Weibliche Aggressivität oder das Märchen der friedfertigen Frau

Die Gesellschaft erwartet von Frauen, dass sie nicht aggressiv reagieren. Die Wissenschaft zeigt jedoch, dass dies nicht der Realität entspricht.
Weibliche Aggressivität oder das Märchen der friedfertigen Frau

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 03. Juli 2022

Über weibliche Aggressivität wird selten gesprochen, denn Macht, Gewalt und aggressives Verhalten haben in unserer Gesellschaft einen männlichen Charakter. Entspricht dies der Realität oder ist das Bild der friedfertigen Frau ein Märchen?

In der Kindheit zeigen sowohl Mädchen als auch Jungen Wut und drücken diese zum Teil durch aggressive Verhaltensmuster aus. Erzieherische Maßnahmen bestrafen dieses Verhalten allerdings in vielen Fällen bei Mädchen härter, denn wild, ungezähmt, stark oder kriegerisch sind auch heute noch vorwiegend männliche Attribute.

Mut hat adaptive Funktionen: Wir können damit anderen mitteilen, dass Unrecht geschehen ist. Eine andere Frage ist, ob diese Strategie tatsächlich die beste Möglichkeit ist, dies zu tun. Kinder drücken mit Wut und Tränen aus, dass sie sich unfair behandelt fühlen.

Als Erwachsene sollten wir diesen Gefühlsausdruck nicht unterbinden, sondern Kindern helfen, damit richtig umzugehen. Experten gehen von der Hypothese aus, dass die Unterdrückung von Wut die Verinnerlichung dieses Gefühls bei Mädchen in der Pubertät fördert. Dies macht sie unter anderem anfälliger für Stimmungs-, Angst- oder Essstörungen.

Weibliche Aggressivität oder das Märchen der friedfertigen Frau
Aggressivität bei Mädchen wird oft unterdrückt oder verschleiert.

Die Unterdrückung von Aggressivität hat große Auswirkungen auf die psychische Gesundheit heranwachsender Mädchen

Wir wissen weniger über die weibliche als über die männliche Aggressivität und es ist eine Tatsache, dass Männer im Allgemeinen gewalttätiger sind als Frauen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die weibliche Aggressivität nicht existiert: Sie drückt sich anders aus, ist jedoch sehr präsent. Allerdings äußern Frauen Aggressionen eher indirekt.

Die Unterdrückung von Wut bedeutet keinesfalls, dass das unangenehme Gefühl verschwindet. Vielmehr ist es wahrscheinlich, dass es in Form von Frustration verinnerlicht wird. Sobald eine Möglichkeit besteht, äußert sich die Wut auf andere Weise. Wenn Mädchen dazu angehalten werden, sich zurückzuhalten, kann sie sich in Traurigkeit verwandeln, deshalb können sie Gleichgültigkeit oder Unterwürfigkeit entwickeln, anstatt aggressiv zu werden.

Selbstbeherrschung hat allerdings einen Preis: Sie sucht sich andere Verhaltensweisen und psychologische Strategien, deshalb sind Essstörungen, Schlaflosigkeit oder Selbstverletzung in der Pubertät häufige Folgen.

Erhöhtes Risiko von Gewalt in Beziehungen

Indirekte Aggression liegt vor, wenn jemand einen anderen verletzt und dabei seine aggressive Absicht verschleiert (Björkqvist et al., 1992; Arnocky et al. 2012), 2012).

Frauen, die vermeiden wollen, als “verrückt, unangemessen oder extremistisch” zu gelten, unterdrücken ihre Wutgefühle, was manchmal zu anderer, relationaler Gewalt führt, und zwar noch mehr als bei Jungen.

Indirekte oder relationale Gewalt fordert bei Mädchen ihren Tribut. Freche Antworten, Verbreitung von Gerüchten und Intimitäten, Lächerlichmachen oder risikoreiche Kontakte mit Fremden usw. Diese Verhaltensweisen erzeugen Ohnmacht, Unbehagen, Wut, Hilflosigkeit, Frustration und Aggression, genau wie eine Ohrfeige oder ein Schlag.

Wenn du nicht direkt sagst, was dir an einer Person missfällt, oder nicht auf einen Aspekt des Verhaltens der anderen Person hinweist, der dich verletzt, führt das nicht zu einer Verbesserung der Beziehung. Ganz im Gegenteil. Ohne es zu merken, entwickelt eine Person, die alles, was sie über eine Beziehung oder ihre Gefühle zu sagen hat, unterdrückt, ein passiv-aggressives Verhalten, das für Mitmenschen schwer zu ertragen ist.

Doch Frauen zeigen oft auch andere Formen von aggressivem Verhalten, wie die Studie von Deborah Sur Richardson über Formen der Aggression bei Frauen erklärt. Sie zeigt, dass Frauen mindestens genauso häufig wie Männer indirekte aggressive Strategien anwenden und dass die Art der Beziehung eine bessere Determinante für aggressives Handeln ist als das Geschlecht.

Forschung über weibliche Aggressivität

Die Forschung berichtet immer wieder, dass Frauen indirekte Aggressivität in gleichem oder höherem Maße anwenden als Männer. Indirekte Aggressionen liegen vor, wenn jemand eine andere Person schädigt und dabei aggressive Absichten verschleiert. Dieser Aspekt wurde vor allem in der Forschung von Kaj Björkqvist und seiner Gruppe untersucht.

Konkrete Beispiele für indirekte Aggression sind das Verbreiten falscher Gerüchte, Klatsch und Tratsch, der Ausschluss anderer aus einer sozialen Gruppe, Unterstellungen ohne direkte Anschuldigungen und die Kritik am Aussehen oder der Persönlichkeit anderer. Mädchen praktizieren ab 11 Jahren häufiger indirekte Aggressionen als Jungen (Archer, 2004).

Dieser Unterschied bleibt bis ins Erwachsenenalter bestehen. Im Vergleich zu Männern wenden erwachsene Frauen in verschiedenen Lebensbereichen mehr indirekte Formen der Aggression an (Björkqvist et al., 1994; Österman et al., 1998).

In einer großen kulturübergreifenden Studie über weibliche Aggressivität in 317 Gesellschaften stellte Burbank (1987 ) fest, dass diese meist indirekt ist und nur selten zu körperlichen Verletzungen führt. In der realen Welt ist Aggression bei Frauen und Mädchen also weitverbreitet, aber die Form, die sie annimmt, ist im Vergleich zur Aggression von Männern weitgehend indirekt.

weibliche Aggressivität
Erwachsene Frauen verwenden indirekte Formen der Aggression.

Weibliche Aggressivität: physiologische Faktoren

Verschiedene pränatale und postnatale Einflüsse erhöhen das Risiko, im späteren Leben Aggressivität zu entwickeln, aber in den meisten Fällen gibt es keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Von den untersuchten Risikofaktoren sind die stärksten Hinweise auf geschlechtsabhängige Auswirkungen postnatale mütterliche Depressionen, pränatale mütterliche Unterernährung und pränataler Drogen- und Alkoholkonsum.

Wie bei Männern ist der Zusammenhang zwischen Testosteron und Aggression bei Frauen gering. Es gibt einige Hinweise darauf, dass die pränatale Testosteronexposition die Aggression bei Mädchen im späteren Leben erhöht, aber die Beweise sind uneinheitlich.

Die Dual-Hormon-Hypothese war bei der Vorhersage von Aggression bei Männern einigermaßen erfolgreich, bei Frauen jedoch weniger. Daten zu Östradiol und Progesteron deuten darauf hin, dass ein hoher Spiegel dieser Hormone bei Frauen Aggressionen und Selbstverletzungen reduziert. Es sind jedoch weitere Forschungen nötig.

Die Literatur über Oxytocin deutet darauf hin, dass das Hormon aggressives Verhalten bei Frauen sowohl verringern als auch steigern kann. Es ist wahrscheinlich, dass der Anstieg der Aggressivität auf eine Kombination aus der angstlösenden Wirkung des Hormons und einer erhöhten Reaktivität auf Provokationen zurückzuführen ist.

Forschungen über weibliche Aggressivität

Die meisten Studien, die sich mit den hormonellen Mechanismen der Aggression im Gehirn befassen, wurden mit Männern durchgeführt. Andere haben entweder keine geschlechtsspezifischen Unterschiede untersucht oder dies in einer Post-hoc-Studie getan, die sich auf kleine Stichproben stützte.

Daher gibt es kaum Möglichkeiten, eindeutige Schlussfolgerungen darüber zu ziehen, wie die untersuchten Prozesse die Aggressivität bei Frauen beeinflussen. Richardson (2005) weist darauf hin, dass die Daten über weibliches Verhalten eindeutig zeigen, dass Frauen überwiegend indirekte Aggressionen ausüben.

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  • Björkqvist, K., Lagerspetz, KMJ y Kaukiainen, A. (1992). ¿Las chicas manipulan y los chicos pelean? Tendencias de desarrollo con respecto a la agresión directa e indirecta. agresión Comportamiento. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1002/1098-2337(1994)20:1%3C27::AID-AB2480200105%3E3.0.CO;2-Q
  • Burbank VK. Agresión Femenina en Perspectiva Transcultural. Investigación en Ciencias del Comportamiento . 1987;21(1-4):70-100. doi: 10.1177/106939718702100103.
  • Richardson DS. El mito de la pasividad femenina: treinta años de revelaciones sobre la agresión femenina. Psicología de la Mujer Trimestral . 2005;29(3):238-247. doi: 10.1111/j.1471-6402.2005.00218.x