Das Pollyanna-Prinzip – oder die Fähigkeit, sich nur auf das Positive zu konzentrieren

· 20. November 2018

Definiert wurde das Pollyanna-Prinzip auf Basis eines Kinderbuchs von Eleanor H. Porter. Die gleichnamige Protagonistin besitzt die Fähigkeit, in allem immer das Positive zu sehen. Dieser eiserne und bestimmende Optimismus diente als Inspiration, um die Einstellung zu veranschaulichen, die es uns im Wesentlichen ermöglichen würde, ein glücklicheres und sozial bereichernderes Leben mit unseren Mitmenschen zu führen.

Ist es wirklich angemessen, unsere persönliche Sichtweise auf das Positive zu lenken, worum es bei diesem psychologischen Prinzip geht? Sehr wahrscheinlich haben die meisten unserer Leser ernsthafte Zweifel, sind in gewisser Weise skeptisch. Wie wir wissen, kann diese rosarote Brille manchmal dazu führen, dass wir bestimmte Aspekte unserer Umgebung aus den Augen verlieren, bestimmte Feinheiten, die wichtig sind, was unserer Perspektive ein realistisches und objektives Denken raubt.

„Das Spiel besteht darin, etwas zu finden, mit dem man immer glücklich sein kann.“

Pollyanna

Die Blütezeit der Positiven Psychologie, eingeleitet von Martin Seligman, befindet sich derzeit in einem wichtigen Umbruch. Organismen wie die University Buckingham in England, Vereinigtes Königreich, ist die weltweit erste Institution, die ihre Studenten in den Grundlagen dieser Psychologie ausgebildet hat, und setzt nun auf neue Grundlagen: Eine von ihnen bezieht sich auf die Definition von Glück.

In gewisser Weise können wir sagen, dass die „neue“ Positive Psychologie das Vorhaben verworfen hat, uns zu lehren, glücklicher zu sein. Die berühmte Glückskultur und all diese damit zusammenhängenden Ratgeber und Selbsthilfebücher weichen einem neuen Format, einer neuen Sichtweise. Eine Sichtweise, um uns Werkzeuge an die Hand zu geben, damit wir auch wissen, wie wir mit negativen Ereignissen und widrigen Umständen des Lebens umgehen sollten. Denn im Leben können wir uns nicht immer nur auf die positive und optimistische Seite der Dinge konzentrieren, so wie es die allzeit entschlossene und lebensfrohe Pollyanna macht.

Illustration von Pollyanna

Das Pollyanna-Prinzip: Was verbirgt sich dahinter?

Nachdem sie zu einem Waisenkind wurde, musste die kleine Pollyanna bei ihrer verbitterten und strengen Tante Polly leben. Anstatt den Kopf in den Sand zu stecken, entschloss sich das kleine Mädchen lieber dazu, Tag für Tag nach einer Philosophie zu leben, die ihr ihr eigener Vater von klein auf beigebracht hatte. Nach eine Philosophie, nach der man seine Realität in ein Spiel verwandeln kann, indem man nur die guten und positiven Dinge sieht. Ganz gleich, wie unglücklich eine Situation auch war, Pollyanna war dazu in der Lage, jeden Umstand mit dem stärksten Optimismus und der freudigsten Entschlossenheit zu lösen und zu bewältigen.

Eine auffällige Folge dieser Herangehensweise war auch der Einfluss, den sie auf andere hatte. Früher oder später würde sich der gierigste, apathischste oder traurigste Charakter der funkelnden und leuchtenden Persönlichkeit des Mädchens ergeben. Eleanor H. Porters Bücher vermitteln, wie wir sehen, eine absolute Verherrlichung des positiven Denkens, was einige Psychologen aus den 1970er Jahren, wie Dr. Margaret Matlin und Dr. David Stang, inspirierte.

Wie sind Menschen, die das Pollyanna-Prinzip anwenden?

  • In einer in den 1980er Jahren veröffentlichten Studie konnten Matlin und Stang feststellen, dass Menschen mit einer deutlichen Vorliebe für Positivismus, sich, entgegengesetzt unserer allgemeinen Meinung, viel länger Zeit nehmen, um unangenehme, gefährliche Reize oder negativen Ereignisse um sie herum zu identifizieren. Mit anderen Worten, es sie tragen keine rosarote Brille in Bezug auf die Realität, wie manche vielleicht denken würden.
  • Wer dem Pollyanna-Prinzip folgt, ist sich vollkommen darüber bewusst, dass es im Leben negative Fakten und Realitäten gibt, konzentriert sich aber nur auf das Positive. Der Rest spielt keine Rolle. Darüber hinaus, selbst wenn diese Menschen in ein negatives Ereignis verwickelt sind, werden sie versuchen, ihre Situation auf eine optimistischere Weise zu sehen.
Ein gelber lachender Ball inmitten vieler blauer grinsender Bälle

Ein Gedächtnis, das voreingenommen ist und sich auf das Positive konzentriert

Dr. Steven Novella, ein anerkannter Neurophysiologe an der Yale University (Connecticut, USA), hat mehrere Studien über das angestellt, was als falsches Gedächtnis oder als dieser Speicherfehler bekannt ist, der bei uns Menschen so häufig vorkommt. So ist es eine mehr als interessante Tatsache bezüglich des Pollyanna-Prinzips oder der positiven Voreingenommenheit, dass sich optimistische Menschen normalerweise nicht gut an negative Ereignisse aus ihrer Vergangenheit erinnern.

Die Qualität ihres Gedächtnisses ist hervorragend, sobald ein Ereignis als „positiv“ verarbeitet wird. Schmerzhafte oder komplexe Ereignisse speichern sie nicht in gleicher Weise ab, da sie nicht als signifikant angesehen werden.

Eine positive Sichtweise und Sprache: Wir alle sind Pollyanna

Diese Tatsache ist in der Tat interessant. Im Jahr 2014 führte die Cornell University (New York, US) eine Studie durch, um herauszufinden, ob unsere Sprache im Allgemeinen eher zur Aggressivität bzw. zu einer positiven Verzerrung oder zum Pollyanna-Prinzip neigt. Professor Peter Dodds und sein Team analysierten mehr als 100.000 Wörter in 10 verschiedenen Sprachen, einschließlich eingehender Analysen der Interaktionen in sozialen Netzwerken.

Das Ergebnis zeigt, dass unsere Sprache und die Botschaften, die wir vermitteln, eine deutlich positive emotionale Gewichtung haben, auch wenn sie uns noch so unauffällig vorkommt. Diese Schlussfolgerungen stimmen mit denen überein, die die Psychologen Matlin und Stang Jahrzehnte zuvor aufgestellt haben, nämlich, dass die Menschen zum „Polliannismus“ neigen würden.

Kritiken am Pollyanna-Prinzip

Einige Psychologen ziehen es vor, über das Pollyanna-Syndrom anstelle des Pollyanna-Prinzips zu sprechen. Mit dieser veränderten Terminologie versuchen sie, die Aufmerksamkeit auf die Einschränkungen oder gar beunruhigenden Aspekte zu lenken, die diese psychologische Dimension im Extremfall mit sich bringen kann.

Wenn wir uns zum Beispiel nur auf die optimistische Seite des Lebens konzentrieren, können wir eine gewisse Unfähigkeit im Umgang mit schwierigen Situationen an den Tag legen. Das Pollyanna-Prinzip hilft manchmal, das ist wahr. Stets eine freudige und angenehme Vorstellung der Dinge zu haben, ist zweifellos motivierend. Aber zum Leben gehört auch dazu, zu wissen, wie man negative Momente übersteht und aus ihnen lernt.

Unsere Realität beinhaltet Licht und Schatten, und wir können nicht immer nur die sonnige Seite wählen.

Mann hält eine große Sonnenblume in seiner Hand

Was sollen wir also tun? Ist es ratsam, die Philosophie des Pollyanna-Prinzips zu befolgen oder nicht? Der Schlüssel zu allem ist, wie immer, das Gleichgewicht zu bewahren. Wir sollten diese Zwischenlösung wählen, bei der wir lieber die strahlende Seite des Lebens sehen, aber unsere Augen nicht vor der Realität verschließen oder Schwierigkeiten meiden. Die Positive Psychologie ist letztendlich immer inspirierend, aber manchmal hängt es nicht zu 100 % von der eigenen Einstellung ab, Erfolg zu haben oder nicht, oder zu verhindern, dass uns bestimmte Dinge passieren.

Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Deshalb müssen wir dazu bereit sein, jeden Umstand bestmöglich zu nehmen wie er kommt, indem wir wissen, wie man mit Licht, Schatten und allen dazwischenliegenden Graustufen umgeht.