Das Klüver–Bucy-Syndrom: fehlendes Angstempfinden

14. Oktober 2019
Das Klüver-Bucy-Syndrom ist ein sehr gutes Beispiel dafür, welchen Einfluss die Amygdala und der Temporallappen auf unser Verhalten hat. Lies weiter und erfahre mehr!

Das Klüver-Bucy-Syndrom ist eines der extremsten Beispiele dafür, wie eine Veränderung im Nervensystem die gesamte Lebensweise eines Menschen beeinträchtigen kann.

Stelle dir vor, dass es einen Teil in deinem Gehirn gibt, der dafür verantwortlich ist, dass du Gefühle wie Angst und Ablehnung empfinden kannst. Und nun stelle dir vor, dass dieser Teil beschädigt ist und du daher vor nichts mehr Angst hast. Vielleicht denkst du dir, „Das ist ja eine tolle Vorstellung“, aber in Wahrheit ist das überhaupt nicht der Fall. Obwohl keiner von uns gerne Angst hat, ist dieses Gefühl für unser Überleben sehr wichtig.

Dieser Teil deines Gehirns nennt sich Amygdala und wenn sie sich verändert oder entfernt wird, dann kann dies zum Klüver-Bucy-Syndrom führen. Dieses Syndrom verursacht das Fehlen von Angst und Hemmungen. Dadurch kommt es unter anderem zu riskantem Verhalten, Ernährungsstörungen und gestörter Sexualität.

Das Klüver-Bucy-Syndrom

Heinrich Klüver und Paul Bucy haben dieses Syndrom entdeckt und daher wurde es nach ihnen benannt. Die beiden Ärzte entfernten die Temporallappen von Rhesusaffen, um deren Funktionsweise zu untersuchen. Dabei machten sie eine sehr besorgniserregende Entdeckung.

Die Veränderung dieser Gehirnstruktur verursachte die folgenden Symptome:

  • Orales Verhalten. Die Affen hatten den Impuls, alle Objekte mit ihrem Mund zu erkunden. Es schien, als wäre dies die einzige Möglichkeit für sie, dies zu tun.
  • Hypersexualität. Ihre sexuelle Aktivität steigerte sich signifikant.
  • Visuelle Agnosie. Sie hatten Schwierigkeiten damit, Objekte oder Menschen visuell zu erkennen.
  • Emotionale Veränderungen. Die Affen waren unmotiviert und zeigten keinerlei Mimik. Die zweifelsohne auffälligste Veränderung war der Verlust der Angst. Ein Reiz, der zuvor bei ihnen noch Panik ausgelöst hätte, ließ sie danach völlig ungerührt und sie zeigten keine Reaktion.

Das Klüver-Bucy-Syndrom bei Menschen

Obwohl die Symptomatik bei Menschen sehr ähnlich ist, gibt es dennoch Unterschiede. Zwanghaftes und unkontrolliertes Verhalten sind hierbei besonders erwähnenswert. Außerdem lässt sie eine signifikante Veränderung im Sozialverhalten beobachten.

Folgende weitere Hauptsymptome charakterisieren dieses Syndrom:

  • Das Fehlen von Angst. Die Betroffenen verspüren den Drang, auf potentiell schädliche Reize zu reagieren, welche wir normalerweise vermeiden würden.
  • Krankhaft gestörtes Essverhalten. Ihr Essverhalten ist zwanghaft. Außerdem versuchen sie auch, schädliche Stoffe, wie beispielsweise Plastik oder Fäkalien, zu verzehren.
  • Übersteigerter, ungehemmter Sexualtrieb. Ihr Geschlechtstrieb scheint beinahe grenzenlos zu sein. Die sexuelle Aktivität der Betroffenen ist übermäßig stark. Dabei sind sie an jeder Art sexueller Interaktion interessiert und verlieren nahezu jede Hemmung.
  • Zwanghaftes orales Verhalten. Menschen, die unter diesem Syndrom leiden, erkunden beinahe zwanghaft alle Gegenstände mit ihrem Mund.
  • Hemmungslosigkeit. Der Verlust der Hemmungen betrifft alle Aspekte der Persönlichkeit, auch das Sehvermögen ist davon betroffen. Daher neigen die Betroffenen zu einer Überreaktion auf alle visuellen Reize. Dabei scheint es, als würden sie diese ungefiltert wahrnehmen.
  • Sie können Freunde und Familie nicht mehr erkennen. Die Betroffenen verlieren die Fähigkeit, ihre Familie und ihre Freunde zu erkennen. Daher verhalten sie sich so, als würden sie sie nicht kennen. Würden sie sie erkennen, wäre ihr Verhalten ein komplett anderes.
Klüver-Bucy-Syndrom - Temporallappen

Der Verlust von Hemmungen

Grundsätzlich betrachten wir Gefühle wie Angst und Ablehnung als negativ und unerwünscht. Allerdings ist diese Betrachtungsweise sehr oberflächlich und in biologischer und evolutionärer Hinsicht irrelevant und nicht korrekt. Da Angst, Ablehnung und Hemmungen uns bei der Interaktion mit unserer Umwelt unterstützen, sind diese Gefühle für uns sehr wichtig.

Verhaltensveränderungen

Aufgrund der fehlenden Fähigkeit zur Interaktion mit anderen können sich ernsthafte Konsequenzen ergeben. Das Klüver-Bucy-Syndrom ist ein sehr gutes Beispiel für diese Situation. Offensichtlich werden die Symptome dieser Erkrankung durch die Unfähigkeit der Betroffenen hervorgerufen, zwischen ihren Impulsen und ihren Handlungen zu differenzieren.

Darüber hinaus verschlimmert sich diese Situation dadurch, dass die Betroffenen nicht in der Lage sind, ihre Mitmenschen zu erkennen; daher fehlt ihnen auch die Möglichkeit, sich an die emotionalen Bindungen, die sie mit ihnen nahestehenden Menschen haben, zu erinnern.

Die organischen Veränderungen, die das Klüver-Bucy-Syndrom bewirkt

Die oben beschriebenen Veränderungen werden durch die strukturelle Veränderung bestimmter Organe im Nervensystem verursacht:

  • TemporallappenDer Temporallappen ist für die Verarbeitung von Sprache verantwortlich. Außerdem verknüpft er visuelle Reize mit ihrem emotionalen Inhalt im Gedächtnis. Visuelle Agnosie entsteht hauptsächlich durch eine Veränderung in diesem Hirnareal.
  • Amygdala. Die Amygdala ist eine subkortikale Struktur, die für die Verarbeitung von Emotionen verantwortlich ist. Wenn ein bedrohlicher Impuls oder Reiz auftritt, wird dadurch die Amygdala aktiviert, welche dann eine Kampf-oder-Flucht-Reaktion auslöst. Dieser Reflex ist ein zentraler Überlebensmechanismus bei Säugetieren.
  • Die weiße Substanz. Sie wird hauptsächlich durch eine Ansammlung von Axonen gebildet. Dadurch werden verschiedene Teile des Nervensystems auf subkortikaler Ebene miteinander verbunden. Veränderungen dieser Struktur bewirken Störungen und Verzerrungen bestehender Gedächtnis-Assoziationen, die zwischen bestimmten Reizen und ihrer emotionalen Bedeutung bestehen.
Klüver-Bucy-Syndrom - Amygdala

Ursachen für das Klüver-Bucy-Syndrom

Die oben beschriebenen organischen Veränderungen haben verschiedene Ursachen und äußern sich auf unterschiedliche Weise. Besonders häufig sind hierbei die nachfolgend beschriebenen Ursachen:

  • Infektions- oder Viruserkrankungen. Herpes-Enzephalitis und Meningitis sind hier die häufigsten Auslöser, da diese Infektionen oder Entzündungen Nervengewebe zerstören.
  • Verletzungen. Veränderungen in der Hirnstruktur können durch traumatische Hirnverletzungen aufgrund von Unfällen auftreten. Dabei müssen diese Verletzungen sehr schwerwiegend und tief sein, um die subkortikalen Bereiche, wie beispielsweise die Amygdala, zu verletzen. Auch durch operative Eingriffe können diese Hirnareale verletzt werden.
  • Demenz. Das Klüver-Bucy-Syndrom steht oftmals auch in Zusammenhang mit der Alzheimer-Erkrankung oder der Pick-Krankheit. Hierbei degeneriert das Nervengewebe auf subkortikaler Ebene, was wiederum negative Auswirkungen auf den Temporallappen zur Folge hat. Dadurch werden dann die meisten geistigen Fähigkeiten dauerhaft beeinträchtigt.
  • Tumore. Durch einen Tumor entsteht im Gehirn ein erhöhter Druck und auch das metabolische Gleichgewicht wird gestört. Dies kann ebenfalls zu verschiedenen Symptomen des Klüver-Bucy-Syndroms führen. Normalerweise befinden sich diese Tumore im frontotemporalen Bereich des Gehirns.
  • Epilepsie. Durch eine Veränderung des Temporallappens auf elektrischer Ebene kann eine Hyperaktivierung hervorgerufen werden. Dadurch wird das Nervengewebe beeinträchtigt und hierbei besonders die Leitungsbahnen der weißen Substanz.
  • Schlaganfall. Blutungen aufgrund von Blutergüssen oder Blutverlust durch einen Gefäßverschluss sind ebenfalls wichtige Aspekte in der Ätiologie dieses Syndroms.

Behandlung

Die Behandlung dieses Syndroms ist sehr schwierig, da es nicht möglich ist, zerstörtes Nervengewebe wieder aufzubauen. Daher ist in den meisten Fällen die Einnahme von Medikamenten erforderlich, welche die maladaptiven Verhaltensweisen abschwächen und lindern.

Zu Beginn der Behandlung müssen die Folgen der Verletzungen reduziert werden. Wenn der Patient beispielsweise einen Schlaganfall erlitten hat, dann versuchen die Ärzte zunächst, die dadurch aufgetretenen Blutungen zu stoppen. Allerdings ist es sehr schwierig, die daraus resultierenden Verhaltensänderungen zu prognostizieren, da sie in den meisten Fällen sehr subtil und allmählich auftreten.

Darüber hinaus kann durch Fortschritte in den Neurowissenschaften und durch neue Rehabilitationsmethoden die Lebensqualität der Patienten verbessert werden. Das Klüver-Bucy-Syndrom ist ein sehr eindrückliches Beispiel dafür, wie sich Veränderungen im Nervensystem auf dein tägliches Leben auswirken können.

Auch die Angehörigen der Patienten leiden sehr darunter, denn der Patient kann seine Familie und seine Freunde nicht mehr erkennen. Daher ist es gleichermaßen erforderlich, dass nicht nur der Patient selber, sondern auch seine Angehörigen therapeutisch betreut und behandelt werden.

  • Klüver, H. & Bucy, P. (1997). Preliminary analysis of functions of the temporal lobes in monkeys. 1939. J. Neuropsychiatry Clin. Neurosci. 9 (4):606-620