Adelphopoiesis: Eine Schwurbruderschaft

24. Februar 2019

In unserer heutigen Gesellschaft kann die gleichgeschlechtliche Ehe vollzogen werden. Aber schon in der Geschichte gab es Formen von künstlichen Verwandtschaftsverhältnissen, die auch gleichgeschlechtliche Paare einbezogen. Eines dieser Beispiele ist Adelphopoiesis, ein Begriff, der so viel wie „Verbrüderung“ oder „Verschwesterung“ bedeutet.

Geschichtlich gesehen gibt es viele Formen der gleichgeschlechtlichen Beziehungen. Vielleicht am bekanntesten ist dabei die Praxis der Päderastie im antiken Griechenland, wo Lehrer und Schüler miteinander ein Liebesverhältnis pflegten. Es gab aber auch andere Länder und andere Zeiten, in denen gleichgeschlechtliche Paare sozial akzeptiert wurden.

G.K. Chesterton sagte einmal: „Architekten wissen alles über den romantischen Stil, außer wie man ihn baut.“ So gab es in seinen Zeiten anscheinend „Architekten“, die in der Lage waren, intime und romantische Beziehungen zwischen Menschen des gleichen Geschlechts aufzubauen.

Bedeutet das, dass Homosexualität und gleichgeschlechtliche Beziehungen schon immer akzeptiert wurden? Natürlich nicht. Obwohl wir über Adelphopoiesis und ähnliche Praxen im alten Rom oder im chinesischen Kaiserreich Bescheid wissen, wurde Homosexualität nie als „konventionell“ eingestuft.

Ein mittelalterliches Bild, das zwei Heilige zeigt

Was ist Adelphopoiesis ?

Es ist wichtig, anzumerken, dass das Ziel der Adelphopoiesis nicht darin bestand, zwei Personen auf romantische Weise zusammenzubringen. Dieses Ritual hat jedoch sowohl in religiöser als auch in rechtlicher Hinsicht Beziehungen zwischen zwei Männern (normalerweise) sowie Beziehungen zwischen zwei Frauen (gelegentlich) legitimiert, die auch von der Kirche akzeptiert wurden.

Die Menschen im Mittelalter betrachteten diese Art der Beziehung zwar nicht als eine gleichgeschlechtliche Ehe, aber als eine Art der geistigen Verwandtschaft. Das heißt, dass beide Parteien dazu aufgefordert waren, sich umeinander zu kümmern. Aufgrund dieses Verwandtschaftsverhältnisses sollten die Partner sich ihr Leben, Waren, Aufgaben und sogar ihre Familien teilen. Wenn eine der Parteien starb, versprach die andere Hälfte dieses Bundes, sich um die Hinterbliebenen des Verstorbenen zu kümmern.

Wie bei konventionellen Hochzeiten versprachen beide Menschen, einander bis zu ihrem Tod treu zu sein. Diese Praxis erlaubte es den Partnern, fast alles zu teilen – sie konnten sogar zusammen begraben werden -, allerdings war die romantische Liebe hiervon ausgenommen.

Aus diesem Grund wurde die Adelphopoiesis nicht als eine romantische Vereinigung, sondern als eine Art rechtliche Partnerschaft gesehen. Und obwohl die Sexualität dabei offiziell keine Rolle spielte, wurde sie doch implizit akzeptiert. Für Menschen im Mittelalter bedeutete das, dass sie eine „vollständig legitime“ Partnerschaft zu einem gleichgeschlechtlichen Menschen haben konnten.

Eine sehr alte Praxis

Obwohl die Adelphopoiesis keine sehr verbreitete Praxis war, war sie lange Zeit sozial und rechtlich akzeptiert. Auch die mittelalterliche Kirche übte Akzeptanz gegenüber diesen Beziehungen. Allerdings begriff die Kirche diese Liebe mehr als eine brüderliche Liebe. Eines der Gebete, das während der Verbrüderungszeremonie gesprochen wurde, lautete wie folgt:

Unser allmächtiger Gott, […] sende deinen heiligen Engel auf diese deine Diener [Name] und [Name], dass sie einander lieben mögen, so wie deine heiligen Apostel Petrus und Paulus einander geliebt haben […]  nicht durch fleischliche Liebe, sondern durch den Glauben und die Liebe des Heiligen Geistes, dass sie alle Tage ihres Lebens in dieser Liebe verweilen.

Wissenschaftler können leider nicht genau sagen, wann von dieser Praxis abgesehen wurde. Einige Autoren glauben, dass diese Praxis verboten wurde, weil gleichgeschlechtliche Liebe leider schon immer mit einem gesellschaftlichen Tabu belegt war.

Ein Bild aus einem mittelalterlichen Dokument, das zeigt, wie sich zwei Männer umarmen

Zusammenfassend sei noch einmal erwähnt, dass es grundsätzlich völlig legal und akzeptiert war, dass zwei Personen des gleichen Geschlechts zusammenkamen, um ihr Leben und ihre Lasten zu teilen. Allerdings nur, solange sie nicht offen eine erotische Form der Liebe praktizierten. Es ist jedoch ziemlich offensichtlich, dass diese Partner auch ihre Sexualität miteinander erkundeten.

Manchmal wird die Adelphopoiesis als ein historischer Vorläufer der gleichgeschlechtlichen Ehe betrachtet. Es gibt Historiker wie John Boswell, die behaupten, dass die Kirche Homosexualität bis zum 13. Jahrhundert akzeptiert habe. Seine These beschreibt er im Buch Same-Sex Unions in Premodern Europe (zu Deutsch: Gleichgeschlechtliche Verbindungen im vormodernen Europa,  noch nicht auf Deutsch verfügbar), auf das sich heute noch Wissenschaftler berufen. Das Buch ist sehr zu empfehlen!