Das paradoxe Anpassungssyndrom: Was ist das?

Das paradoxe Anpassungssyndrom ritt insbesondere im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt auf. Erfahre heute mehr über dieses Thema.
Das paradoxe Anpassungssyndrom: Was ist das?

Letzte Aktualisierung: 15. August 2021

Das paradoxe Anpassungssyndrom ist ein psychopathologisches Phänomen, das insbesondere im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt auftritt. Es zeugt von der Widersprüchlichkeit, die Gewaltopfern das Gefühl gibt, von ihrem Aggressor beschützt zu werden.

Bekanntlich ist Gewalt innerhalb von Beziehungen weltweit ein beunruhigendes Problem. Das paradoxe Anpassungssyndrom kennt keine Grenzen was das Geschlecht oder die sexuelle Orientierung anbelangt. Meist findet jedoch Gewalt innerhalb der eigenen vier Wände statt, nur selten erfahren andere davon. Deshalb ist es sehr schwierig abzuschätzen, wie viele Menschen an dem paradoxen Anpassungssyndrom leiden.

Angesichts der Gräueltaten müssen wir Partei ergreifen. Schweigen regt den Henker an.

Elie Wiesel

Gewalt in der Partnerschaft

Das paradoxe Anpassungssyndrom: Was ist das?

Gewalt in der Partnerschaft ist ein komplexes Phänomen, das viele widersprüchliche Gefühle mit sich bringt. Manchmal führt die Situation zu einer Trennung, wenn das Opfer erkennt, dass es keine andere Möglichkeit gibt. In vielen Fällen verharrt jedoch das Opfer und sieht keine Möglichkeit, der Situation zu entkommen.

Experten nennen drei Faktoren, die zu einer Verlängerung einer solchen Situation führen und gleichzeitig zum Nährboden für das paradoxe Anpassungssyndrom werden:

  • Intensive Angst, die lähmend wirkt.
  • Das Opfer sieht keinen Ausweg, der Aggression zu entkommen.
  • Es fehlt an Ressourcen. Das Opfer hat keine Möglichkeiten, keine emotionale Stärke und keine Unterstützung, um mit der Situation Schluss zu machen.

Diese Situation entspricht einem typischen Fall, doch das paradoxe Anpassungssyndrom tritt auch bei Menschen auf, die scheinbar unabhängig sind und konkrete Alternativen haben, um aus der Situation herauszukommen. Warum ist das so?

Das paradoxe Anpassungssyndrom

In toxischen Beziehungen kann Gewalt zu einem wesentlichen Bestandteil der Bindung werden: Von Anfang an herrscht ein Machtungleichgewicht vor, das emotional, sozial oder materiell sein kann. Dies scheint eine wesentliche Voraussetzung für einen späteren Missbrauch zu sein.

Das paradoxe Anpassungssyndrom ist eine psychophysiologische Reaktion bei Menschen, die Opfer häuslicher Gewalt werden. Es beinhaltet eine Reihe von kognitiven und emotionalen Modifikationen. Diese sollen helfen, die Situation zu bewältigen oder zu überleben. Es handelt sich also um einen Anpassungsmechanismus, der jedoch in einer unerträglichen Situation auftritt.

Dieser Zustand gilt als eine Variante des Stockholm-Syndroms. In beiden Fällen werden scheinbar liebevolle Gefühle zum Aggressor entwickelt. Die Opfer vergleichen den verursachten Schaden mit dem potenziellen Schaden und kommen zu dem Schluss, dass es noch schlimmer sein könnte.

Der kranke Kreislauf

Das paradoxe Anpassungssyndrom: Was ist das?

Solche Situationen entstehen nicht über Nacht. Sie sind das Ergebnis eines langen Prozesses, der in der Regel folgende vier Phasen umfasst:

  • Auslösephase. Sie beginnt mit dem ersten traumatischen Erlebnis, zum Beispiel mit einer körperlichen Aggression. Dadurch zerstört der Täter die Sicherheit und das Vertrauen des Opfers, was gefährlich ist.
  • Phase der Neuorientierung. Zunächst entsteht Orientierungslosigkeit und Unsicherheit, denn die Spielregeln haben sich geändert. Zunehmende Angst, Schuldgefühle und Scham treten auf. Der Glaube an die Beziehung geht verloren, das Opfer sucht Gleichgewicht zu erreichen, um die Angst zu lindern.
  • Bewältigungsphase. Den Herausforderungen der Situation werden persönliche Ressourcen gegenübergestellt. Depressionen treten auf und Stress nimmt zu. Die Schmerztoleranz ist größer und die Empfindlichkeit geringer. Es gibt passiven Widerstand.
  • Anpassungsphase. Die psychophysiologische Verschlechterung führt dazu, dass sich das Opfer zunehmend den Bedingungen der Aggression unterwirft. Das Minderwertigkeitsgefühl führt zu einer „traumatischen Identifikation mit dem Aggressor“.

Sobald dieser Prozess abgeschlossen ist, tritt das paradoxe Anpassungssyndrom auf. Das Opfer schützt sich schließlich durch eine Änderung seiner Haltung gegenüber dem Angreifer. So wird die Ablehnung zu einer Art Schutzbegehren. Das Opfer dankt dem Täter, dass er ihm nicht noch mehr Schmerzen zufügt. Es gilt, diesen kranken Kreislauf zu durchbrechen, was oft sehr schwierig ist.

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  • Jara Romero, P., & Romero Felip, A. (2009). Escala de evaluación del tipo y fase de la violencia de género.