Das wahre Ich: Du hast mir gezeigt, dass ich mir keine Maske aufsetzen muss

21. Februar 2017 en Psychologie 885 Geteilt

Ich kam, um dir etwas zu sagen, aber als du anfingst zu reden, vergaß ich alles. Meine Finsternis und mein Meer voller Sorgen lösten sich sofort in Luft auf und verflogen durch ein offenes Fenster. Denn du hast mir Ruhe gebracht, denn dein Blick hat mich in deinen Bann gezogen und mich verzaubert, denn du bist mein Kompass, mein Zufluchtsort auf diesem unsicheren Terrain, das sich Leben nennt. Durch dich kommt mein wahres Ich zum Vorschein.

Es ist schon eigenartig, dass ein Großteil des Lesematerials, das sich mit Beziehungen beschäftigt, sich darauf konzentriert, uns tausende Ratschläge und beinahe schon magische „Liebesrezepte“ zu geben, damit die Liebe in unser Leben kommt. Darüber hinaus zeigen sie uns, dass wir diese Beziehungen, die nichts mehr wert sind, schnell und furchtlos hinter uns lassen müssen. Aber nur wenige erklären uns, was wirklich wichtig ist: die Fähigkeit, eine Beziehung am Leben zu erhalten. Auf dieser Reise hin zu einer Intimität, die von Geduld und Verständnis geprägt ist, wo beide Bauherren ein gemeinsames Projekt verfolgen.

Wir alle haben irgendwann einmal diese Situation erlebt: Wir hatten einen schwierigen Tag, an dem wir von Zweifel und dem Stress dieser schnelllebigen Welt geplagt wurden. Doch als wir nach Hause kamen oder uns nach diesem langen Tag mit unserem Partner trafen, kehrte Ruhe bei uns ein und alles hatte wieder einen Sinn. Es reichte uns vollkommen aus, die Stimme unseres Partners zu hören, damit wir wieder Boden unter den Füßen fühlen, und diese perfekte Symphonie löst pure Zufriedenheit bei uns aus.

Einen Großteil unserer Existenz verbringen wir mit einem „falschen Ich“, durch welches wir überleben, uns anpassen und anderen gefallen, bis wir eines Tages auf diesen einen Menschen treffen. Dieser Mensch, vor dem wir unsere Maske abnehmen, um ihm unser „wahres Ich“ zu zeigen. Nur wenige Dinge im Leben lösen solch eine innere Ruhe aus.

Wir möchten dich dazu einladen, mit uns darüber nachzudenken.

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Das wahre Ich – wenn ich mit dir rede, hilft mir das, damit ich ich selbst sein kann

Es gibt Menschen, die genau im richtigen Moment in unser Leben treten, wenn wir sie gerade so sehr brauchen, und ihre Anwesenheit bereichert uns. Sie werden zu Bildhauern unserer eigenen Person. Sie nehmen uns nach und nach unser Schutzschild ab, damit unsere wahre Essenz, unser wahres Ich ans Licht kommt. Genau dann zeigen wir uns von Angesicht zu Angesicht ohne Ängste, ohne eine Maske und ohne Widerwillen.

In der japanischen Sprache finden wir einen Begriff, der in diesem Kontext sehr passend ist: Wabi Sabi. Hierbei handelt es sich um eine künstlerische Wertschätzung gepaart mit einer interessanten philosophischen Konnotation. Es hebt die Schönheit des Unvollkommenen, der Reinheit und des Essenziellen hervor, das sich unseren Sinnen bietet. Es ist die Eleganz dieser Objekte, Situationen und sogar Menschen, die sich uns trotz der Tatsache, dass sie verletzt wurden, vollkommen authentisch zeigen.

Manche sind krankhaft auf der Suche nach dem perfekten Partner. Dafür verstecken sie sich sogar hinter einer Maske der aufgesetzten Perfektion. Der bekannte englische Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Woods Winnicott pflegte zu sagen, dass mit der Maske des „falschen Ichs“ zu leben, „einen totalen und absoluten Verlust unserer angeborenen Vitalität, unserer Freude und Kreativität“  bedeute.

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Wenn wir einmal genauer darüber nachdenken, ist unsere Welt an sich zu unvorhersehbar, schnelllebig und widersprüchlich, damit wir selbst in unseren alltäglichen Beziehungen anders sein könnten. Wenn du dich also in dem Blick eines anderen wiederfinden kannst, wenn du mit ihm sprichst, so solltest du diese Gelegenheit nicht verpassen. Wenn dich dieser Mensch trotz deiner Macken, deiner hin und wieder schlechten Laune und mitsamt deiner Narben liebt, solltest du in festhalten und nicht gehen lassen.

Die Liebe kommt manchmal wie ein Sturm – ein Sturm des Guten oder Schlechten

Unser wahres Ich zu zeigen, stellt hin und wieder eine Herausforderung dar. Es verlangt Mut, Kraft und Offenheit von uns ab. Aber wir sollten die Worte von Kierkegaard dabei nicht vergessen: „Die tiefste Verzweiflung ist erreicht, wenn man sich dazu entscheidet, ein Mensch zu sein, der man in Wahrheit nicht ist.“

Natürlich wissen wir alle, dass die Liebe für gewöhnlich unverhofft und mit einer gewaltigen Wucht in unser Leben tritt. Wenn wir die Liebe in unser Leben lassen, so können wir nicht vermeiden, dass mit dem Guten auch ab und an das Schlechte kommt. Falls wir auf der Suche nach der perfekten Liebe sind, die uns nur Positives bringt, werden wir letztendlich nur enttäuscht sein.

Wir müssen verstehen lernen, dass sich jeder von uns trauen muss, diesen Schritt zu machen, und somit auch stürmische Zeiten in sein Leben lässt. Dieses Schutzschild ist aus den Geschichten unserer Vergangenheit, aus vielen schönen und bereichernden Geschichten gemacht, aber auch aus Narben, Wunden und gewissen Ängsten. Deshalb sind wir ein „komplexes und ganz eigenes Ich“, das wir nicht verstecken müssen. Denn Komplexität kann auch das Spiegelbild der Authentizität sein.

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Wir sind wie ein umfassendes Buch, manchmal unübersichtlich und chaotisch, aber immer faszinierend. Unser wahres Ich mit Hilfe unseres Partners zu reparieren und zu feiern, ist so notwendig wie auch wunderbar. Außerdem ist es auch einfach wichtig, diese Geschichten des anderen zu lesen, um uns zu entdecken und uns mitsamt unserer Schwächen und Stärken zu akzeptieren.

Nach und nach kommt damit diese perfekte Harmonie, die jegliche Leere ausfüllt. Es sind diese Augenblicke der Gespräche, in denen wir uns so wohlfühlen, als ob jemand eine lange Reise gemacht hätte und schließlich wieder im gemeinsamen Zuhause ankommt, wo Raum für die Seele, das Leben und die Träume ist.

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Puuung

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