Brunhilde-Komplex: die extreme Idealisierung des Partners

Manche Frauen sehen in ihrem Partner am Anfang der Beziehung nur die guten Seiten und betrachten ihn als Übermenschen.
Brunhilde-Komplex: die extreme Idealisierung des Partners
Sophie Aurélie Elpel

Geprüft und freigegeben von Sophie Aurélie Elpel.

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 16. August 2022

Die Psychologie versteht unter einem Komplex die Gesamtheit aller unbewussten Gefühle, die wir durch Erfahrungen im Laufe unserer Kindheit erwerben – und die unsere Persönlichkeit nachhaltig prägen. Dieser Ausdruck wurde erstmals von Carl G. Jung verwendet und anschließend durch die freudsche Psychoanalyse verbreitet. Viele Komplexe tragen die Namen historischer, literarischer oder mythologischer Persönlichkeiten, so zum Beispiel der Ödipus-Komplex, der Peter-Pan-Komplex, der Münchhausen-Komplex – oder eben der Brunhilde-Komplex, über den wir heute sprechen.

Gemälde von Ödipus

Wer war Brunhilde?

In der nordischen Mythologie gilt Brunhilde als eine Walküre. Es handelt sich um ein weibliches Geistwesen, das mit Brustpanzer, Schild und Helm bewaffnet und mit außergewöhnlichen Kräften ausgestattet ist. Manche betrachten die Walküren als Bindeglied zwischen dem Kriegsgott Odin und den in der Schlacht gefallenen Helden; sie sprechen von eimen Wesen, das zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Toten existiert.

Trotz ihres furchterregenden und wilden Aussehens sind Walküren auch für ihre körperliche Schönheit und Intelligenz bekannt. Sie nehmen selbst an den Kämpfen teil und gehorchen Odins Befehlen, indem sie jene siegen lassen, die von ihm vorherbestimmt werden. Nach erfolgreich abgeschlossener Mission begleiten sie die Toten nach Walhalla.

Brunhilde gehorchte Odin jedoch nicht, denn sie tötete einen seiner besten Krieger ohne die Zustimmung des Gottes. Deshalb wurde sie von Odin in einen tiefen Schlaf verbannt. Diesen Schlaf verbachte sie in einer brennenden Burg, die von einem Drachen bewacht wurde. Ihre einzige Rettung war ein Held, der die gefährliche Festung betrat – und sie anschließend zur Befreiung küsste.

“Was ist nun wissenschaftlich gesprochen ein gefühlsbetonter Komplex? Er ist das Bild einer bestimmten psychischen Situation, die lebhaft emotional betont ist und sich zudem als inkompatibel mit der habituellen Bewusstseinslage oder Einstellung erweist. Dieses Bild ist von starker innerer Geschlossenheit, es hat seine eigene Ganzheit und verfügt zudem über einen relativ hohen Grad von Autonomie, d.h., es ist den Bewusstseinsdispositionen nur in geringerem Maße unterworfen.”

Carl G. Jung (C. G. Jung-Gesellschaft Köln)

Die Geschichte von Siegfried und Brunhilde

Siegfried, der Held der germanischen Mythologie, zog los, um Brunhilde von ihrem Fluch zu befreien. Er erschlug den Drachen, der die Burg bewachte, mit Hilfe von Odins Schwert, dem sogenannten magischen Mantel der Unsichtbarkeit und dem Ring, der ihm die Macht über die Welt gab und ihm erlaubte, die Form seines Körpers seinen Wünschen anzupassen.

Nun sind Walküren, wie Brunhilde eine war, grundsätzlich nur bereit, einen Mann zu heiraten, der es schafft, sie in unzähligen körperlichen Tests zu besiegen. Und so kam es, dass Siegfried, der durchaus fähig war, jede Prüfung zu bestehen, Brunhilde mit einem Kuss erweckte und die drei Prüfungen bestand, die sie ihm auferlegte.

Doch was Brunhilde nicht wusste: Kurz bevor Sigfried sie wachgeküsst hatte, hatte er sich mit seinem Ring der Macht zurück in den einfachen Gunter verwandelt. Ahnungslos willigte Brunhild ein, Gunter zu heiraten, der allerdings in Wirklichkeit nicht die nötigen Fähigkeiten besaß, um die auferlegten Prüfungen zu bestehen. Nach einiger Zeit entdeckte sie den Betrug und verlangte von Odin den Tod Siegfrieds, weil sie sich so gedemütigt fühlte.

Brunhilde-Komplex - Drache im Mythos von Sigfried und Brunhilde

Brunhilde-Komplex: Was ist das?

Übetragen auf den Menschen ist von einem Brunhilde-Komplex dann die Rede, wenn eine Frau einen Mann so tief liebt, dass sie ihn zunächst als Übermenschen betrachtet, als ein außergewöhnliches Wesen. Der Superheld wird in den Augen der Frau jedoch mit der Zeit zu einem Schurken. Sie erkennt schleichend die Schwächen ihres Partners und bemerkt, dass er nicht so perfekt ist, wie sie anfangs dachte. 

Zu Beginn einer Beziehung kommt es häufig vor, dass wir uns auf die positiven Seiten des Partners konzentrieren. Frauen mit einem Brunhilde-Komplex übertreiben jedoch stark und haben extrem hohe Erwartungen, die schließlich nicht erfüllt werden können. Sie stellen ihren Partner auf ein hohes Podest, doch sobald sich die Beziehung festigt, ist der Sturz in die Tiefe unvermeidlich – denn plötzlich sehen sie nur noch die schlechten Seiten ihres Partners.

Kennst du vielleicht selbst jemanden mit einem Brunhilde-Komplex?

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  • Espinosa, M. F. (2001). Brunilda y Krimilda: dos muestras de un mismo prototipo mítico en el Nibelungenlied. Revista de filología alemana2001(9), 35-52.