Chronische Angst und ihr Verhältnis zum Noradrenalin

6. März 2019

Wer an chronischer Angst leidet, der kennt dieses Gefühl der allgegenwärtigen Gefahr. Sie ist nicht zu sehen, aber deutlich zu spüren und immer da. Jederzeit kann sie dich in diesen tiefen Abgrund stürzen, aus dem es kein Entkommen mehr gibt. Das nimmt dir die Luft zum Atmen, lässt dich zittern, unter kaltem Schweiß erschaudern und Gedanken fassen, die von Katastrophe und Untergang geprägt sind. All diese Empfindungen haben eine gemeinsame molekulare Basis: das Noradrenalin.

Patienten mit chronischer Angst tendieren zu erhöhten Spiegeln an Noradrenalin, einem Neurotransmitter und Hormon, das auf zahlreiche Organsysteme wirkt und unter anderem die Herzgesundheit beeinflussen kann.

Für all jene Leser, die von diesem Neurotransmitter, der gleichzeitig als Hormon fungiert, noch nichts gehört haben, wollen wir zunächst ein kurzes Beispiel geben. Stellen wir uns vor, wir möchten eine Straße überqueren, aber als wir den ersten Fuß auf die Fahrbahn setzen, ertönt nur wenige Meter von uns entfernt die laute Hupe eines Autos. Wir waren so in Gedanken versunken, dass wir vergessen haben, auf die Ampel zu schauen, die inzwischen auf Rot steht. Aber noch bevor wir zu dieser Schlussfolgerung kommen, sind wir schon wieder zurück auf den Gehweg gesprungen. Hier, in Sicherheit, spüren wir nun, wie unser Herz schlägt, wie schnell wir atmen und vielleicht auch, dass unsere Hände zittern. Das war knapp. Zum Glück können wir uns auf unser sympathisches Nervensystem verlassen.

Noradrenalin ist einer der wichtigsten Neurotransmitter im sympathischen Nervensystem. Seine Aufgabe ist es, eine Reaktion hervorzurufen, wenn unser Gehirn eine Gefahr erkennt, noch bevor wir eine detaillierte Bewertung der Situation vornehmen können. Diese Substanz ist es, die die Kampf-oder-Flucht-Redaktion triggert und so wesentlich zu unserem Überleben beiträgt. Wenn wir uns einer Gefahr stellen müssen oder uns in Sicherheit bringen wollen, müssen wir unverzüglich reagieren, und dazu müssen wir auf Herz, Lunge und Muskeln zählen können. Eine Aktivierung des Sympathikus provoziert daher eine Erhöhung der Herzfrequenz, eine Steigerung des Blutdrucks, eine Beschleunigung der Atmung und eine verbesserte Versorgung der Muskulatur, die zur Kontraktion bereit sein soll. Zwar müssen wir heute nicht mehr vor Säbelzahntigern fliehen, aber diese eben beschriebene neurochemische Magie lässt uns nach wie vor effektiver agieren, wenn wir alltäglichen Risiken gegenüberstehen.

Mann zersplittert

Allerdings besteht eine deutliche Diskrepanz zwischen realen Gefahren, die tatsächlich unsere physische Integrität bedrohen, und jenen Stressfaktoren, die unseren Sympathikus in der modernen Welt aktivieren. Unsere Reaktion bleibt aber die gleiche: All unsere – oftmals unbegründeten – Ängste und Phobien führen auf genau dieselbe Weise zur Freisetzung dieses Katecholamins, wie es der Anblick des Säbelzahntigers vor Tausenden von Jahren getan hat. So wie auch der Urmensch nicht in der Lage gewesen wäre, immer und immer wieder vor Raubtieren zu fliehen, erschöpfen auch wir uns, wenn wir das sympathische Nervensystem dauerhaft aktivieren und unsere Noradrenalinrezeptoren mit Liganden überschütten.

Ich leide an chronischer Angst – was kann mir passieren?

Man sagt, chronische Angst sei die Krankheit der 100 Symptome, und tatsächlich, sie manifestiert sich in unzähligen physischen, emotionalen und kognitiven Symptomen. Da überrascht es umso mehr, dass die meisten Patienten einen Weg finden, ihren Alltag mit ihrer Angst zu gestalten. Eine gesunde Lebensweise ist das nicht, denn was einst als punktuelle, durchaus zu bewältigende Angst begann, ist bei ihnen längst chronisch geworden und belastet ihren Organismus, auch wenn sie sich dessen nur selten bewusst sind.

Mit das Schlimmste an der Angst ist, dass sie ein schrecklicher Lügner ist. Sie macht uns glauben, wir wären kurz davor, die Kontrolle zu verlieren und in den besagten Abgrund zu stürzen, und die einzige Chance, das zu vermeiden, bestände darin, auf sie zu hören. Auf diese Angst, die immer recht hat. Sie bringt uns dazu, unsere Energie zu bündeln und auf das schlimmste anzunehmende Szenario zu konzentrieren, das in jedem Moment Realität werden könnte.

Da ist es durchaus verständlich, dass es Betroffenen schwerfällt, aus diesem Prozess auszusteigen – sie müssten dann ja fürchten, dass jenes Szenario eintreten könnte, ohne dass sie darauf vorbereitet wären. Was sie in ihrer Überzeugung festhält, ist das Noradrenalin, das wie ein Schlüssel im Schloss an seinem Rezeptor haftet und die Angst nährt.

Chronische Angst und ihr Einfluss auf das Herz-Kreislauf-System

Einer Studie zufolge, die an der University of Iowa (USA) durchgeführt wurde, bestehe ein direkter Zusammenhang zwischen der verstärkten Ausschüttung von Noradrenalin und dem Risiko auf kardiovaskuläre Erkrankungen. Wer ständig unter Strom steht, dauerhaft unter Stress leidet, der erfährt umfangreiche physiologische Veränderungen. Zu denen zählen Bluthochdruck, Tachykardie und Arrhythmie – Konditionen, die unter Umständen lebensgefährlich werden können.

Kopfhörer und Herz

Über das Herz-Kreislauf-System hinaus: Noradrenalin aus den Nebennieren

Das Hormon Noradrenalin wird nicht nur im Nervensystem, sondern auch in den Nebennieren produziert. Von diesen Drüsen aus gelangt es in den Kreislauf und mit dem Blut erreicht es praktisch alle anderen Organsysteme. Bei Patienten mit chronischer Angst kann das verheerende Folgen haben, denn der erhöhte Noradrenalinspiegel stört die Funktion zahlreicher Organe und ruft dabei folgende Symptome hervor:

  • Allgemeines Unwohlsein
  • Schlafstörungen
  • Müdigkeit
  • Kopfschmerzen
  • Schweißausbrüche
  • Appetitverlust
  • Verdauungsstörungen
Signalwege im Gehirn

Noradrenalin und seine Effekte auf kognitive Prozesse

Es gibt interessante Untersuchungen, die zeigen, dass bei verstärkter Noradrenalinausschüttung ein erhöhtes Risiko auf Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung besteht. Wie bereits erwähnt, ist Noradrenalin mehr als ein Hormon – es wirkt auch als Neurotransmitter und ist in dieser Funktion unentbehrlich, um unsere Aufmerksamkeit zu fokussieren, im Gedächtnis gespeicherte Informationen abzurufen und neue hinzuzufügen sowie eingehende Reize zu integrieren. Damit all das funktioniert, wie es soll, muss sich der Noradrenalinspiegel in einem gewissen Rahmen bewegen.

Außerhalb dieses Referenzbereiches kommt es zwangsläufig zu einer Reduktion unserer kognitiven Effektivität: Sowohl ein Mangel an Noradrenalin als auch ein Überschuss gehen mit Gedächtnisstörungen einher, mit Lernschwierigkeiten und Problemen dabei, unsere Aufmerksamkeit auf ein gewisses Thema zu konzentrieren. Es ist offensichtlich, dass dieser Zustand zahlreiche Probleme für den Alltag mit sich bringt und erschöpfend ist.

Noradrenalin, chronische Angst und Depressionen

Wir wissen nun bereits, dass Menschen mit chronischer Angst an den Folgen eines Überschusses an Noradrenalin leiden. Diesbezüglich wollen wir eine weitere Tatsache anführen, die uns zur Reflexion einladen mag: Es ist bekannt, dass Katecholamine wie Noradrenalin und Dopamin Schlüsselrollen in der Pathophysiologie depressiver Erkrankungen spielen. Jegliche Abweichung von der Norm, sei es nach oben oder nach unten, rufen deutliche Veränderungen in der Gemütslage des Patienten hervor.

Es ist daher nicht unüblich, dass Patienten, die heute in diesem Sturm der Angst, in den katastrophalen Gedanken um den schlimmstmöglichen Ausgang jeglicher Situation leben, schon morgen in eine schwere depressive Episode abrutschen. Eine entsprechende Hypothese wurde bereits in den 1960er Jahren aufgestellt, als Joseph J. Schildkraut von der Harvard University (Massachusetts, USA) spekulierte, dass das Noradrenalin und nicht das Serotonin für derartige Depressionen verantwortlich ist.

Traurige Frau auf einer Wiese

Abschließend wollen wir festhalten, dass wir, ganz unabhängig von den Ursachen unserer Ängste und Depressionen, einen Weg der Heilung finden können. Auch wenn wir heute unter einer Vielzahl der oben genannten Symptome leiden, diese unseren Alltag einschränken, dürfen wir nicht vergessen, dass uns geholfen werden kann. Wenn wir dann wieder von diesem tiefen Abgrund stehen, können wir ihn überfliegen, anstatt erneut hinabzustürzen.

Stellen wir uns vor, wir hätten Flügel und könnten über diesen Abgrund gleiten, ohne Angst verspüren zu müssen. Von oben könnten wir besser verstehen, was dort unten vor sich geht, und uns dann von diesem Dunkel entfernen. In der kognitiven Verhaltenstherapie wird uns genau das beigebracht. Es geht darum, unsere Angst zu verstehen. Zuweilen ist notwendig, diesen psychotherapeutischen Ansatz pharmakologisch zu unterstützen, um die Produktion von Noradrenalin auf einem normalen Maß zu halten. Dem Erfolg der Therapie können wir zudem beihelfen, wenn wir darauf achten, dass unsere Ernährung reich an Omega-3-Fettsäuren, Vitamin C und Kupfer ist. Diese Nährstoffe helfen unserem Körper, den Noradrenalinspiegel zu regulieren.