Der endlose Graben - 30 Jahre im Untergrund

Der endlose Graben kann ganz unterschiedliche Empfindungen hervorrufen. Obwohl es auch in unserem momentanen Leben gewisse Einschränkungen gibt, ist es nur sehr schwer vorstellbar, wie Menschen es ertragen konnten, unter derartigen Umständen für eine solch lange Zeit eingesperrt zu sein.
Der endlose Graben - 30 Jahre im Untergrund

Letzte Aktualisierung: 25. November 2020

Der endlose Graben ist eine überwältigende Reise durch den Spanischen Bürgerkrieg und erzählt über die sogenannten Maulwürfe. Eine Handvoll Menschen tauchten in Spanien direkt nach der Amnestie der Regierung im Jahr 1969 wieder auf. Sie hatten sich nach Francos Machtübernahme im Jahr 1936 für mehr als 30 Jahre (häufig in ihren eigenen Häusern) versteckt, um Vergeltungsmaßnahmen zu entkommen.

Der Film liefert Details über einige der unglaublichsten Geschichten dieses Albtraumes. Er erzählt auf eindrückliche Weise die Geschichte eines sogenannten “Maulwurfes” und seiner Frau, die sich versteckten. Die Frau leidet unter ihrer schrecklichen Situation auf tiefe und aufopfernde Weise. Es ist eine großartige Geschichte über Liebe, die als Schutz vor der Angst fungiert.

Dieser Film ist besonders durch die zwei Hauptdarsteller und den Ort der Handlung sehr eindrücklich. Dafür ist ein Team baskischer Regisseure und Produzenten verantwortlich, die auch schon Filme wie Loreak und Handia geschaffen haben. Der endlose Graben ist eine beinahe perfekte emotionale Reise durch die Angst vor politischer Unterdrückung, über menschliche Verletzlichkeit, Verzweiflung und Widerstand.

Der endlose Graben – von der Flucht bis zum beinahe ewigen Warten

Der größte Teil der Action findet in den ersten 20 Minuten des Filmes statt, da die Kamera dem linken Politiker und dem scharfsinnigen Higinio (Antonio de la Torre) folgt. Letzterer wird dann zusammen mit anderen Gefangenen festgenommen und in einem Lastwagen der Zivilgarde abtransportiert.

Während einer der anderen Gefangenen die Wachen um sein Leben anfleht, nutzt Higinio die Gelegenheit, springt vom Lastwagen und entkommt. Er rennt durch die ländliche Gegend Andalusiens und wird dabei von der Zivilgarde verfolgt.

Glücklicherweise kann er sich während der Nacht in einem tiefen dunklen Brunnen verstecken. Er teilt sich dieses Versteck mit zwei weiteren Personen, die sich ebenfalls vor der Polizei verstecken. Allerdings werden diese beiden später von oben von der Polizei erschossen. In der Zwischenzeit gelingt es Higinio, sich in einem der Löcher des Brunnens zu verstecken. Am nächsten Morgen schiebt er die zwei toten Körper zur Seite, verlässt den Brunnen und macht sich auf dem Heimweg.

Seine Frau Rosa, eine Näherin, die von Belén Cuesta dargestellt wird, erwartet ihn bereits zu Hause. Ab diesem Moment beginnt aufgrund der Stille und Ewigkeit der Stunden ein tiefes psychologisches Drama. Higinio sieht keine andere Möglichkeit, als sich unter dem Fußboden zu verstecken und wie ein Maulwurf das zu beobachten, was in seinem Haus vor sich geht. So wird er zu einem Zuschauer in seinem eigenen Zuhause, wobei er sich dabei selber an einem ziemlich unbequemen Ort befindet.

“Als ich viele Jahre später über den Spanischen Bürgerkrieg geschrieben habe, verwendete ich Dokumente, die ich als Kind gesammelt hatte, da noch nicht viel veröffentlicht worden war (heute sind weitaus mehr Ressourcen verfügbar).”

-Noam Chomsky-

Der endlose Graben – Spannung für den Zuschauer

Obwohl das Leben als Maulwurf vermutlich ziemlich langweilig gewesen sein muss, wird es das für den Zuschauer zu keinem Zeitpunkt des Filmes. Die größte Bedrohung und Anspannung geht von Gonzalo (Vicente Vergara) aus, der Higinio an die Behörden verraten hat. Er bedroht ihn und setzt ihn permanent unter Druck, angefangen mit dem sadistischen Zurückziehen der Hausvorhänge zu Rosa, während er alles von seinem Versteck aus beobachtet.

Higinio nutzt die Osterwoche in der Stadt und zieht in das Haus seines Schwiegervaters – verkleidet als ältere Frau. In diesem Haus hat er wesentlich mehr Platz, um sich als Maulwurf einzurichten, der auf der Flucht vor Francos Polizei ist. Er hat ein kleines Bett, winzige Bücherregale und einen kleinen Tisch, an dem Rosa arbeiten kann.

In einer tragikomischen Sequenz, die eine kurze Verschnaufpause vom Drama darstellt, entschließt sich ein homosexuelles Paar dazu, das Haus von Higinios Schwiegervater für ihre Verabredungen zu nutzen, da Rosa monatelang abwesend gewesen war. Als sie dann von Higinio entdeckt wurden, schlossen die drei einen Pakt: Sie durften das Haus weiterhin nutzen und versorgten Higinio im Gegenzug mit Zeitungen und etwas Nahrung.

Rosas Wunsch

Rosa erklärte, sie wolle ein Kind haben, ein unter den gegebenen Umständen beinahe unglaublicher Wunsch. Rosa ist eine starke, aufopferungsvolle und selbstlose Ehefrau. In der Tat ist ihre Rolle ziemlich komplex und sie hat verschiedene Facetten. Denn sie ist weitaus mehr als nur die Frau, die Higinio in seinem Versteck hilft.

Plötzlich muss Rosa alles verbessern, worauf ihre Ausbildung sie vorbereitet hat, denn sie muss sich als Hauptverdienerin neu erfinden. Belén Cuesta gelingt es großartig, Rosas Zerbrechlichkeit, Stärke und Engagement im Laufe der Jahre darzustellen.

Wenn es einen Wendepunkt in Rosas Leben gibt, dann ist es die sexuelle Belästigung und anschließende Vergewaltigung durch einen Polizisten der Zivilgarde. Er ist Kunde in ihrer Werkstatt. Eines Tages kommt es zu einem Kampf, da Rosa sich weigert, eine irgendwie geartete Beziehung mit ihm zu beginnen. Währenddessen muss sich Higinio, der alles von seinem Versteck aus beobachten kann, extrem zurückhalten, um nicht entdeckt zu werden.

Higinio ist extrem frustriert und die erlebte Demütigung überwältigt ihn. Daraufhin reagiert er auf sehr primitive Weise auf das Geschehene. Er kommt aus seinem Versteck, um Sex mit seiner Frau zu haben. Diese Szene ist sehr unangenehm, da sie an eine Vergewaltigung grenzt.

Als der Beamte der Zivilgarde einige Tage später zurückkehrt, greift er Rosa an, aber Higinio kann den Angriff nicht verhindern. Das liegt daran, dass er andernfalls eine Lampe umwerfen hätte müssen, die sein Versteck verbrannt hätte. Als er schließlich zu Hilfe eilen kann, kommt er nur heraus, um den Polizisten zu töten. Dennoch wird er seine Zweifel darüber nicht los, ob er nun der Vater seines Kindes ist oder nicht.

Der endlose Graben - Filmszene

Der endlose Graben und die Kraft der Liebe

Die schauspielerische Leistung beider Protagonisten verleiht der Geschichte einen Hauch von Realität. Higinios Ruhe und seine traditionellen Werte geben seiner Rolle eine große Bedeutung.

Außerdem ist es unvermeidbar, dass der Großteil der Handlung in gedämpftem Licht stattfindet, welches häufig in Kontrast zur gleißenden andalusischen Sonne gesetzt wird. Vieles davon wird aus der unsicheren und ängstlichen Perspektive Higinios dargestellt, der zusammen mit dem Betrachter herauszufinden versucht, was eigentlich genau vor sich geht: eine Strategie, die Spannung, aber auch Emotionen erzeugt.

Trotz all des Leidens, der Dunkelheit und des menschlichen Übels, das der Film aufzeigt, ist Der endlose Graben dennoch ein positiver Film. Denn er erzählt ganz ohne Sentimentalität, Exzesse oder Klischees, dass Liebe ein Zufluchtsort sein kann, der ein Leben lang Bestand hat.

Der gesamte Prozess des Films beginnt mit allem, was kaum sichtbar ist, um herauszufinden, was sich dahinter verbirgt. In aller Reinheit ist das alles, was den Augen verborgen bleibt.

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