Das Alien-Hand-Syndrom

7. Februar 2019

Das Alien-Hand-Syndrom ist eine seltene neurologische Erkrankung. Es ist wichtig, in Bezug auf diese Krankheit den Grad der Behinderung zu berücksichtigen, den sie für die betroffene Person bedeuten kann.

Nehmen wir an, dass die körperliche Erfahrung ein komplexer Prozess sei. Dabei ist die Integration mehrerer sensorischer Signale erforderlich. Wenn bei dieser Integration jedoch ein Problem auftritt, können verschiedene neurologische Störungen verursacht werden, wie es beispielsweise bei der Sensibilisierung amputierter Gliedmaßen und dem zugehörigen Phantomschmerz der Fall ist.

Die Geschichte des Alien-Hand-Syndroms

Im Jahr 1908 beschrieb Goldstein den Fall einer Patientin, die einen Infarkt der rechten Hirnhemisphäre erlitt. Nach diesem zerebrovaskulären Unfall zeigte die Patientin eine Schwäche im linken Bein sowie eine seltsame motorische Störung in ihrem linken Arm. Sie hatte das Gefühl, dass ihre linke Hand nicht mehr zu ihr gehörte.

Später beschrieb Akelaitis zwei Patienten, bei denen der Corpus callosum entfernt wurde, um eine Epilepsie zu kontrollieren. Einer von ihnen berichtete, dass seine linke Hand nach der Operation unwillkürliche Bewegungen durchgeführt habe, die nicht denen entsprachen, die er im Sinn hatte und die die rechte Hand auch ausführte. Der Autor nannte diese Kondition „diagnostische Dyspraxie„.

Frau, die ihre Hände an den Kopf hält

Es waren Brion und Jedynak (1972), die das Syndrom schließlich als das „Alien-Hand-Syndrom“ benannten. Die Autoren interpretierten das unberechenbare Verhalten der linken Hand des Patienten als pathogonomisches Zeichen einer Verletzung des Corpus callosum. Die Autoren analysierten das Verhalten von insgesamt vier Patienten, die eine Vielzahl an Anzeichen für interhemisphärische Unterbrechungen zeigten. Die festgestellten Defizite umfassten:

  • Hemineglect einschließlich der Schwierigkeit, Objekte außerhalb des linksseitigen Sichtfeldes zu benennen
  • Probleme dabei, Anweisung zu zielgerichteten Bewegungen mit der linken Hand nachzukommen
  • Agrafie der linken Hand
  • Konstruktive Apraxie
  • Schwierigkeiten dabei, somatosensorische Informationen von einer Hand auf die andere zu übertragen

Im Anschluss an diese Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass die Symptome des Alien-Hand-Syndroms verschiedene pathologische Konditionen begleiten können.

Die Definition des Alien-Hand-Syndroms

Beim Alien-Hand-Syndrom hat der Patient das Gefühl, dass eine Seite seines Körpers auf autonome Weise handeln würde. So zeigt er unwillkürliche Bewegungen, die jedoch den Eindruck erwecken, als würden sie absichtlich ausgeführt. Diese Bewegungen stehen mit der anderen Seite des Körpers in Konkurrenz und manchmal gar im Konflikt.

Die Betroffenen neigen zu dem Gefühl, dass ihr Arm von ihrem physischen Wesen getrennt wäre. In gewisser Weise ist es so, als würden er nicht mehr zu ihnen gehören. Ebenso haben die Betroffenen oft Angst vor ihren eigenen Bewegungen und versuchen, diese so weit wie möglich zu unterbinden.

Gelegentlich können diese Symptome, die beim Alien-Hand-Syndrom auftreten, unter Kontrolle gebracht werden. Der Autor Biran und seine Mitarbeiter (2006) kamen zu dem Schluss, dass es für dieses Syndrom drei verschiedene Aspekte gegeben sein müssen:

  • Die Bewegungen der Gliedmaße sind nicht vollkommen willkürlich und neigen dazu, von Umwelteinflüssen geleitet zu werden. So können sich nützliche Bewegungen ergeben.
  • Die Sequenz und die Dauer der zugehörigen Bewegungsfregmente geben der Bewegung einen falschen Anschein von Willkür und Kontrolle.
  • Es besteht ein klares Bewusstsein für das Verhalten der sogenannten Alien Hand.

Derzeit geht man davon aus, dass die Symptome von auffallenden Objekten in der Nähe des Betroffenen getriggert werden. Darüber hinaus können die Bewegungen der Alien Hand in Stresssituationen, wie bei Müdigkeit oder bei Angstzuständen, noch weiter zunehmen.

Was sind die Ursachen dieses Syndroms?

Die Ursachen für das Alien-Hand-Syndrom sind neuroanatomischer Natur. Es handelt sich hierbei um:

  • Kallostomien zur Behandlung von resistenter Epilepsie (Verfahren wird heutzutage nicht mehr angewendet)
  • Chirurgische Entfernung von Tumoren und anderen raumfordernden Prozessen, die den Corpus callosum, seltener den Frontallappen betreffen
  • Traumata jener Hirnareale
Gehirn

Zwei Typen des Alien-Hand-Syndroms

Das frontale Alien-Hand-Syndrom resultiert aus Schäden in folgenden Bereichen des Gehirns:

  • Motorischer Kortex
  • Zingulärer Kortex
  • Präfrontale Kortex
  • Vordere Teil des Corpus callosum der dominanten Hemisphäre

Bei Läsionen im frontomedialen Bereich wird die der verletzten Hemisphäre gegenüberliegende Hand zur Alien Hand, und das ist meist die linke.

Anders sieht es aus, wenn das Alien-Hand-Syndrom aus einer Läsion des Corpus callosum resultiert: Es betrifft die ipsilaterale, meist rechte Hand und verursacht einen Konflikt zwischen den beiden Händen und eine Apraxie.

Im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts haben sich mehrere Autoren für eine neue Unterkategorie des Alien-Hand-Syndrom ausgesprochen. Hier geht es um einen weiteren Subtyp, welcher als posteriores Alien-Hand-Syndrom benannt werden könnte. Dieser Untertyp tritt weniger häufig auf als die vorher beschriebenen und steht im Zusammenhang mit dem autonomem Verhalten und der Personifizierung der betroffenen Extremität. Auf der anderen Seite ist es jedoch schwierig, klare Untertypen dieses Syndroms zu definieren, da die Erkrankung nur selten auftritt und kaum erforscht ist.

Die Behandlung

Die Behandlung dieses Syndroms umfasst Techniken wie:

  • Die Erhöhung der Wahrnehmung und der Kontrolle
  • Besserer Umgang mit Stress
  • Vermittlung von Strategien zur Kompensierung

Filmografische Referenzen

Im Jahr 1964 drehte Stanley Kubrick einen Film mit dem Titel Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben,  der auf dem Roman Bei Rot: Alarm! Der Roman des Drucktastenkriegs  von Peter George Red Alert basiert. Der Roman erzählt von dem Versuch eines verrückten Generals, einen Atomkrieg zu initiieren, und dem gleichzeitigen Versuch anderer, diesen zu vermeiden.

In diesem Film wird Dr. Seltsam als extravagante Figur beschrieben, die ungewöhnliche und abnormale Bewegungen ausführt. So scheint beispielsweise die rechte Hand des Arztes ein Eigenleben zu führen, was während des Films in unpassenden und unwillkürlichen Bewegungen zum Ausdruck kommt. Außerdem sehen wir in diesem Film, wie der Arzt versucht, diese Bewegungen mit der anderen Hand zu kontrollieren. In diesem Sinne hebt der Film die Schwierigkeiten, denen sich vom Alien-Hand-Syndrom betroffene Personen stellen müssen, hervor.

  1. Hidalgo-Borrajo, R., Belaunzaran-Mendizábal, J., Hernáez-Goñi, P., Tirapu-Ustárroz, J., & Luna-Lario, P. (2009). Síndrome de la mano ajena: revisión de la bibliografía. Revista de neurología, 48(10), 534-539.
  2. Giummarra, M. J., Gibson, S. J., Georgiou-Karistianis, N., & Bradshaw, J. L. (2008). Mechanisms underlying embodiment, disembodiment and loss of embodiment. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 32(1), 143-160.
  3. Brion S, Jedynak CP. Trouble de transfert inter-hémisphérique à-propos
    de trois observations de tumeurs du corps calleux: le signe de la
    main étrangère. Rev Neurol (Paris) 1972; 126: 257-66.
  4. Biran, I., Giovannetti, T., Buxbaum, L., & Chatterjee, A. (2006). The alien hand syndrome: What makes the alien hand alien?. Cognitive Neuropsychology, 23(4), 563-582.
  5. Giovannetti, T., Buxbaum, L. J., Biran, I., & Chatterjee, A. (2005). Reduced endogenous control in alien hand syndrome: evidence from naturalistic action. Neuropsychologia, 43(1), 75-88.
  6. Akelaitis, A. J. (1944). A study of gnosis, praxis and language following section of the corpus callosum and anterior commissure. Journal of Neurosurgery, 1(2), 94-102.