Der Bandwagon-Effekt oder der Glaube, Millionen von Kühen könnten sich nicht irren

· 4. Juli 2018

Ein Zitat von Facundo Cabral lautet: „Friss Gras. Millionen von Kühen können sich nicht irren.“  Es ist eine Ironie, diese Tendenz, sich der Mehrheit anzuschließen, ohne deren Motive und Ziele infrage zu stellen. Mit anderen Worten, wir neigen dazu, dorthin zu gehen, wo andere hingehen. Und das alles, weil sie in der Mehrheit sind. Diese Form der kognitiven Voreingenommenheit wird als Bandwagon-Effekt oder Mitläufereffekt bezeichnet.

Genauer gesagt, ist der Bandwagon-Effekt der Glaube, dass etwas wahr sei, nur weil die meisten Menschen glauben, es sei wahr. Die Opfer dieser kognitiven Voreingenommenheit stützen ihr Urteil nicht auf Beweise oder logisches Denken, sondern einfach auf die Macht der Masse. Wenn viele denken, dass es so sei, dann sollte es so sein.

„Merkwürdigerweise fühlen sich die Wähler nicht verantwortlich für das Scheitern der Regierung, für die sie gestimmt haben.“

Alberto Moravia

Die Macht des Bandwagon-Effekts ist Politikern bestens bekannt. Es gibt Hunderte von Studien, die zeigen, wie sie diesen Mangel an Argumenten ausnutzen, um „Wahrheiten“ durchzusetzen, die keine sind. Das passiert sehr oft während der Wahlen. Die Leute glauben, dass der Kandidat, der die Umfragen anführe, der Beste sei – ohne seinen Standpunkt zu reflektieren oder die Gültigkeit der Umfragen zu hinterfragen.

Die Ursprünge des Bandwagon-Effekts

Man sagt, dass der amerikanische Schauspieler und Komiker Dan Rice 1848 der erste gewesen sei, der den Bandwagon-Effekt bewusst einsetzte. Während der damaligen Präsidentschaftskampagne verwendete Rice den Ausdruck „Jump into the bandwagon!“. Er bedeutet so viel wie: „Steig auf den Wagen mit der Musikkapelle!“ Mit anderen Worten, schließe dich dem Trend an. So half er Präsident Zachary Taylor, an die Macht zu kommen.

Wagen mit Musikkapelle

Damals wurde deutlich, dass eine solche Phrase ein enormes Potenzial hatte, bereits genährte Massen an sich zu binden. Darüber hinaus kam zum Dominoeffekt: Die Menschen wollten „up to date“ sein, ein Teil dessen, was in Mode war. Und je mehr Menschen auf den Wagen aufsprungen, je mehr wollten ihnen folgen.

Nach und nach wurde klar, dass der Bandwagon-Effekt enorme politische Vorteile bringen könnte. Seine Reichweite wurde klar. Menschen wollen auf der Gewinnerseite stehen. Deshalb schließen sie sich denjenigen an, die in einem Wettbewerb „gewinnen“, ob es um politische oder andere Angelegenheiten geht. Nicht umsonst hat der FC Bayern München mehr Fans als alle anderen deutschen Clubs. Hier entsteht ein Klima, in dem der Sieg beinahe gerochen werden kann.

Bandwagon-Effekt und Argumentum ad Populum

Argumentum ad populum“ werden falsche Aussagen genannt, die jedoch mit der Meinung der Mehrheit übereinstimmen. In diesem Zusammenhang erwähnt Carl Sagan eine Begebenheit, als er von einem Taxifahrer gescholten wurde. Dieser fragte ihn, ob er an UFOs glaube und Sagan verneinte das. Die Reaktion war Ablehnung und Skepsis.

Der Fahrer dachte, Sagan versuche, die Wahrheit vor ihm zu verbergen. Hätte er hingegen gesagt, dass er an außerirdische Besuche glaube, auch wenn dies eine Lüge gewesen wäre, hätte er mit Sicherheit die Zustimmung dieses Mannes erhalten. Denn der Taxifahrer hatte das Volk auf seiner Seite und konnte mit diesem argumentieren.

Gruppe von Demonstranten auf einer Planke am Abgrund

Daher stehen solche Argumente in engem Zusammenhang mit dem Bandwagon-Effekt. Politiker und Marketingexperten versuchen immer wieder, genau das zu sagen, was die Mehrheit hören will. Es spielt keine Rolle, ob es wahr ist oder nicht. Wichtig ist, dass ihr Standpunkt bedeutet, sich „dem Trend anzuschließen“ und damit die Sympathie vieler möglicher Wähler und Konsumenten zu gewinnen.

Der Bandwagon-Effekt birgt enorme Risiken

Auch für Machthaber ist das Thema jedoch nicht nur positiv belegt. Es reicht nicht aus, Lügen zu wiederholen, die dem Volksglauben entsprechen, um den Willen der Mehrheit zu gewinnen. Der Bandwagon-Effekt ist ein zweischneidiges Schwert: Diejenigen, die immer beliebter werden, sind zunehmend exponierter und nackter. So kann jede Enthüllung gegen sie eine verheerende Wirkung auf ihr Image haben. Es wird eher auf Fehler geschaut, die derjenige macht, der im Rampenlicht steht.

Es kommt auch vor, dass nachstehende Anwärter eine noch stärkere Modeerscheinung auslösen wollen. Da die Anhänger der Gruppe nicht aus Überzeugung, sondern einfach wegen kognitiver Voreingenommenheit hinter der Führungspersönlichkeit her sind, neigen sie dazu, ihm sofort den Rücken zu kehren, wenn er schwächelt oder ein anderer Kandidat stärker erscheint. Wenn es diesem gelingt, sich als potenzieller Gewinner darzustellen, ist es möglich, dass viele der Anhänger sich nun ihm anschließen und ihren bisherigen Vorzug aufgeben.

Schwarzes Schaf springt aus einer Schafherde

Der Bandwagon-Effekt wird auch als „Herdentrieb“ bezeichnet. Noch verächtlicher wird er „Lemmingeffekt“ genannt. Es lohnt, sich seiner bewusst zu werden, um nicht Opfer dieser Lügen zu werden.