An den Bus von neulich: Ich bin frei. Nicht mein Problem, wenn das jemandem nicht gefällt

· 8. Juni 2017

Ich bin frei, auch wenn das einigen nicht gefällt. Wir Menschen haben alle für unsere Freiheit gekämpft, manchmal, um unsere Individualität zu definieren, andere Male, damit uns die Freiheit gegen die Intoleranz vereint. Dieser Kampf ist für Frauen ein härterer Kampf, denn alles, was wir erreichen, wird von der Gesellschaft erneut auf die Probe gestellt. Das betrifft aber auch andere Kollektive, wie Homosexuelle oder Transsexuelle.

Und ich übertreibe keinesfalls. Nur als Beispiel: Vor einigen Tagen forderte eine Frau die irakische Gesellschaft heraus, als sie auf ein Fahrrad aufstieg. Sie wollte ihr Recht wahrnehmen, Fahrrad zu fahren, wie es in den sechziger Jahren üblich war. Sie wurde von anderen angestarrt, doch sie schien mit einem breiten Lächeln nur zu antworten: „Ich bin frei. Nicht mein Problem, wenn das jemandem nicht gefällt.“  Von dieser Ablehnung sind wir nicht weit entfernt, was andere Lebensbereiche betrifft.

Die Grenze der Freiheit wird festgelegt, wenn sie genutzt wird, um anderen zu schaden

Der Freiheit werden Grenzen gesetzt, wenn diese dazu genutzt werden, anderen zu schaden und sie ihres Rechts zu berauben, frei zu sein. Doch das passiert nicht zufällig: Jegliche Freiheitsberaubung versetzt die Täter in eine Machtposition, weil sie erreicht haben, was sie wollten.

Viele Menschen haben gelitten und leiden noch immer, weil andere sie nicht in Frieden leben lassen. Sie mischen sich in deren Leben ein, verurteilen sie und zwingen ihnen ihre Meinung auf. Sie wollen über etwas oder jemanden verfügen. Diese Menschen leiden unter einer psychischen und sozialen Krankheit, die sich Intoleranz nennt und die andere mit Verbitterung ansteckt, wo sie wütet.

Wir müssen nicht unbedingt in ferne Länder reisen, um solche Situationen anzutreffen. Auch hier auf europäischen Straßen, genauer gesagt in Spanien, fährt ein orangener Bus umher, der an die Meinungsfreiheit appelliert. Auf ihm steht eine Nachricht des Hasses und der Intoleranz. Diese Nachricht besagt, dass Jungen eine Penis und Mädchen eine Vulva besitzen, und sich diesbezüglich nichts vormachen lassen sollen. Weiter steht in großen Lettern auf dem Bus: „Wenn man als Mann geboren wird, ist man ein Mann. Wenn man als Frau geboren wird, ist man eine Frau. Offensichtlich ist das auch der Fall oder?

Transsexuelle Frauen und Männer sind Menschen, die einen schwierigen Prozess durchlaufen, um an den Punkt zu gelangen, an dem sie der Welt mitteilen, wer sie sind, aber dabei betonen sie ihre Identität, die sie schon immer besaßen. Sie verdienen unseren vollen Respekt, Empathie und unser Verständnis für Natürlichkeit.

 

Negatives Aufsehen erregte nicht die Nachricht selbst, sondern die Arglist, die dahintersteckt. Das Schlimme daran ist, dass diese Nachricht von Menschen überbracht wird, über die man sagt, dass sie gebildet seien. Sie sagen damit, dass all das, was ihrer Ansicht nach nicht natürlich sei, eine Krankheit oder Perversion sei. Ist nicht vielmehr Intoleranz die eigentliche Perversion?

Diese Verbreiter von Hassnachrichten haben den Pseudohermaphroditismus, das Klinefelter-Syndrom, das Turner-Syndrom, das Goldberg-Maxwell-Morris-Syndrom oder auch das Mayer-Rokitansky-Künster-Hauser-Syndrom genauestens studiert. Sie wissen daher ganz genau, dass die Chromosomen nicht die sexuelle Identität definieren, dass nicht notwendigerweise eine Übereinstimmung zwischen dem biologischen Geschlecht und dem gefühlten Geschlecht besteht. Sie haben sicherlich Arbeiten von Margaret Mead und vielen anderen Wissenschaftlern und Anthropologen gelesen. Verstanden haben sie sie offensichtlich nicht.

Diesen Radikalen, die aussehen wie du und ich

Diese Verbreiter von Hass sind nicht ignorant. Vielleicht tragen sie keine Kleidung, die sie als Radikale einer Ideologie zu erkennen geben, doch das ändert nichts an der Tatsache, dass sie Radikale sind. Du würdest wohl nicht die Straßenseite wechseln, wenn du ihnen begegnest, denn sie kleiden ihre Hassnachrichten in das Gewand der vermeintlichen Bildung. Es sind die gleichen, die Propaganda verbreiten, dass angeborene Krankheiten wie das Down-Syndrom akzeptiert werden sollten, und dass eine Abtreibung in jedem Fall zu verurteilen ist. Es sind jene, die uns sagen, dass wir uns in Bezug auf die Transsexualität nicht täuschen lassen sollten. Worauf zielen sie ab? Genau diese Frage sollten wir uns stellen.

Sie sagen uns, dass alles mit dem Geschlecht in Verbindung Stehende, was nicht ihrer Sichtweise entspricht, bestraft und zensiert werden sollte. Ihrer Meinung nach erzeugt jede andere Herangehensweise nur Verwirrung und Unbehagen. Sie kennen die Wahrheit, aber sie hassen sie, weil sie ihnen ihre Macht nimmt. Sie wissen, dass sie die stärkste Waffe ist, um an ihrer Machtposition zu rütteln, dass es gefährlich für sie wird, wenn die Rollen der Geschlechter gesprengt werden. Wer Ungleichheit, Angst und Intoleranz zählt, ist viel stärker als irgendein Strom. Das geht gegen ihre Prinzipien, ihr Vermächtnis und ihre öffentliche Position.

Sie bestehen hartnäckig auf ihren beschränkten, verallgemeinernden und längst überholten Antworten, weil sie sich vor jeglicher neuer Frage fürchten, die sie dazu bringen könnte, einsehen zu müssen, dass sie sich irren.

Sie wissen, dass die Freiheit, was das Geschlecht und die Fortpflanzung anbelangt, keine Sklaven hervorbringt, die Lebensqualität erhöht, die Bildung für alle und die Verteilung des Reichtums optimiert. Sie wissen, dass der Zugang zu Informationen zur Folge hat, dass niemand mehr hinsichtlich dieser extremen Hassnachrichten Stillschweigen bewahren will.

Traurigerweise haben sie es geschafft, dass man über sie redet, und zu unserem Argwohn haben sie es auch geschafft, viele Anhänger zu gewinnen. Ihre Botschaft der Intoleranz führte zu einer Tracht Prügel an der Tür einer Diskothek, zu Morden an Transsexuellen in vielen Teilen der Welt und zu einem so absurden Schubladendenken. Genauso absurd wie das, was sie vermitteln.

Ich möchte keine Manifeste darlegen, ich möchte etwas kundgeben

Als freie Frau mit meinem Geschlecht, meinem gefühlten Geschlecht, den Neigungen und sexuellen Praktiken, mit denen ich mich wohlfühle, solange sie niemandem schaden, möchte ich mich äußern. Das ist für alle, denen diese Nachricht Tränen in die Augen treibt. Das ist für alle, die Jahrhunderte gekämpft haben, um in Ruhe und Frieden leben zu können.

Ich bin frei, ganz gleich, wem das gefallen mag oder nicht. Ich lebe mein Leben und schade damit niemandem. Ich hoffe, dass die Menschen, die fühlen wie ich, gemeinsam mit mir kämpfen. Ich lache, bedanke mich und werde mich weiterhin an der Güte eines Kindes, an dem Blick eines Hundes erfreuen. Ich lese, ich informiere mich und werde niemanden wegen seiner Herkunft verurteilen. Manchmal fühle auch ich mich hoffnungslos, einsam und verängstigt. Ich mache mir Sorgen wegen der Gesundheit meiner Liebsten. Ich bin so dankbar für die mir entgegengebrachte bedingungslose Akzeptanz. Ich bin vor allem ein normaler Mensch, sowie so viele andere auch. Ich bin frei und ich mag es nicht, wenn man Menschen, die niemandem etwas tun, verbal, physisch oder rechtlich angreift. Es ist an der Zeit, dass die Täter keinen Nährboden für ihren Hass mehr finden und lernen, mit ihm umzugehen und ihn zu überwinden.

Es tut mir leid, aber ich bin frei. Es tut mir für euch leid, für die Menschen, die ihr mich weder mit euren hasserfüllten Blicken, noch mit eurer generellen Ablehnung gegen alles andere erreichen könnt. Ich kenne die Karten sehr gut, mit denen ihr spielen wollt. So bitte ich darum, dass ihr unser Leben nicht durch Gesetze, Manifeste, Busse, Beleidigungen und Versklavungen beeinträchtigt. Wir Menschen sind frei und wenn euch das nicht gefällt, ist das nicht unser Problem. Wir sind hier, um uns zu verteidigen, wenn man uns angreift und um Solidarität für andere zu verteilen, wenn sie wieder und wieder angegriffen werden. Wenn diese Menschen beleidigt werden, so solltet ihr verstehen, dass wir bereits verstanden haben, dass die andere Wange hinzuhalten keine Option mehr ist, wenn ständig beleidigt und angegriffen wird, und dass derjenige, der Wind sät, Sturm erntet. Das solltet ihr verstehen! Wir sind frei. Wenn euch das nicht gefällt, ist das schon längst nicht mehr unser Problem. Damit müsst ihr selbst zurechtkommen.

Eigentlich brauchen wir gar keine Manifeste, denn sie sind für diejenigen da, die Angst vor der Freiheit anderer haben. Aber tatsächlich sind sie in unserer Welt noch notwendig: Manifeste der Freude, Manifeste der Unabhängigkeit, des Widerstands gegen die ideologische Kolonisation der Vielfältigkeit durch den Hass.

Um es mit den Worten der britischen Schriftstellerin Virginia Woolf zu sagen: „Es gibt weder eine Grenze noch einen Riegel, den du der Freiheit meines Verstandes vorschieben könntest.“  Niemals wird jemand dort eindringen können, was im Grunde genommen unser Herz, unsere Leben und unsere Freiheit ist. Außerdem müssen wir voller Erfolg verkünden, dass all die mutigen und freien Geister immer mehr Macht erlangen. Darauf können wir stolz sein, auch wenn noch ein langer Weg vor uns liegt, bis wir die Intoleranz überwinden.

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