie ihr nie mehr zurückgab. Paradoxerweise wurde sie durch ihre Geschichte und durch Lacans Niederschriften berühmt. Vor Beginn ihrer Behandlung behauptete Marguerite, dass es Leute gebe, die ein Interesse daran hätten, ihr ihre Worte zu stehlen. So beschuldigte sie den Schriftsteller Pierre Binot, ihre Ideen für seine Texte verwendet zu haben. Letztendlich geschah so etwas erst beim Aufeinandertreffen mit Lacan.

Frau sitzt ängstlich in einem Käfig

Ein unerwartetes Ende

Laut Lacan wurde Marguerite geheilt, als sie für ihren versuchten Mord hart bestraft wurde. Es ist bekannt, dass einige ihrer Wahnvorstellungen einige Zeit später wieder auftauchten, aber auch, dass sie ihr das Leben nicht erschwerten. Darüber hinaus wurde sie nicht erneut stationär aufgenommen, sodass Lacans Grundthese als richtig erachtet wurde.

Das Überraschende an dieser ganzen Geschichte ist, dass Marguerites Sohn, Didier, sich dazu entschieden hat, Psychoanalytiker zu werden. In seiner Autobiografie schildert er, dass ihn eine tiefe Einsamkeit und die Probleme seiner Mutter auf diesen Weg geführt haben. Ohne sich des Fall Aimées bewusst zu sein, kam Didier in Lacans Praxis, um selbst eine Psychoanalyse bei sich durchführen zu lassen. Er wusste überhaupt nicht, dass der Fall Aimée seine Mutter betraf.

Schwarz-Weiß-Foto von Jacques Lacan

Irgendwann vermutete er das aber. Er begann, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen, und behauptete später, Lacan habe ihm niemals die Wahrheit gesagt. Er wies auch darauf hin, dass es ihm selbst erst nach einiger Zeit klar wurde, weshalb er ebenfalls geschwiegen habe. Didier versuchte noch, die Romane seiner Mutter zurückzubekommen, aber es gelang ihm leider nicht. Er schrieb schließlich selbst.

Der Sohn einer psychisch kranken Mutter wurde Psychoanalytiker. Er erfuhr nie, was seine Mutter geschrieben hatte. Aber am Ende machte er seine Leidenschaft fürs Schreiben zu seinem Beruf.