Das Quäntchen Unglück bei denen, die zu viel haben

· 26. Juli 2016

In der heutigen Welt denken viele, dass ein Großteil ihrer Probleme deshalb entstünde, weil sie zu wenig haben. Deshalb verbringen sie den größten Teil ihres Lebens damit, Materielles anzuhäufen, das sie glücklich machen sollen. Das Problem dabei ist, dass dieser Gedankengang falsch ist und sie nie genug bekommen können, um glücklich zu werden. Denn es bleibt dieses Quäntchen Unglück, auch bei denen, die zu viel haben.

Überfluss, egal um welches Thema es sich handelt, wird als Ballast empfunden. Und Ballast führt zu Verzerrungen und Schwierigkeiten, hindert daran, eine hohe Lebensqualität zu erreichen. Dies lässt sich auf alle Lebensbereiche anwenden: Denken wir doch mal an einen Überfluss an Essen, an Trinken, an Gütern, an Erfolg und noch vieles, vieles mehr.

„Armut entsteht nicht aus der Verringerung des Reichtums, sondern aus der Vervielfältigung der Wünsche.“

Platon

Der Wunsch danach, immer mehr und mehr von etwas haben zu wollen, entsteht nicht aus einem spezifischen Mangel an diesem Gut. Es ist nicht so, dass dem Alkoholiker noch mehr Alkohol in seinem Körper fehet, noch braucht der kompulsive Esser noch mehr Proteine. Auch ein Millionär braucht nicht noch mehr Geld, aber das heißt nicht, dass er nicht noch mehr wollte. Was in all diesen Fällen passiert, ist, dass das tatsächliche Bedürfnis des Menschen hinter einer Maske versteckt bleibt und deshalb selten erkannt und nie gestillt werden kann.

Die, die zu viel haben

Es gibt eine Wahrheit, die auf den ersten Blick widersprüchlich erscheint: Der Mangel an materiellen Gütern führt zum Unglück, aber ihr Besitz ist nicht der Beginn des Glücks.

Wir Menschen brauchen eine minimale, würdevolle materielle Basis, um uns als Person entwickeln und wachsen zu können. Wenn es uns an diesem Minimum mangelt, kann dies zu Ungerechtigkeit und fehlender Autonomie führen. Extreme Armut ermöglicht keinen Zugang zu Bildung, Kultur und Gesundheit. Sie nimmt die Chance, sich an gesellschaftlichen Gütern erfreuen zu können. In der Regel verdammt sie zu einem prekären, unglücklichen Leben, in dem vor allem das Überleben zu sichern ist.

Selbst wenn Champagner auf der Tagesordnung steht, das Quäntchen Unglück bleibt

Das andere Extrem sind diejenigen, die zu viel haben, und die theoretisch bessere Menschen sein sollten, aufgrund der Tatsache, dass sie stets alles, und sogar noch mehr als das, gehabt haben. Ihnen war in der Regel Zugang zu hochwertiger Bildung gegeben, und auch die Möglichkeit, Angenehmes zu erleben. Schon die Tatsache allein, sich selbst glücklicher als andere schätzen zu können, sollte sich eigentlich in einem höheren Grad der Zufriedenheit mit ihrem Leben widerspiegeln. Aber viele von ihnen bedauern dieses Quäntchen Unglück, das immer bleibt, oder sind ganz und gar in ihrem Unglück versunken.

Das Erwartete tritt nicht ein, meist geschieht genau das Gegenteil. Personen, die zu viel haben, zeigen oft problematische Verhaltensweisen, sind fordernd und unangenehm. Sie werden von ihren Launen dominiert. Sie sind von Unzufriedenheit geplagt. Sie zeigen sich egoistisch und begegnen der Welt mit Unfähigkeit oder Teilnahmslosigkeit. Sie sind oft zynisch. Dies trifft natürlich nicht auf alle zu, doch es kommt relativ häufig vor.

Ist mehr weniger und weniger mehr?

Auf dem Feld der persönlichen Entwicklung ist Geld nur ein Instrument, das weit davon entfernt ist, das wichtigste zu sein.

Wie bereits erwähnt sollten alle Menschen über ein Minimum an materiellen und immateriellen Gütern verfügen, die ihre Entwicklung und einen Genuss der Kultur erlauben. Doch was letztlich den Erfolg oder den Misserfolg einer Person ausmacht, die in relativer Armut geboren wurde, ist ihre Fähigkeit, kreativ mit Schwierigkeiten umzugehen. Und es sind viele Schwierigkeiten, auf die jemand stößt, der in Armut lebt. Die Schwierigkeit liegt im alltäglichen Leben, so alltäglich wie Tag und Nacht.

Frau im weißen Kleid scheint nicht glücklich zu sein

 

„Immer fehlt etwas oder jemand“,  sagt ein Text von Facundo Cabral. Immer muss man etwas erledigen, ermessen, verteilen. Das Leben ist eine alltägliche Herausforderung, die wir von klein auf bewältigen müssen. Für diejenigen, die zu viel haben, scheint das weder eine schwierige Angelegenheit noch etwas sehr Aufregendes zu sein. Sie sehen sich kaum Extremsituationen ausgesetzt, in denen das Sein über das Haben dominiert. Viele Personen mit Geld schützen sich vor Armut und erziehen ihre Kinder in Enthaltsamkeit. Damit unterscheiden sie sich grundsätzlich von denen, die nichts haben und die täglich der Unsicherheit ausgesetzt sind.

Das Ergebnis von all dem ist nicht selten, dass diejenigen, die wenig haben, durch ihre größeren Anstrengungen die Fähigkeit der Resilienz entwickeln. Sie lernen, mit Frust umzugehen und können das schätzen, was sie erreichen. Diejenigen, die zu viel haben, verpassen diese beeindruckenden Erfahrungen. Natürlich leiden sie in vielen Fällen viel weniger. Aber sie sind im Allgemeinen auch weniger resistent gegen Schicksalsschläge. Denn es bleibt ein Quäntchen Unglück in allem Überfluss.