Agnosie: die Unfähigkeit, vertraute Dinge zu erkennen

· 3. Juli 2018

Was würde passieren, wenn wir eines Tages einen Regenschirm nicht mehr von einem Stock unterscheiden könnten? Oder wenn wir Objekte nicht mehr anhand ihrer Form erkennen könnten? Wenn so etwas regelmäßig auftritt, spricht man von Agnosie, von der Unfähigkeit, die Eindrücke zu integrieren, die wir durch unsere fünf Sinne erhalten.

Der Begriff „Agnosie“ wurde 1891 von Sigmund Freud eingeführt. Alle Sinne Betroffener funktionieren einwandfrei und dennoch ist ihr Gehirn nicht in der Lage, die Informationen zu verarbeiten, die die Sinne aus der Umgebung aufnehmen und an das zentrale Nervensystem weiterleiten. Schlaganfall, Hirnverletzung und Sauerstoffmangel können Schäden verursachen, die zur Agnosie führen.

Der Begriff „Agnosie“ kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet „Unwissen“.

Arten von Agnosie

Diejenigen, die an Agnosie leiden, sind nicht in der Lage, zu interpretieren, was sie sehen, fühlen oder schmecken. Es scheint, als ob ihre Sinne und ihr Gehirn nicht mehr die gleiche Sprache sprächen. Als ob sie getrennt worden wären. Diese Kondition macht es ihnen schwer, die Welt wahrzunehmen und sich in ihr zu bewegen. Sie führt zu Frustration, Ohnmacht und Angst, und deshalb entwickeln diese Patienten häufig Depressionen.

Junge sieht seine Hände vierfach.

Es ist wichtig hervorzuheben, dass die von Agnosie Betroffenen nicht plötzlich in all ihren Sinnen beeinträchtigt sind. Es gibt viele verschiedene Arten der Agnosie, einschließlich der folgenden:

  • Visuell: Unfähigkeit, Objekte nach ihrem Aussehen zu benennen und einzuordnen. Zum Beispiel wird beim Betrachten eines Tennisschlägers nicht erkannt, dass es sich um einen Schläger handelt.
  • Auditiv: Schwierigkeit, Töne zu erkennen. Betroffene sind nicht der Lage, zwischen den Klängen zweier verschiedener Instrumenten zu unterscheiden.
  • Taktil: Unfähigkeit, Objekte durch Berührung zu unterscheiden. Allein aufgrund ihrer Form können Löffel und Gabel nicht unterschieden werden.
  • Räumlich: Schwierigkeit, sich zu orientieren und räumliche Vorstellungen zu entwickeln. Betroffene sind zum Beispiel nicht in der Lage, einen Plan des eigenen Hauses zu zeichnen.
  • Motorisch: Schwierigkeit beim Abruf und Ausführen von erlernten Bewegungen. Auch bekannt als Apraxie. Zum Beispiel versuchen Betroffene, den Beinen ein T-Shirt anzuziehen.
  • Körperlich: Probleme, den eigenen Körper zu identifizieren. Diese Art der Agnosie kann zur Annahme führen, dass die eigenen Extremitäten zu einem anderen Körper gehörten.

„Ich war ein Geist, ich sah mich selbst im Spiegel an und sah nur verschwommene Züge, als wären da nur Umrisse. Ein Geist, der im Spiegel verloren war. Ich wusste nicht, ob das, was ich berührte, mein Mund, mein Ohr oder meine Nase war.“

Esther, Betroffene von visueller Agnosie

Mann ohne Gesicht fasst sich an den Kopf

Das trügerische Gehirn

Nachdem wir nun die verschiedenen Arten der Agnosie betrachtet haben, wollen wir erwähnen, dass normalerweise nur einer der Sinne betroffen ist. Das heißt, jemand mit motorischer Agnosie leidet mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht auch an auditiver Agnosie. Aber es gibt immer wieder Ausnahmen.

In der Regel ist nur ein Teil des Gehirns geschädigt und daher leiden die meisten Betroffenen auch nur an einem Typ von Agnosie. Eine bestimmte Art von Schaden am Temporallappen führt oft zu auditiver Agnosie, wohingegen eine Schädigung des Okzipitallappens wahrscheinlich eine visuelle oder räumliche Agnosie herbeiführt. Wenn jedoch zwei Bereiche des Gehirns geschädigt sind, ist es auch möglich, an mehreren Arten von Agnosie zu erkranken.

Ist Heilung möglich?

Gibt es Hoffnung auf eine wesentliche Verbesserung, wenn das Gehirn einmal so stark geschädigt ist? Die Antwort lautet ja, es gibt Hoffnung auf Besserung. Dank der Methoden die in Ergotherapie und Sprachtherapie zur Anwendung kommen, dank der Werkzeuge, die Neurologen Betroffenen an die Hand geben können. Die kognitive Rehabilitation lehrt ihnen zum Beispiel bestimmte Tricks, um sich auf markante Gesichtszüge zu konzentrieren und Gesichter zu erkennen.

Agnosie ist kein Begriff, über den wir häufig stolpern. Über diesen Zustand ist heute jedoch viel mehr bekannt als jemals zuvor. Dank Fachleuten, die sich der Erforschung und dem Studium der Agnosie verschrieben haben, verfügen wir heute über Ressourcen und Methoden, die das Leben der Betroffenen um einiges einfacher machen und ihnen so ein Stück Lebensqualität zurückgeben, auch wenn sie niemals ganz geheilt werden können.

„Manchmal bin ich mir nicht sicher, wohin ich mich wenden soll. Ich verirre mich die ganze Zeit.“

Anne, Betroffene von räumlicher Agnosie