Anomie: Wenn soziale Normen fehlen

Das Thema Anomie bezieht sich auf die Spannung, die zwischen Gruppen und Einzelpersonen in Übereinstimmung mit den Regeln auftritt. Diese Regeln sind wichtig, um den sozialen Zusammenhalt aufrechtzuerhalten. Wenn sie jedoch nicht auf individuelle Bestrebungen ausgerichtet sind, entstehen Konflikte, die in vielen Fällen nicht mehr nützlich sind.
Anomie: Wenn soziale Normen fehlen

Letzte Aktualisierung: 05. Januar 2021

Anomie ist ein sehr altes Konzept. Bereits im Mittelalter wurde es genutzt, um “gottlose oder gesetzlose” Menschen zu beschreiben. Es war jedoch der Soziologe Émile Durkheim, der begann, systematisch an dieser Idee zu arbeiten. Seitdem taucht dieser Begriff in der Soziologie wiederholt auf.

Der Begriff Anomie beschreibt das Fehlen von Regeln und die Tendenz, Gesetze zu brechen. Dies kann auf kollektiver oder individueller Ebene stattfinden. Außerdem fehlen Richtlinien oder moralische Werte, um das Verhalten von Menschen zu steuern.

Obwohl das Konzept der Anomie ursprünglich aus der Soziologie stammt, wird es auch in den Politikwissenschaften, der Anthropologie und der Psychologie thematisiert. In all diesen Bereichen wird es mit kriminellem oder “abweichendem” Verhalten infolge historischer Umstände oder als Teil eines Prozesses der moralischen Evolution in Verbindung gebracht.

“Alle menschlichen Aktivitäten finden innerhalb der Gesellschaft statt, ohne dass sich jemand ihrem Einfluss entziehen kann.”

-George Simmel-

Anomie und Nonkonformität

Wenn wir über Anomie sprechen, dann beziehen wir uns auf die Spannungen zwischen dem Kollektiv und dem Individuum. Grundsätzlich werden die geltenden Regeln nicht eingehalten. Dies ist im Prinzip auf zwei Ursachen zurückzuführen. Entweder berücksichtigen die Regeln nicht die tatsächliche Möglichkeit einer Person, diese einzuhalten oder der Einzelne kann sie nicht einhalten, selbst wenn diese Regeln angemessen sind.

Für Durkheim war Anomie das Ergebnis eines Zusammenbruchs oder einer Verschlechterung der sozialen Bindungen; eine Trennung, die wiederum zu einer Schwächung der Solidarität führte. Wenn es also keine starken Bindungen in einer Familie, einer bestimmten Gruppe oder in der Gesellschaft als Ganzes gibt, haben Einzelpersonen nicht das Gefühl, dass sie die Normen einhalten müssen, die dieser Gruppe Zusammenhalt verleihen.

Darüber hinaus wies Durkheim darauf hin, dass die Arbeitsteilung und die Klassenteilung eine Form der Verschlechterung der sozialen Bindungen darstellten. Dadurch entstehen Formen der Ungerechtigkeit und Ausgrenzung, die später in den Normen zum Ausdruck kommen. Dies sind letztendlich Vorschriften, die Situationen legitimieren, die gegen den Einzelnen gerichtet sind. Infolgedessen entstehen große Spannungen sowie ein Widerstand gegen die Einhaltung der Regeln.

Anomie- Mann mit Kaputzenpullover

Anomie und Frustration

Der amerikanische strukturfunktionalistische Ansatz assimilierte das Konzept der Anomie. Allerdings veränderten die Strukturfunktionalisten die Idee, an der Durkheim ursprünglich arbeitete, insofern, als dass sie das Individuum betonten. Es begann mit der Idee, dass das Kollektiv gut funktioniert (gerade weil es kollektiv ist) und dass, wenn sich eine Person nicht darauf einstellen konnte, das Problem bei diesem Individuum und nicht bei der gesamten Gruppe lag.

Darüber hinaus weisen viele Autoren darauf hin, dass tiefe Frustration entstehen kann, wenn ein Kontext Normen und Modelle der Verwirklichung vorschlägt, aber gleichzeitig die Mittel und Wege begrenzt, um diese zu erreichen. Zum Beispiel, wenn du darauf setzt, erfolgreich und wohlhabend zu werden, aber die Regeln selbst es verhindern, dass du dieses Ziel realisieren kannst.

Unter derartigen Bedingungen schwächen sich nicht nur die sozialen Bindungen, sondern es entsteht auch ein starker Widerstand, passiv oder aktiv. Dies spiegelt sich in verschiedenen Verhaltensweisen wider, zu denen unter anderem Depressionen, städtische Gewalt, Kriminalität und sogar Selbstmord gehören.

Anomie - Mann mit gesenktem Blick

Was oder wer sollte sich verändern?

Das Problem der Anomie und der Einhaltung von Normen ist kompliziert. Faktisch lässt sich feststellen, dass in keiner Gesellschaft die Regeln immer und vollständig eingehalten werden. Ideal wäre ein Kollektiv, in dem der Spielraum für Compliance (Einhaltung der Regeln) sehr groß ist und das gleichzeitig eine auf individueller ethischer Verantwortung basierende Autonomie fördert.

Allerdings ist es nicht ganz einfach, eine derartige Gesellschaft zu formen, hauptsächlich aufgrund wirtschaftlicher und sozialer Ungleichheit. Zweifelsohne impliziert dieses Problem auch eine Ungleichheit von Chancen. An dieser Stelle stellt sich die Frage, ob unter realen Bedingungen eine Änderung der Normen oder eine Änderung des Einzelnen gefördert werden sollte, um die Spannungen abzubauen, die zu Übertretungen oder Frustrationen führen.

Die Beantwortung dieser Frage ist natürlich nicht einfach. Eine realistische Perspektive hätte mit dem Bewusstsein zu tun, dass es wichtig ist, sich an die Realität anzupassen, egal wie willkürlich sie auch sein mag. Gleichzeitig muss diese Anpassung nicht passiv sein. Im Gegenteil, sie muss kritisch und aktiv sein. Der Einzelne müsste sich mit diesem Paradoxon auseinandersetzen, toleranter gegenüber Frustrationen werden und seine Bereitschaft zur Veränderung stärken.

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  • Girola, L. (2005). Anomia e individualismo: del diagnóstico de la modernidad de Durkheim al pensamiento contemporáneo (Vol. 46). Anthropos Editorial.