Bloß weil du zu einem Psychologen gehst, bist du noch lange nicht verrückt

· 20. Juli 2017

„Ich gehe zu einem Psychologen und ich bin nicht verrückt. Außerdem ist ,verrückt‘ ein Etikett, das man niemals an Menschen ,anbringen‘ darf, die psychische Probleme haben. Zum Psychologen gehe ich, damit man mir dort beim Wechseln der Glühbirne hilft, wenn sie anscheinend durchgebrannt ist.

Ich gehe zum Psychologen, weil ich das Bedürfnis habe, meine Gedanken zu organisieren und mit meinen Gefühlen umzugehen. Ich lerne, wie ich besser leben kann. Einen Psychologen suche ich auf, weil ich mich damit gut fühle. Und weil ich dort die Ressourcen finde, die ich brauche, um mich dem Leben zu stellen und mein Glück zu finden.

Ich kenne das Geräusch, das ich vernehme, wenn mir Steine vor die Füße fallen und meinen Weg versperren. Ich kenne den Schmerz, den ich empfinde, wenn ich den Sinn des Lebens nicht finden kann. Wenn ich meine Gefühle nicht in Worte zu kleiden vermag und wenn ich nicht aufhören kann, zu denken, dass alles schiefgehen wird. Wenn ich den Ausgang nicht finde, der mich zurück ins Leben führt.“

Jeder, der zu einem Therapeuten geht, könnte das sagen. Ganz gleich, welche Gründe man hat, zum Psychologen zu gehen – da gibt es nichts Falsches daran. Es gilt sogar das genaue Gegenteil – es erfordert eine Menge Mut, diesen Schritt zu wagen. Und es einem dazu ausgebildeten Menschen zu erlauben, einen bei der Entwirrung der Knoten im Kopf zu unterstützen.

Das Stigma, das die psychische Gesundheit umgibt

Sich in Therapie zu begeben, wird als etwas Negatives angesehen. Deshalb fühlt es sich für viele Patienten tatsächlich so an, als würde die Gesellschaft mit dem Finger auf sie zeigen. Wie viele Fachleute jedoch zu Recht sagen, musst du nicht an Gebärmutterkrebs leiden, um zu einem Gynäkologen zu gehen. Warum gehen dann nicht alle zum Psychologen, wenn sie sich nicht gut fühlen – zum Beispiel angespannt, niedergeschlagen oder festgefahren?

Vielleicht, weil es weniger einfach ist, bestimmte Probleme zu überwinden, als eine Tablette zu nehmen. Vielleicht auch deshalb, weil wir in einer Gesellschaft leben, in der alles schnell wieder repariert werden muss, ja nicht ausfallen darf. Womöglich auch deshalb, weil wir zu leicht die Nase rümpfen ob der Wichtigkeit, uns durch einen inneren Schmerz ohne Namen zu arbeiten.

Die Sache ist die, dass wir psychologischen Problemen nicht genügend Aufmerksamkeit schenken. Emotionale Schwierigkeiten erscheinen uns zweitrangig. Daher erlauben wir es uns nicht, uns eingehender mit ihnen zu befassen. Darüber hinaus scheint es ein Zeichen von Schwäche zu sein, so etwas zu tun.

Wir kratzen uns ratlos am Kopf, wenn die Wunde schwieriger zu heilen ist. Wir erkennen aber ganz offensichtlich nicht, dass sich der Schmerz nicht so weit ausgebreitet hätte, wenn wir den Zeichen und Symptomen schon eher unsere Aufmerksamkeit gewidmet hätten. Sie haben uns angezeigt, dass etwas nicht stimmte.

Du musst wirklich tapfer sein, dir dieses Zwicken und Zwacken in deinem Bauch einzugestehen, das von deinen Gefühlen verursacht wird. Du musst wirklich mutig sein, deinen Geist und deine innere Welt einem Profi offenzulegen. Es braucht einiges an Courage, um zuzugeben, dass es da etwas gibt, was du verändern musst.

Du musst unglaublich stark sein, um den Mut aufzubringen, dich zu verändern und an dir zu arbeiten. Es ist eine psychologische Leistung, dies zu erkennen und dir selbst die Gelegenheit zu geben, mit deinen Erwartungen umzugehen.

Fragen helfen dir deshalb oft dabei, den Schlüssel zum Fortschritt zu finden. Die Unterstützung eines Psychologen ist essenziell, um aus deinen Problemen schlau zu werden und um herauszufinden, wie du sie angehst. Menschen, die zur Therapie gehen, haben nicht immer eine psychische Störung. Und ein gesunder Menschenverstand garantiert keine Fachkenntnisse in Psychologie.

Was du durch eine Therapie erreichen kannst, geht über gewöhnliches Zuhören weit hinaus. Es ist viel mehr als nur eine intime Unterhaltung. Dazu gehört, dass die Glühbirne gewechselt wird – in einem ausgeglichenen und objektiven Rahmen.

Das Wissen und die Techniken, die Psychologen anwenden, basieren auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Das ist der Wert der Psychologie: eine professionelle Unterstützung bei der Suche nach den Antworten, aber zunächst das Stellen der Fragen, und schließlich auch das Wissen um Gefühle, Gedanken, Qualitäten, Ressourcen und Denkmuster. Daher ist die Psychologie ein schöner Weg für alle diejenigen, die den Mut haben, ihn zu gehen.