Das Selbst in der Krise: Depressionen beeinträchtigen das Selbstkonzept

Depressionen verändern bestimmte Gehirnregionen, die mit dem Selbstkonzept zusammenhängen. Das erklärt, warum es vielen so schwerfällt, sich selbst zu vertrauen oder sich in einem positiven Licht zu sehen.
Das Selbst in der Krise: Depressionen beeinträchtigen das Selbstkonzept

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 05. Mai 2022

Depressionen beeinträchtigen das Selbstkonzept und dies macht die Genesung schwieriger. Du kannst dich kaum in einem positiven Licht sehen, wenn dich der Verstand ständig mit negativen und zermürbenden Werturteilen bestraft. Worte wie “Du musst dich mehr lieben” nützen in dieser Situation nichts.

Die verzerrte Selbstwahrnehmung und das geringe Selbstwertgefühl sind Teil dieser Realität, die jedoch weitaus komplexer ist. Wir sprechen von einem multifaktoriellen Prozess, der dazu führt, dass sich das Selbstkonzept bei einer Depression täglich verschlechtert. Verschiedene biologische Mechanismen steuern diese Art der destruktiven Selbstwahrnehmung.

Das Selbst basiert auf komplexen Gehirnprozessen, die durch psychische Störungen verändert werden.

 Mann mit negativem Selbstbild
Depressionen gehen meist mit einem geringen Selbstwertgefühl einher, doch die Beeinträchtigung des Selbstverständnisses geht bei dieser psychischen Störung in der Regel noch viel tiefer. 

Warum beeinträchtigen Depressionen das Selbstkonzept?

Depressionen werden von vielen negativen Aspekten begleitet: Traurigkeit, Schuldgefühle, Selbstverachtung, Hoffnungslosigkeit, geringes Selbstwertgefühl oder auch Angst. Nur wenige Krankheitsbilder sind so komplex und werden von so vielen Faktoren, darunter auch genetische und soziale, bestimmt.

Die negative Selbstwahrnehmung muss nicht zu einer Depression führen, wir wissen jedoch, dass diese seelische Erkrankung das Selbstverständnis sehr negativ verändert. Dies erklärt unter anderem das pessimistische innere Narrativ und den Widerstand gegen Veränderungen.

Ein geringes Selbstwertgefühl und ein fragiles Selbstkonzept können zur Entwicklung einer Depression beitragen, jedoch auch erst mit der Depression auftreten. Dieser Zustand kann dramatische Auswirkungen zur Folge haben.

Wie entsteht das Selbstbild?

Die Faktoren, die das Selbstbild beeinflussen, sind sehr vielfältig. Soziale Aspekte wie die Erziehung, das Umfeld, Beziehungen und Erfahrungen spielen dabei eine bedeutende Rolle. Das Selbstbild verzerrt sich, wenn du subjektiv interpretierst, was andere über dich denken.

Untersuchungen der Universität Salzburg zeigen, dass Menschen mit geringem Selbstwertgefühl in bestimmten Gehirnregionen ein geringeres Volumen an grauer Substanz aufweisen. Insbesondere in jenen Arealen, die mit der Emotionsregulierung, der Selbstwahrnehmung und der Theory of Mind (Gedanke, Gefühle, Absichten, Meinungen, Erwartungen) zusammenhängen.

Das Selbst ist eine subtile Kombination aus sozialen und biologischen Aspekten. Deshalb können psychische Erkrankungen wie Depressionen das Selbstbild untergraben oder schwächen, vor allem, wenn es vorher bereits zerbrechlich war.

Depressionen beeinflussen das Selbstkonzept

Die Universität Melbourne hat eine Studie veröffentlicht, die untersucht, wie Depressionen unser Selbstkonzept beeinflussen. Daraus wird wieder einmal die Komplexität und Hierarchie der zugrundeliegenden Gehirnprozesse ersichtlich.

Es gibt subkortikale Regionen und kortikale Netzwerke, die diese Wahrnehmung noch weiter verzerren und schwächen können, wenn eine Stimmungsstörung vorliegt. Wie wir wissen, geht dieser Zustand auch mit veränderten Neurotransmittern, weniger neuronalen Verbindungen und einer geringeren Plastizität des Gehirns einher.

Dieser gesamte neurochemische Kontext verändert das Narrativ und verstärkt den negativen inneren Dialog. Depressionen blockieren nicht nur Chancen, sondern schwächen auch das Selbstbild. Betroffene glauben nicht, dass sie des Glücks und des Wohlbefindens würdig sind. Sie halten sich selbst für unfähig, ihre Ziele zu erreichen und das Leid loszulassen, das sie ertragen…

Frau mit negativem Selbstkonzept
Menschen mit Depressionen leiden an einem zunehmend negativen und belastenden inneren Dialog, der ihr Selbstbild noch weiter zersetzt.

Was tun?

Die Förderung eines mitfühlenden, respektvollen und widerstandsfähigen inneren Dialogs hat stark therapeutische Wirkungen. Depressive Menschen benötigen jedoch Unterstützung, um dies zu erreichen. Sie  sind nicht fähig, sich selbst zu motivieren oder Hoffnung zu finden, da ihre Realität von ihrem Katastrophendenken geprägt ist. Die Lösung ist deshalb eine Psychotherapie, die in bestimmten Fällen mit einer pharmakologischen Behandlung kombiniert wird.

Medikamente können auf die Gehirnchemie einwirken und die Kommunikation in den Schaltkreisen der Nervenzellen des Gehirns fördern, um die Stimmung zu regulieren. Der pharmakologische Ansatz muss jedoch immer durch eine Therapie ergänzt werden.

Betroffene müssen ihre Denkmuster verändern und pathologische Überzeugungen zurücklassen, um ihre Selbstwahrnehmung zu verbessern. Die Behandlung von Depressionen erfordert immer einen multifaktoriellen Rahmen, in den neue Lebensgewohnheiten, ein besseres Gefühlsmanagement und sogar eine Neuformulierung der Ziele, Werte und des Sinns im Leben integriert werden.

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