Dein Gepäck wird schwerer, je mehr Bindungen du hast

· 6. Juli 2017

Wir besitzen etwas, das uns unser Leben lang begleitet, auf allen Wegen, die wir gehen, und auf allen, zu denen wir irgendwann einmal zurückkehren wollen. Es ist das Gepäck, das uns besonders macht, weil es all unsere Träume, all unsere Hoffnungen und vor allem all unsere Bindungen enthält, die wir mit uns nehmen, wenn wir beschließen, weiterzureisen. In diesen Koffer packen wir alle Emotionen, die uns zutiefst berühren, und die Menschen, die diese Gefühle in uns auslösen. Er ist nicht immer sichtbar, aber er ist da. Wir haben ihn bei uns, auf Schritt und Tritt, und er sagt eine Menge darüber aus, wer wir sind.

„Menschliche Zuneigung lässt mein Herz jedes Mal flattern, als sei es das erste Mal.“

Ella Fitzgerald

Unsere Bindungen machen uns zu emotional und spirituell einzigartigen Wesen. Sie sind Zeichen der zwischenmenschlichen Beziehungen, die wir führen, und den Grad unserer emotionalen Verbindung zu ihnen. Deshalb teilen wir unsere Erfahrungen gern auch dann mit unseren Lieben, wenn wir weit weg sind: weil wir sie ganz nahe bei uns haben, in unserem Herzen, in Form von Liebe und Nostalgie.

Bindungen und Nicht-Abschiede

Wir kommen am Bahnhof an, wir sind auf dem Weg zum Flughafen oder wir steigen ins Auto ein, bereit für eine neue Erfahrung. Es ist egal, ob sie Monate, Jahre oder auch nur Stunden anhalten wird, denn wir packen unsere Koffer auf die gleiche Weise: Wir denken darüber nach, welche materiellen Objekte unsere Bedürfnisse abdecken werden: Kleidung, Kamera und Telefon, Dokumente und, je nachdem, wie lange wir verreisen, vielleicht Erinnerungen an unser Zuhause, wie Fotos oder Postkarten. Der emotionale Koffer ist längst fertig, denn das tun wir unbewusst.

Dann kommt irgendwann der Moment des Abschieds. Man nennt sie bedeutungslose Abschiede, als würde man die Menschen, die bleiben und nicht physisch mit uns kommen, zurücklassen. Wir wissen alle, warum diese Art von kurzfristigen Abschieden so schmerzhaft ist: Genau deshalb, weil wir, wenn wir an diesem Bahnhof oder diesem Flughafen jemandem den Rücken zukehren, von ganzem Herzen hoffen, dass wir den oder die Menschen, die dableiben, so bald wie möglich wieder in die Arme schließen können.

Diese Abschiede sind schwer, weil es sie in unserem tiefsten Innern nicht gibt: Sie sind räumliche Klammern der Zuneigung, welche die Zeit überdauern. Bindungen geben uns Sicherheit vor der Kälte, wo auch immer wir hingehen, und sie beschützen uns davor, uns allein und leer zu fühlen. Hier lassen wir andere nicht los, verbannen sie nicht aus unserem Leben.

„Wir reisen um die halbe Welt, um uns verabschieden zu können, damit wir, auch wenn es eine Weile dauert, bis dieser Wunsch aufkommt, wieder zurückkehren wollen.“

Elvira Sastre

Die Zuneigung liegt im Abschied

An einen anderen Ort zu gehen und sein Zuhause hinter sich zu lassen ist ein mutiger Schritt, denn er bringt uns in eine Situation, mit der wir keine Erfahrung haben. Dazu kommt noch, dass die Menschen, die uns normalerweise helfen, wenn wir Probleme haben, uns nicht auf die gleiche Weise unterstützen können.

Wenn die Reise lang ist, wirst du beispielsweise feststellen, dass dein Abenteuer den Inhalt dieser Tasche voller Bindungen, mit der du losgefahren bist, plötzlich zu filtern beginnt. Anders gesagt merken wir manchmal, dass einige der Abschiede nicht für so kurze Zeit waren, wie wir es vielleicht geglaubt hatten, aber auch, dass wir einige Menschen in unseren emotionalen Koffer gepackt haben, ohne uns dessen bewusst gewesen zu sein.

Wir sammeln und füllen unseren Koffer weiter. Und irgendwann werden wir verstehen, dass nicht alles hineinpasst, dass das Materielle den wenigsten Platz einnehmen sollte und dass wir stärker werden, je mehr Gewicht aus Bindungen zu unseren Lieben wir zu tragen haben.

Emotionales Gepäck wiegt schwerer

Unser Zuhause liegt in unserem Innern, nicht außerhalb von uns, in einem aus Stein gebauten Haus. Wenn wir zurückkehren, sehen wir die Menschen, von denen wir uns verabschiedet hatten, und in ihnen sehen wir unser Haus, unser Heim, unsere Essenz.

Letztendlich wird es immer ein Glas Wein bei dem Freund geben, mit dem wir vor einer Weile eines in Italien getrunken haben, eine Umarmung, die wir einem Freund aus der Universität schuldig sind, ein Gespräch mit einem Fremden an jenem Ort, an den du dich an diesen regnerischen Tagen erinnern wirst…

„Die Qualität der Reise wird daran gemessen, wie viele Erinnerungen man auf dem Weg sammelt.“

Benito Taibo

Das wird unser Gepäck sein und wir werden für andere das Gleiche darstellen. Wir werden nicht von der Kleidung sprechen, die wir dabeihatten, denn die Erinnerungen an Menschen werden schwer wiegen. Es ist einfach ein weiteres Zeichen dafür, dass Liebe und Zuneigung an unserem Herzen festhalten, dass wir Teile anderer in uns tragen: Auf unsichtbare Weise halten sie uns zusammen und verleihen uns Bedeutung.

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Claudia Tremblay