Ataraxie, Seelenruhe und Affektlosigkeit

Menschen mit Ataraxie zeichnen sich dadurch aus, dass sie immer ruhig und gelassen sind. Aber was verbirgt sich hinter dieser unerschütterlichen Fassade?
Ataraxie, Seelenruhe und Affektlosigkeit
Valeria Sabater

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Valeria Sabater.

Letzte Aktualisierung: 24. August 2023

Im antiken Griechenland verwendeten die Epikureer und Pyrrhoneer den Begriff Ataraxie, um jene Seelenruhe zu beschreiben, die Gelassenheit gegenüber den Widrigkeiten des Lebens zulässt, um das Glück – die Eudaimonie – nicht zu gefährden. Es handelt sich um einen Zustand, in dem wir Ängste und Sorgen loslassen und Frustration und Ärger verbannen.

Dieser Zustand der Affektlosigkeit scheint behaglich und idyllisch zu sein: Wer würde nicht gerne in jeder Lebenssituation unberührt und gelassen bleiben, um den Alltag besser zu ertragen?

In Wahrheit ist die Ataraxie jedoch ungesund und unlogisch. In ihrer Geschichte Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen erzählen die Gebrüder Grimm von einem Vater mit zwei Söhnen. Der jüngere kannte das Gruseln nicht, er hatte vor nichts Angst. Er machte sich auf den Weg, um diese lähmende und gleichzeitig mobilisierende Emotion zu entdecken.

Diese Geschichte ist ein Beispiel dafür, dass die Unfähigkeit, eine Emotion zu erkennen oder zu spüren, schwerwiegende Folgen haben kann. Deshalb ist die Ataraxie eigentlich eine Behinderung. Sie kann sogar mit neurologischen Störungen im Zusammenhang stehen. Angst, Unruhe und Rastlosigkeit werden zwar als unangenehm und negativ wahrgenommen, doch sie erfüllen eine Funktion und können überlebenswichtig sein.

Frau mit Ataraxie

Ataraxie: Was ist das?

Die griechischen Philosophen definierten Ataraxie als Unerschütterlichkeit und Affektlosigkeit. Demokrit oder Heraklit sahen darin die Neigung, nicht leidenschaftlich, sondern zurückhaltend und gelassen zu reagieren, unempfänglich für Emotionen und Instinkte zu sein, was sie mit Erhabenheit oder Seelenruhe gleichsetzten.

Diese Auffassung wurde von den Epikureern, den Stoikern und den Skeptikern weiterentwickelt. Dr. James Warren¹, Professor an der Universität Cambridge erklärt, dass die Epikureer den Begriff Ataraxie als Synonym für geistiges Wohlbefinden verwendeten, da diese Einstellung erlaubt, Ängste loszulassen.

Wer würde sich nicht gerne in einem Zustand der Gelassenheit und Unerschütterlichkeit den Widrigkeiten des Lebens stellen? Wäre es nicht schön, bei Mobbing oder Verrat gelassen zu bleiben und keinen Schmerz zu empfinden? Wir wären keine Menschen, sondern Maschinen, wenn wir in diesen Situationen nicht in der Lage wären, emotional zu reagieren. Die Unfähigkeit, auf Umweltereignisse zu reagieren, oder das Fehlen von Angst kann als neurologische Störung definiert werden.

Wie sieht ein Mensch mit Ataraxie aus?

Menschen mit Ataraxie zeigen einzigartige Merkmale in ihrer Interaktion mit der Welt, die durch ihre scheinbare Gelassenheit beeinflusst werden. Dieser Zustand bestimmt ihren Umgang mit alltäglichen Emotionen und Herausforderungen:

  • Passives Verhalten. Unfähigkeit, auf Umweltreize zu reagieren.
  • Affektive Verflachung. Keine Anzeichen von Stimmungsschwankungen. Sie kennen keine Höhen und Tiefen, keine Freude, keine Ängste, kein aufgeregtes Verhalten, keine Unruhe.
  • Keine Frustration. Ereignisse wie Fehler oder das Nichterreichen von Zielen werden ruhig und fast gleichgültig erlebt.
  • Sie empfinden keine Schuldgefühle. Sie fühlen sich nicht verantwortlich für ihr Handeln.
  • Diese Personen respektieren keine Grenzen, ignorieren Gefahren und neigen zu riskantem Verhalten.
Amygdala und Ataraxie

Der Ursprung der Ataraxie

Die klinische oder medizinische Ataraxie ist die extreme Ausprägung der philosophischen Ataraxie. Ein ruhiger und gelassener Geist ist hilfreich, die Fähigkeit, Freude, Schuldgefühle, Angst, Kummer, Überschwänglichkeit oder Traurigkeit zu fühlen, ist jedoch genauso wichtig.

Wir benötigen Emotionen und Gefühle, um uns an die unerwarteten Ereignisse des Lebens anzupassen. Eine Person mit klinischer Ataraxie zeigt jedoch eine eindeutige maladaptive Passivität. Dieser Zustand definiert Menschen, die nicht in der Lage sind, auf ihre Umwelt zu reagieren, sei es sozial, beruflich oder emotional.

Wie entsteht Ataraxie?

Dieser Zustand kann ein Symptom für ein neurologisches Problem darstellen. Es gibt Veränderungen in verschiedenen Hirnregionen, die mit dieser Realität korrelieren. Es handelt sich jedoch nicht um eine Störung, die in dem Handbuch für psychische Störungen DSM-5 zu finden ist.

Die häufigsten Auslöser für Ataraxie sind traumatische Erlebnisse, die den Frontalbereich des Gehirns beeinflussen, sowie Schlaganfälle. Ferner kann die Urbach-Wiethe-Krankheit eine komplette Abwesenheit von Angst verursachen.

Ataraxie entsteht durch eine Läsion oder Atrophie der Amygdala im Großhirn. Wie wir wissen, reguliert diese Region einen Teil unserer Emotionen, von denen die häufigsten Angst und Wachsamkeit sind. Wenn wir mit einer Gefahr konfrontiert werden, sendet die Amygdala die Informationen sofort an die Großhirnrinde.

Danach wird das tatsächliche Risiko objektiv bewertet. Eine Person mit Ataraxie ist jedoch nicht in der Lage, einen dieser Prozesse auszuführen. Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass der in der Geschichte der Gebrüder Grimm beschriebene Sohn, der auszog, um das Fürchten zu lernen, an einer Veränderung der Amygdala litt.

▶ Lese-Tipp

  1. The Cambridge Companion to Epicureanism, James Warren, Cambridge Univeristy Press 2009

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