Brauchen wir die Dunkelheit, um klarer sehen zu können?

· 11. Oktober 2018

Stelle dir folgende Situation vor: Du befindest dich an einem sehr hellen Ort und jemand nähert sich dir. Du kannst sein Gesicht nicht erkennen, denn die Helligkeit blendet dich. Vielleicht hebst du deine Hand, um deine Augen abzuschirmen und Schatten zu erzeugen. Denn du brauchst einen Moment der Dunkelheit.

In diesem Moment kannst du die andere Person erkennen und feststellen, ob sie ein Freund oder einfach ein Fremder ist, der nach dem Weg fragen möchte. Nun kannst du sicher entscheiden, ob du diesen Menschen mit einer Umarmung begrüßt oder ihm nur freundlich den Weg erklärst.

Wenn wir klarer sehen, können wir bessere Entscheidungen treffen

Stelle dir eine Welt vor, in der es nur Licht gibt. Wenn ihre Bewohner nie die Dunkelheit erlebt haben, wie können sie dann das Licht verstehen und schätzen? Es ist der Kontrast zwischen Licht und Dunkelheit, der unser Wissen vertieft. Wir leben in einer Welt der Dualitäten: auf und ab, heiß und kalt, gut und böse.

Mann steht mit Rücken im Lichtstrahl und ist umgeben von Dunkelheit

Durch Schmerz lernen wir, Freude mehr zu schätzen. Das Chaos der Welt erhöht unsere Wertschätzung für Frieden. Der Hass, den wir sehen, kann unser Verständnis für Liebe vertiefen. Somit können die Schwierigkeiten des Lebens ein besonders starkes Mittel zur notwendigen Selbsterkenntnis sein.

Je mehr Nuancen wir kennen, desto weisere Entscheidungen können wir treffen. Somit ist die Dunkelheit also eine Gelegenheit zur Reflexion. Sie erlaubt uns, nach innen zu schauen und weniger auf das Äußere zu achten. Das Leben ist eine Reise vom Kopf ins Herz. Die Schwierigkeiten des Lebens ebnen uns gewissermaßen diesen Weg; sie öffnen unser Herz und lassen es uns besser wertschätzen.

Kurz gesagt, die Dunkelheit bietet uns die Möglichkeit, uns selbst besser kennenzulernen und in Einklang mit dem zu kommen, was wir in uns finden.

Von der schönsten Musik der Welt

Stelle dir nun vor, du kommst von einem Ort, an dem die schönste Musik gespielt wird, die jemals komponiert wurde. Es ist hinreißende, beeindruckende Musik. Du hast sie immer gehört, dein ganzes Leben lang. Die Musik war immer da, und du hast in deinem Leben noch keine andere gehört.

Eines Tages stellst du fest, dass du sie zwar immer gehört, aber nie wirklich zugehört hast. Du hast sie nie wirklich geschätzt, weil du sie als selbstverständlich angesehen hast. Du beschließt also, dass du diese Musik verstehen möchtest. Du entscheidest dich dafür, dies auf eine herausfordernde Weise zu tun, damit du höher belohnt wirst: Es kommt dir in den Sinn, dass du ein wirklich tiefes Verständnis von ihr erreichen kannst, wenn du an einen Ort gehst, an dem die Musik nicht zu hören ist, und versuchst du, sie nachzustellen, während du dort bist. Du willst damit anfangen, sobald die Echos ihres Klanges verhallt sind. Die Erfahrung des Erinnerns und des Spiels der exzellenten Symphonie aus deinem Zuhause soll dir ein umfassendes Verständnis ihrer Großartigkeit ermöglichen.

Du gehst an einen neuen Ort. Du hörst neue Musik. Einige Lieder sind wundervoll, aber andere schmerzen mit ihrer Dissonanz in deinen Ohren. Diese unangenehmen Töne erzeugen in dir ein Verlangen und die Lösung verspricht schließlich zu sein, deine eigene Musik zu kreieren. Und die Dunkelheit wird ein sehr notwendiger Teil dieses kreativen Prozesses sein.

Bunter Notenschlüssel

Bald beginnst du, deine eigenen Kompositionen zu schreiben. Zuerst lenkt dich die lärmende Musik des neuen Ortes ab. Doch mit der Zeit kannst du deine Aufmerksamkeit von den äußeren Geräuschen auf die Melodien deines Herzens lenken und deine musikalischen Kreationen werden schöner.

Schließlich komponierst du ein Meisterstück. Da fällt es dir erst auf: Das Meisterstück, das du geschrieben hast, ist die gleiche Musik, die in deinem Zuhause erklungen ist. Und diese Erinnerung bringt dich zu einer anderen Erkenntnis: Du bist diese Musik. Du hast sie nicht im Äußeren vernommen, sondern in deinem Geist, in deiner Seele.

Indem du dich an einem neuen Ort neu erschaffst, kannst du dich selbst auf eine Weise kennenlernen, wie du es nicht getan hättest, ohne dich aus deiner Komfortzone zu begeben. Du erkennst erst im Nachhinein, wenn du nicht diese Dunkelheit erlebt hättest, das völlig Neue, dann hättest du nicht schätzen lernen können, was beide Orte ausmacht.

Die Schwierigkeiten des Lebens sind da, damit wir erfahren können, wer wir nicht sind, bevor wir uns erinnern können, wer wir wirklich sind. Man könnte sagen, dass wir unangenehme Töne und dunkle Momente erfahren müssen, bevor wir die Symphonien unseres Zuhauses neu kreieren können. Wir brauchen die Dunkelheit, um besser sehen zu können, um den Kurs setzen und das Licht wahrhaftig schätzen zu können.