Adipositas – Wie kann ein Psychologe helfen?

· 12. Juli 2018

Adipositas – umgangssprachlich auch Fettleibigkeit genannt – ist eine Kondition, die auf verschiedene genetische, psychologische und Umweltfaktoren zurückzuführen ist. Abgesehen davon, dass es sich um ein ästhetisches Problem handelt, stellt die Weltgesundheitsorganisation fest, dass Adipositas gefährliche Folgen für die Gesundheit hat. Einige der häufigsten Komplikationen der Fettleibigkeit sind: Herz-Kreislauf-Probleme, Bewegungsstörungen und Leber-, Gallenblasen-, Darm- und Nierenkrebs.

In den letzten Jahren hat die Psychologie in der Behandlung von Adipositas an Bedeutung gewonnen. Psychologen erarbeiten mit übergewichtigen und adipösen Menschen eine Reihe von spezifischen Techniken, die helfen sollen, Gewicht zu verlieren oder das Gewicht nach einem chirurgischen Eingriff zu halten.

In diesem Artikel werden wir verschiedene Faktoren betrachten, welche von Experten mit einer übermäßigen Gewichtszunahme in Verbindung gebracht werden. Wir werden uns dabei besonders auf psychologische Faktoren konzentrieren. Auch die Bedeutung und einer Psychotherapie rücken wir in den Fokus unserer Betrachtung.

Welche Faktoren spielen bei der Entstehung der Adipositas eine Rolle?

Adipositas ist eine multifaktorielle Erkrankung. Verschiedene Ursachen tragen zu ihrem Auftreten und Fortbestehen bei.

Genetische Faktoren

Die Debatte über eine genetische Prädisposition zur Adipositas ist nicht abgeschlossen. Was wir heute wissen, ist, dass die Anzahl der Fälle einer rein genetisch bedingten Adipositas sehr gering ist. Richtig ist, dass es genetische Syndrome gibt, die Übergewicht oder Adipositas als Symptom einschließen. Jedoch haben mehr als 90 % der Adipositaspatienten keines dieser Syndrome.

Eine andere häufig geäußerte These ist, dass Schilddrüsenerkrankungen und andere hormonelle Imbalancen Adipositas verursachen. Die meisten Menschen versuchen, ihre beginnende Gewichtszunahme mit endokrinen oder metabolischen Krankheiten zu begründen. Diese Vermutungen halten jedoch in den allermeisten Fällen nicht lange stand.

Arzt misst den Bauchumfang eines Patienten

Während also Forscher bestimmte Gene in einen Zusammenhang mit einer Neigung zur Adipositas bringen, sind diese lediglich in wenigen Fällen für das Übergewicht verantwortlich. Viele Betroffene schreiben ihre Adipositas von vornherein einer genetischen Veranlagung zu, da ihre Eltern und Familienmitglieder ebenfalls übergewichtig sind. Dies ist jedoch eher auf ähnliche Lebensumstände und Umgebungen zurückzuführen, als auf eine genetische Prädisposition. Es werden gleiche Essgewohnheiten und generelle Einstellungen zu Essen und Körper gepflegt. Es sind vielmehr diese Faktoren, die dafür Sorge tragen, dass Adipositas „in der Familie liegt“, und eben nicht die Gene.

„Ein gesunder Körper ist ein Gästezimmer für die Seele; ein kranker ist ein Gefängnis.“

Sr. Francis Bacon

Psychologische Faktoren

Emotionen sind die psychologischen Elemente, die laut Experten am deutlichsten mit Adipositas in Verbindung gebracht werden können. Der emotionale Zustand einer Person wirkt sich direkt auf ihren Appetit aus. Emotionen beeinflussen das Verhalten vor, während und nach den Mahlzeiten und auch die Präferenzen bei der Auswahl der Nahrung.

Kurz gesagt: Emotionen beeinflussen unseren Appetit. Wie weit dieser Einfluss reicht, ist jedoch von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Ein Gefühl, wie beispielsweise Traurigkeit oder Glück, kann deinen Appetit entweder verstärken oder verringern. Der Effekt ist individuell. Es gibt Menschen, die mehr essen, wenn sie traurig sind, und andere, die in solchen Fällen weniger zu sich nehmen.

Dazu kommt, dass Emotionen indirekt dazu führen, bestimmte Arten von Nahrungsmitteln in gegebenen Situationen zu essen. Stress bei der Arbeit führt zum Beispiel dazu, weniger zu essen. Der Nachteil ist allerdings, dass die kleine Menge, die du dann zu dir nimmst, häufig industriell verarbeitet und kalorienreich ist. Wenn du dich gut und ausgelassen fühlst, isst du häufig mehr. Dafür aber auch langsamer und bewusster.

Es gibt zudem viele adipöse Menschen, die essen, um ihre Emotionen in den Griff zu bekommen. Wenn sie frustriert oder gelangweilt sind, greifen sie zu etwas Essbarem. Nahrung macht sie für den Moment glücklich und bietet vorübergehende Erleichterung. Dieser Zyklus sorgt jedoch dafür, dass sie sich auf Essen als Stimmungsaufheller verlassen. In vielen Fällen verspüren sie im Anschluss an die Nahrungsaufnahme Schuldgefühle und Reue. Ein Teufelskreis entsteht.

Eine Frau kann sich nicht entscheiden, ob sie lieber den Apfel oder den Burger essen soll

In den letzten Jahren ist die Idee der „Fresssucht“ populär geworden. Die wissenschaftliche und psychologische Gesellschaft hat jedoch keine einheitliche Meinung zu diesem Thema. Es ist durchaus umstritten. Das liegt daran, dass verschiedene Studien zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen gekommen sind. Einige befürworten die Hypothese, dass es eine Abhängigkeit gebe, andere verneinen sie.

Es ist interessant, festzustellen, dass Essen und der Akt des Essens selbst, Belohnungsmechanismen im Gehirn aktivieren. Dies sind die gleichen Mechanismen, die durch psychoaktive Substanzen wie Alkohol, andere Drogen und Glücksspiel aktiviert werden. In diesem Sinne könnte man sagen, dass tatsächlich eine „Fresssucht“ bestehe, weil bestimmte Nahrungsmittel potente positive Verstärker sind.

Eine der wichtigsten psychologischen Variablen ist die Gewohnheit. Wir nennen sie auch Lebensstil. Alle Verhaltensweisen im Zusammenhang mit Tagesablauf, Ernährung und Essgewohnheiten sind Variablen, die Menschen anfällig für Übergewicht machen können. Derartige Gewohnheiten sind auch der Hauptgrund dafür, dass nach chirurgischen Eingriffen oder einer erfolgreichen Diät wieder zugenommen wird.

Darüber hinaus gibt es verschiedene Angewohnheiten, die das Risiko von Übergewicht und Adipositas erhöhen. Am häufigsten sind ein Mangel an körperlicher Bewegung und unbewusste Nahrungsaufnahme, der Griff zu ungesunden Nahrungsmitteln in Momenten schlechter Stimmung, essen, während die Aufmerksamkeit anderswo liegt, und lange Hungerzeiten. Aus all diesen Gründen ist es wichtig, unsere Kinder schon in jungen Jahren über gesunde Essgewohnheiten aufzuklären. Dieses Wissen kann sie vor späterer Adipositas schützen.

Nervöse Frau sitzt am Tisch voller Essen

Umweltfaktoren

Umweltfaktoren gehören zu den wichtigsten Variablen, die unser Essverhalten beeinflussen. Das liegt ganz einfach daran, dass äußere Reize ein wichtiger Teil der Ernährung sind, auch wenn das zunächst eigenartig klingt. Als Beispiel lässt sich hier die Umgebung nennen, in der du dich beim Essen befindest. Denke nur daran, was passiert, wenn du mit anderen Menschen zusammen isst. Neigst du dann nicht auch dazu, mehr zu essen?

Dein Job und deine Routine beeinflussen ebenfalls deine Essgewohnheiten. Menschen, die in Schichten arbeiten, leiden häufiger an Essstörungen oder Gewichtsproblemen wie Anorexie, Bulimie oder Adipositas. Ständige Änderungen in deinem Arbeitsrhythmus und Arbeiten in der Nacht können zu Schlafstörungen und Alterationen deines zirkadianen Rhythmus, deiner inneren Uhr, führen. Das macht es schwerer, zu schlafen, und bereitet schlechte Laune. In dieser Situation ist es gut möglich, dass du dich dem Essen zuwendest, um deine emotionale Verfassung zu regulieren, sei es durch übermäßigen oder verminderten Konsum.

Psychotherapie bei Adipositas

Die Psychotherapie bei Adipositas ist ein wesentlicher Bestandteil der Behandlung. Sie unterstützt bei Diäten und nach chirurgischen Eingriffen, damit der Erfolg von Dauer ist. Der Psychologe wird die Essgewohnheiten, den Kontext und die Faktoren, welche die Essgewohnheiten beeinflussen, untersuchen und bewerten. Dann schlägt er eine individuell abgestimmte psychologische Behandlung vor.

Der Psychologe ist spezialisiert auf Verhalten, Emotionen und Gedanken. Deshalb sind Psychologen gut geeignet, um dir zu helfen, ungesunde Angewohnheiten abzulegen. Sie können dir auch dabei helfen, deine Emotionen zu regulieren, was deinem Selbstwertgefühl zugutekommt.

Jede Art von Behandlung der Adipositas ist ohne psychologische Begleitung zum Scheitern verurteilt. Wenn du nur das Gewichtsproblem in Angriff nimmst, kannst du einige Pfunde verlieren. Das kann sehr ermutigend sein, dir Kraft geben und dein Selbstwertgefühl steigern. Langfristig löst es jedoch nicht die Ursache des Problems. Die Therapie muss eben auch die emotionale Bedeutung des Essens im Leben des Patienten und seine ungesunden Essgewohnheiten berücksichtigen.

„Gesundheit und Glück ergeben einander.“

Joseph Addison

Psychotherapie bei Adipositas - eine Psychologin im Gespräch mit ihrer Patientin

Du musst deine Gewohnheiten ändern und lernen, mit Stress und Emotionen umzugehen. Wenn du das nicht machst, werden ungesunde Angewohnheiten sich erneut den Weg an die Oberfläche bahnen. Deine Beziehung zum Essen wird sich nicht verändern, sondern du wirst einfach nur etwas Gewicht verlieren. Wenn du nur abnimmst, aber deinen Lebensstil bzw. deine Beziehung zum Essen nicht änderst, wirst du garantiert schnell wieder zunehmen.

Aus diesem Grund ist es wichtig, Adipositas als ein Problem zu verstehen, bei dem psychologische Faktoren eine wichtige Rolle spielen. Wenn wir Adipositas als mehr betrachten als nur als Gewichtsproblem, dann können wir die Lebensqualität Betroffener verbessern. Gleichzeitig müssen wir Menschen mit Übergewicht motivieren, psychologische Praxen aufzusuchen.