Das verlorene Pferd – eine chinesische Fabel

· 17. September 2018

Dies ist eine alte chinesische Fabel, die uns die Geschichte eines guten Mannes erzählt, der in einem abgelegenen Dorf lebte und von allen seinen Nachbarn respektiert wurde. Der Mann war Bauer und wurde in einer Familie voller Liebe und hervorragender Bräuche aufgezogen.

Er wurde in seiner Weisheit so respektiert, dass anderen ihn ständig in verschiedenen Angelegenheiten konsultierten. Der Bauer spendete häufig Trost oder hatte ein freundliches Wort auf den Lippen, das er an andere weitergeben konnte. Er lebte in Frieden mit sich selbst und der Welt.

„Die Menschen schreiben, wenn sie etwas Böses empfangen, auf Marmor; wenn es etwas Gutes ist, in Staub.“

Thomas Moore

Eines Tages kam ein schönes Pferd auf seinen Hof. Der Bauer wusste nicht, woher es kam. Das Tier hatte strahlend weißes Fell und eine fantastische Muskulatur. Es ging mit einer einzigartigen Eleganz und man konnte sehen, dass es ein echtes Vollblut war. Das Pferd begann, zu grasen, und blieb auf der Farm des guten Mannes, dem Protagonisten dieser chinesischen Fabel.

Glück und Unglück

Die alte chinesische Fabel besagt, dass die anderen Dorfbewohner überrascht waren. Nach den hiesigen Gesetzen gehörte das prächtige Pferd dem Landwirt, da es allein auf den Hof gekommen war. Jeder sagte zu ihm: „Was für ein Glück du hast!“  Aber der gute Mann unserer Geschichte antwortete nur: „Vielleicht.“  Und dann fügte er hinzu: „Was wie ein Segen aussieht, ist manchmal ein Fluch.“

China im Winter

Die anderen haben das nicht verstanden und hielten ihn für undankbar. Wie konnte er es nicht für einen Segen halten, dass ein außergewöhnliches Pferd allein auf seinen Hof gekommen war? Das Tier hätte sicher ein Vermögen gekostet. Mehr Glück hätte er nicht haben können!

Es wurde Winter. Eines Morgens stand der Bauer sehr früh auf und sah, dass das Scheunentor weit offen stand. Er näherte sich dem Ort und bemerkte, dass das prächtige Pferd nicht mehr da war. Entweder war es geflohen oder jemand hatte es gestohlen. Die Nachricht verbreitete sich schnell im Dorf.

Bald waren die Nachbarn auf dem Hof zugegen. Sie wollten dem bescheidenen Mann ihre Trauer ausdrücken. „Es tut uns so leid“, sagten sie. Der Protagonist dieser chinesischen Fabel blieb hingegen gelassen. Er sagte seinen Nachbarn, es gäbe keinen Grund zur Sorge. Und er fügte hinzu: „Was wie ein Fluch aussieht, ist manchmal ein Segen.“

Die anderen hielten ihn für verrückt.

Die Rückkehr des Vollblutes

Der Winter währte lange in diesem Jahr. Doch wie immer fingen die Bäume schließlich an, sich mit Blättern zu füllen, und die Vögel sangen wieder. Der Frühling war gekommen. Eines Nachmittags arbeitete der Bauer an der Bewirtschaftung seines Landes, als er plötzlich ein Dröhnen spürte.

Gruppe von Pferden

Der bescheidene Mann schaute in die Ferne und konnte die Gestalt des verlorenen Pferdes mit seinem weißen, glänzenden Fell sehen. Doch das wunderbare Tier kam nicht allein. Hinter ihm standen 20 weitere Pferde, die ihm mit großem Gehorsam folgten. Der Bauer war überrascht. Sie waren alle wunderschöne Exemplare und auf dem Weg zu seinem Hof.

Die Tiere blieben auf dem Hof und das Gesetz sah vor, dass sie nun alle sein Eigentum waren. Die Nachbarn konnten nicht glauben, dass das Glück den Bauern so entscheidend begleiten würde. Sie gratulierten ihm zu seiner Neuerwerbung. Wie zuvor antwortete der bescheidene Mann nur: „Was wie ein Segen aussieht, ist manchmal ein Fluch.“

Das schöne Ende der chinesischen Fabel

Der Bauer sah, dass er eine Menge harter Arbeit vor sich hatte. Die Pferde, die mit dem weißen Tier angekommen waren, waren wild. Sie sollten gezähmt werden, eines nach dem anderen. Nur sein ältester Sohn und er waren dazu in der Lage, aber das würde lange dauern.

Der Herbst näherte sich bereits, als sich der Bauernsohn aufmachte, um das verdrießlichste aller Pferde zu zähmen. Obwohl der junge Mann diese Fähigkeiten beherrschte, warf ihn das Pferd hinaus und er brach sich ein Bein. Die Nachbarn eilten herbei, um Medizin zu bringen und fragten, wie sie helfen könnten. „Was für ein Pech!“,  sagten sie zum Bauern. Wie immer antwortete der Vater des Jungen: „Was wie ein Fluch aussieht, ist manchmal ein Segen.“

Das verlorene Pferd

Nur eine Woche später brach der Krieg aus. Der Kaiser befahl die Rekrutierung aller jungen Männer im Dorf. Der einzige junge Mann, der verschont blieb, war der Bauernsohn, der sich wegen seines gebrochenen Beines erholte. Erst dann verstanden die anderen die große Weisheit des Bauern. Seitdem wird diese chinesische Fabel von Generation zu Generation weitergegeben, auf dass niemand vergesse, dass nichts von sich aus gut oder schlecht ist.