3 Lektionen aus dem Mythos des Narrenschiffs

16. Dezember 2018

Der Mythos des Narrenschiffs wurde erstmals im Jahr 1486, zu Beginn der Renaissance, erwähnt. Ein Mann namens Sebastian Brandt schrieb ein langes Gedicht mit dem Titel Das Narrenschiff  oder, auf Latein, Stultifera Navis. Darin spricht er von einer Reise, die 111 Verrückte zu einem Ort namens „Narrangania“ oder „Locagonia“ unternommen haben.

Der Mythos vom Narrenschiff

Jerónimo de Bosh, El Bosco, schuf ein Gemälde, das er ebenfalls Das Narrenschiff  nannte. Darin hat er die Pilgerfahrt einer Gruppe von Männern und Frauen porträtiert, die offensichtlich nicht bei klarem Verstand sind. Sie reisen auf dem Seeweg zu einem unbekannten Ziel.

Und das ist die Essenz des Mythos des Narrenschiffs: Diejenigen, deren Gedanken nicht der kollektiven Vernunft entsprechen, sollten über Bord geworfen werden. Daher sind sie für ein Leben als Nomaden bestimmt, ohne Staat, ohne Heimat … nur endlose Mäander.

„Wahnsinn kann in der Wildnis nicht gefunden werden. Wahnsinn existiert nur in einer Gesellschaft. Er existiert nicht außerhalb der Formen der Empfindlichkeit, die ihn isolieren, und der Formen der Abstoßung, die ihn ausschließen oder einfangen.“

Michel Foucault

In seinem Buch Wahnsinn und Gesellschaft: Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft  verweist Michel Foucault auf den Mythos des Narrenschiffs. Er deutet darauf hin, dass diese Geschichte sich wirklich hätte ereignen können. Es gibt Dokumente aus dem Mittelalter, in denen Schiffe erwähnt werden, deren Ladung „Narren“ waren. Diesen Berichten zufolge durften sie in keinem Hafen anlegen.

Der Mythos des Narrenschiffs ist in seinem Wesen die Konstruktion des Konzepts des Wahnsinns, die Reaktion der Gesellschaft darauf und die Behandlung, die erfolgen sollte. In dieser Hinsicht gibt es mehrere Dinge, die wir aus diesem Mythos lernen können:

1. Die Gesellschaft toleriert keinen Wahnsinn

Die alten Griechen waren eines der ersten Völker, die untersuchten und verstehen wollten, was im Kopf geschah. Wahnsinn galt damals als dämonischer Zustand. Hippokrates führte ihn jedoch auf ein Ungleichgewicht der Körperflüssigkeiten zurück, das mit einer angemessenen Ernährung behandelt werden sollte. Ähnliche Schlüsse wurden später in Rom gezogen.

Kupferstich zeigt Irrenhaus

Im Mittelalter wurde der Wahnsinn als übernatürlich angesehen. Man sprach dabei nicht vom Wahnsinn als solchem, sondern von Besessenheit. Die „Standardtherapie“ für diejenigen, die in diesen Zeiten an psychischen Störungen litten, war Ausgrenzung und Segregation.

Bis heute toleriert die Gesellschaft diejenigen, der von der durchschnittlichen Vernunft entfernt zu sein scheinen, nur wenig. In diesem Zusammenhang weist Foucault darauf hin, dass sie eine Bedrohung für die etablierte Ordnung darstellen, was zu Angst und schließlich zur Isolation führe, um das „Gemeinwohl“ zu „schützen“.

2. Gewalt gegen Betroffene

Im Gegensatz zu anderen Patienten hat niemand Mitleid mit Verrückten. Sie werden regelrecht verachtet. Obwohl psychische Störungen im Gegensatz zu Lepra oder Tuberkulose nicht ansteckend sind, lösen sie bei anderen eine tiefe Ablehnung aus. Diese Ablehnung hat oft zu brutaler Gewalt gegen Betroffene geführt.

Der Mythos des Narrenschiffs stellt eine intolerante und grausame Art dar, psychische Erkrankungen anzugehen. Die Ausgrenzung ist aber noch eine der „weniger radikalen“ Methoden, um mit dem Wahnsinn umzugehen. Es gibt andere Praktiken, die viel brutaler sind. So folterte man beispielsweise unzählige Menschen, die an psychischen Störungen litten, zu Tode.

Im Mittelalter wurden die „Narren“ verbrannt, geschlagen und wie Tiere behandelt. Man glaubte, dass es einen „Stein des Wahnsinns“ gäbe und dass er im Gehirn entstünde. Viele Betroffene wurden deshalb verstümmelt. In der Neuzeit wurde die Idee, dass verrückte Menschen eingesperrt werden mussten, immer populärer und man schickte „Narren“ nicht mehr auf eine Wanderung, wie im Mythos des Narrenschiffs, sondern in Irrenhäuser.

Stuhl in leerem Raum

3. Der Begriff des Wahnsinns ist unklar und ungenau

Eine eindeutige Definition des Wahnsinns existiert bis heute nicht. Im Mittelalter und in der Neuzeit wurde jeder, der von der Norm abwich oder den man schlicht aus dem Weg räumen wollte, als wahnsinnig bezeichnet. Dazu gehörten Menschen mit besonderen kognitiven Fähigkeiten, Rebellen, Prostituierte und viele andere, die nicht angepasst waren.

Vielleicht denkst du nun, dass wir das Glück haben, in einer fortschrittlichen Zeit zu leben. Allerdings ist der Fortschritt in Bezug auf die Toleranz gegenüber psychischen Leiden nicht allerorts deutlich spürbar. Wir leben in einer Gesellschaft, die nur kollektive Illusionen akzeptiert. Zum Beispiel den Glauben, dass Geschlecht, Augen- oder Haarfarbe, Konfession oder was auch immer uns überlegen mache. Es gibt zahlreiche Regionen – einschließlich unserer Heimat -, in denen bestimmte Gruppen annehmen, dass sie besser wären als andere, weil sie sich durch diese oder jene Charakteristika auszeichnen. Das gilt nicht als Wahnsinn. Andererseits, wenn ein Individuum etwas anders macht, wird es als verrückt angesehen.

Psychische Erkrankungen gehen weiterhin mit Grausamkeiten einher. Die Menschen wenden auch die „Therapie“ der Ausgrenzung noch an, um mit der Situation umzugehen. Wie im Mythos des Narrenschiffs überlassen auch wir viele Menschen mit psychischen Störungen ihrem eigenen Schicksal. Sie sind auf den Straßen der Städte der Welt zu sehen. Ohne sicheren Hafen.

Sie kommen und gehen durch die Korridore von psychiatrischen Einrichtungen, die nicht immer in der Lage sind, ihnen zu helfen und sie zu ermutigen. Trennung, Geheimhaltung und Dissimulation sind die Art und Weise, wie Betroffene mit ihren Erkrankungen umgehen, als wären sie eine Realität, die sie ausblenden könnten, wenn sie sie unter den Teppich kehren. In Anbetracht der Reaktion, die sie seitens der Gesellschaft erwartet, können wir ihnen das nicht verdenken.