Artemisia Gentileschi: Biografie einer Barockmalerin

9. August 2019
Artemisia Gentileschi war eine großartige Malerin des Barock und die bedeutendste Vertreterin dieser Epoche. Erfahre hier mehr über ihr Leben.

Artemisia Gentileschi war eine Barockmalerin, die im 16. Jahrhundert wirkte. Allerdings blieben ihre Lebensgeschichte und ihr Schaffen für viele Jahre in der Kunstgeschichte unerwähnt. Genauso erging es auch vielen ihrer weiblichen Künstlerkolleginnen.

Historiker und Kunstsammler schrieben Gentileschis Werke kurzerhand männlichen Künstlern zu. Dadurch wird ihr Leben und ihre Arbeit zu einem anschaulichen Beispiel des im 16. Jahrhundert vorherrschenden Sexismus.

Heutzutage sehen Kunsthistoriker in Artemisia Gentileschi eine der ersten italienischen Barockmalerinnen. Die Pinselstriche in ihren Gemälden waren typisch für diese Epoche und die Tiefe, die sie ihren Portraits verlieh, ist wirklich einzigartig. In diesem Artikel wirst du mehr über diese sehr talentierte Künstlerin erfahren, denn wir wollen ihr endlich zu der Anerkennung verhelfen, die sie verdient.

Die Kindheit und Jugend von Artemisia Gentileschi

Artemisia Gentileschi wurde am 8. Juli 1593 in einer Gegend Roms geboren, die damals als Kirchenstaat bekannt war. Sie war eine sehr talentierte Malerin. Ihre Mutter, Prudentia Montone, starb, als Artemisia 12 Jahre alt war. Ihr Vater war Orazio Gentileschi ein bekannter Maler der damaligen Zeit.

Artemisias Talent zeigte sich schon in jungen Jahren und sie begann früh damit, von ihrem Vater zu lernen. Ihr Vater war ein Freund von Caravaggio und einer der ersten Anhänger dieses revolutionären Barockmalers. Caravaggio war in der römischen Kunstszene bekannt aufgrund seines provokativen und wilden Malstils. Artemisia Gentileschi sollte später eine große Verfechterin der zweiten Phase seines dramatischen Realismus werden.

Orazio und Caravaggio wurde einmal von den Behörden vorgeworfen, sie hätten in den Straßen Roms diffamierende „Graffitis“ über einen anderen Maler angefertigt. Während des Prozesses erzählte Orazio, dass Caravaggio ihn zuhause besucht hätte, um sich ein Paar Engelsflügel auszuleihen. Dank dieser kleinen Anekdote wissen wir, dass die beiden wohl enge Freunde gewesen sein müssen. Daher können wir auch davon ausgehen, dass Orazios älteste Tochter Artemisia ihn ebenfalls kannte.

Artemisia Gentileschi - Gemälde

Da Artemisia sehr viel von ihrem Vater sowie auch von dem Landschaftsmaler Agostino Tassi gelernt hat, ist es mitunter schwierig, die Arbeiten der drei Künstler zu unterscheiden. Zu Beginn ihrer Schaffenszeit malte sie vorwiegend in einem sehr romantischen Stil. Genau wie ihr Vater und Caravaggio dies auch taten.

Ihr erstes bekanntes Gemälde stammt aus dem Jahre 1610 und trägt den Titel Susanna und die ÄltestenLange Zeit wurde angenommen, dass ihr Vater dieses Bild gemalt hätte. Außerdem schuf sie 1612-13 und 1620 zwei Versionen einer Szene mit dem Titel Judith enthauptet Holofernes, die Caravaggio bereits zuvor gemalt hatte.

Missbrauch durch einen anderen Künstler

Im Jahr 1611 erhielt ihr Vater Orazio den Auftrag, den Palazzo Pallavicini-Rospigliosi künstlerisch zu gestalten. Um seiner 17-jährigen Tochter Artemisia die Möglichkeit zu geben, ihre Technik weiter zu verfeinern, engagierte er den Maler Agostino Tassi, um sie dabei zu unterstützen.

Aufgrund dieser Zusammenarbeit verbrachten Tassi und Gentileschi sehr viel Zeit miteinander. Während einer dieser Übungsstunden, die Artemisia meist alleine mit Tassi verbrachte, vergewaltigte er sie. Daraufhin ging Artemisia eine Beziehung mit Agostino ein und glaubte, dass er sie vielleicht sogar heiraten würde. Allerdings wollte Tassi von einer Heirat überhaupt nichts wissen.

Das veranlasste ihren Vater Orazio zu einer für die damalige Zeit sehr ungewöhnlichen Reaktion. Er entschied sich dazu, Tassi wegen der Vergewaltigung seiner Tochter anzuzeigen. Der Prozess dauerte sieben Monate.

Der anschließende Prozess

Im Laufe des Prozesses wurden viele skandalöse Details über Tassi und sein Opfer bekannt. So stellte sich heraus, dass Artemisia bis zu der Vergewaltigung noch Jungfrau war. Außerdem wurde Tassi des Mordes an seiner Frau beschuldigt.

Im Rahmen der Ermittlungen musste Artemisia sich gynäkologisch untersuchen lassen, um zu beweisen, dass sie durch die Vergewaltigung ihre Jungfräulichkeit verloren hatte. Außerdem wurde sie während ihrer Aussage mit Daumenschrauben gefoltert. So sollte sichergestellt werden, dass sie die Wahrheit sagte.

Für sie als Künstlerin hätte diese Art der Folter schwerwiegende Folgen haben können. Doch glücklicherweise erlitt Artemisia keine dauerhaften Schäden an ihren Fingern. Sie bezeugte mit großer Leidenschaft, dass sie Tassi hätte umbringen können, nachdem er sie vergewaltigt hatte. Dadurch bewies sie großen Mut und demonstrierte, was für eine bemerkenswerte Frau sie war.

Tassi wurde für schuldig befunden und sollte daraufhin aus Rom verbannt werden. Allerdings wurde diese Verbannung durch den Papst verhindert. Dieser war sehr daran interessiert, dass ein talentierter Künstler wie Tassi in Rom verblieb und so schützte er ihn vor der Strafe.

Viele der Werke, die Artemisia Gentileschi nach der Vergewaltigung schuf, griffen das Thema Vergewaltigung auf. So gibt es einige Bilder, auf denen Frauen von Männern angegriffen werden und auch solche, auf denen mächtige Frauen Rache üben.

Artemisia Gentileschi in Florenz

Einen Monat nach Ende der Verhandlung arrangierte Orazio die Hochzeit von Artemisia und dem Künstler Pierantonio Stiattesi. Anschließend zogen die beiden in Stiattesis Heimatstadt Florenz.

In Florenz erhielt Artemisia von der Casa Buonarotti einen ihrer wichtigsten Aufträge. Michelangelos Neffe hatte dessen ehemaliges Haus in ein Denkmal und Museum umgewandelt.

Im Jahr 1616 trat Artemisia als erste Frau der Accademia delle arti del Disegno (Akademie der Zeichenkünste) bei. Dadurch konnte sie ihre Malutensilien ohne die Zustimmung ihres Mannes kaufen. Außerdem war es ihr möglich, ihre Verträge selber zu unterschreiben. Auch Cosimo II de Medici, der Großherzog der Toskana, gab ihr mehrere sehr lukrative Aufträge.

Während dieser Zeit entwickelte Artemisia Gentileschi auch ihren eigenen Stil. Obwohl dies für das 17. Jahrhundert sehr ungewöhnlich war, spezialisierte sie sich auf historische Gemälde. Die meisten anderen Künstler hingegen malten Stillleben und Portraits.

1618 bekam Artemisia eine Tochter, welche nach ihrer verstorbenen Mutter Prudentia benannt wurde. Ungefähr zur gleichen Zeit hatte Artemisia zudem eine Affäre mit dem Florentiner Adeligen Francesco Maria di Niccolo Maringhi.

2011 entdeckte Francesco Solina einige Briefe, die Artemisia an Maringhi geschrieben hatte. Diese beweisen eindeutig die Affäre der beiden. Als ihr Mann von der Untreue seiner Frau erfuhr, nutzte er diese Liebesbriefe, um Geld von Maringhi einzufordern.

So kam es, dass Maringhi das Ehepaar finanziell unterstützte, was den beiden sehr half. Denn ihre finanzielle Situation war stets angespannt, da Stiattesi sehr schlecht mit Geld umgehen konnte.

“Meine berühmte Lordschaft. Ich zeige Ihnen, was eine Frau alles tun kann.”

-Artemisia Gentileschi-

Zurück in Rom und wieder bei Caravaggio

Aufgrund der Geldsorgen und der Gerüchte über Artemisias Affäre kam es zunehmend zu Spannungen zwischen den Eheleuten. Schließlich kehrte Artemisia im Jahre 1621 alleine nach Rom zurück. Dort fand sie schnell wieder Anschluss an Caravaggios Kreise und arbeitete mit einigen seiner Anhänger, darunter auch mit Simon Vouet.

Allerdings war sie nicht ganz so erfolgreich, wie sie erwartet hatte. Daher ging sie für einige Zeit nach Venedig, um dort mehr Aufträge zu bekommen.

In ihren Gemälden benutzte Artemisia Gentilschi hellere Farben als ihr Vater. Im Gegensatz zu ihrem Vater malte sie auch weiterhin im Stil des Tenebrismus, den Caravaggio populär gemacht hatte.

Artemisia Gentileschi - Frau

Am englischen Hof: spätere Werke von Artemisia Gentileschi

Ungefähr im Jahr 1630 zog Gentileschi nach Neapel. 1638 ging sie mit ihrem Vater nach London, wo sie beide für König Charles I. arbeiteten. Gemeinsam arbeiteten sie an einem Deckengemälde für den Großen Salon im Haus von Königin Henriette Maria, welches in Greenwich stand. Nach dem Tod ihres Vaters im Jahr 1639 verblieb sie noch einige Jahre in London.

Während ihrer Zeit dort schuf sie einige ihrer berühmtesten Werke. Darunter auch Allegorie der Malerei: Selbstbildnis als La Pittura (1638). Laut ihrem Biografen Baldinucci (der ihre Biografie in die ihres Vaters mit aufnahm) malte sie viele Portraits und wurde weitaus berühmter als ihr Vater.

Ungefähr 1640 oder 1641 zog sie erneut nach Neapel und ließ sich dort nieder. Sie malte einige Bilder über die Geschichte von David und Bathsheba. Viel mehr ist nicht über ihre letzten Lebensjahre bekannt. Der letzte erhaltene Brief stammt aus dem Jahr 1650 und lässt darauf schließen, dass sie zu dieser Zeit immer noch künstlerisch tätig war.

Auch ihr genauer Todeszeitpunkt ist nicht bekannt. Es gibt Hinweise darauf, dass sie im Jahr 1654 immer noch in Neapel gearbeitet hat. Einige Historiker vermuten, dass sie 1656 während einer Pestepidemie in Neapel verstarb.

Das Vermächtnis von Artemisia Gentileschi

Der Umgang mit ihrem Vermächtnis war durchaus widersprüchlich. Während sie zu ihren Lebzeiten als Künstlerin sehr bekannt und hoch geschätzt war, wurde sie nach ihrem Tod einfach aus der Kunstgeschichte gestrichen.

Da ihr Stil dem ihres Vaters sehr ähnlich war, schrieben viele Kunsthistoriker ihre Werke oftmals ihrem Vater Orazio zu. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts entdeckte Roberto Longhi, ein bekannter Caravaggio-Experte, ihre Werke wieder und korrigierte diesen Irrtum.

“So lange ich lebe werde ich die Kontrolle über mein Sein haben.”

-Artemisia Gentileschi-

Bedauerlicherweise sind viele akademische und populäre Berichte über ihr Leben sehr stark übertrieben und legen starken Fokus auf die sexuellen Aspekte. Teilweise liegt dies an dem von Longhis Frau, Anna Banti, im Jahr 1947 veröffentlichten Sensationsroman über Artemisias Leben.

Erst in den 1970 und 1980er Jahren haben die beiden feministischen Kunsthistorikerinnen Mary Garrard und Linda Nochlin Gentileschi wieder rehabilitiert. Sie haben sich vor allem mit Artemisias künstlerischen Leistungen und ihrem Einfluss auf die Kunst beschäftigt. Ihr Privatleben war in diesem Zusammenhang nicht mehr von Relevanz.

  • Pérez Carreño, F. (1993). Artemisia Gentileschi. Colección El arte y sus creadores, Volumen 13.
  • Cropper, E. (1995). Artemisia Gentileschi, la pintora. In La mujer barroca (pp. 189-212). Alianza Editorial.
  • Nochlin, L. (2008). ¿Por qué no ha habido grandes mujeres artistas? En Catálogo de exposición, 283-289.
  • Carreño, F. P. (1995). Drama y espectador en Artemisia Gentileschi. Asparkía. Investigació feminista, Volumen 5, 11-24.