Wodurch wird unser Wahlverhalten beeinflusst? – Ein Blick nach Spanien

· 24. Juli 2018

Das politische System von Spanien ist weitgehend demokratisch. Die Vertreter im Kongress und im Senat werden durch Volksabstimmung gewählt, nachdem die Kandidaten von den Parteien aufgestellt wurden. Auch hier im eigenen Land unterstützen wir bestimmte Politiker mit unserem Vertrauen und hoffen, dass sie unsere Interessen vertreten werden.

Warum aber bevorzugen wir einen bestimmten Kandidaten? Die einfachste Antwort wäre, dass wir die Person auswählen, bei der wir uns am sichersten sind, dass sie unsere Interessen vertreten wird. Aber wenn wir genauer hinsehen, dann stellen wir fest, dass die Realität viel komplexer ist.

Die Einflüsse auf unser Wahlverhalten wurden in diversen Studien ausführlich untersucht. Diese Arbeiten offenbarten einige interessante Fakten: Es scheint, dass die Identifizierung mit einer bestimmten Partei und Resistenz gegenüber Änderungen des Wahlverhaltens die wichtigsten Kriterien bei der Stimmabgabe seien. Die Ideologie unseres Kandidaten hat hingegen keinen tragenden Einfluss, wenn wir ihre Bedeutung mit der der zuvor genannten Faktoren vergleichen.

Resistenz gegenüber Änderungen des Wahlverhaltens

Oder Stabilität. Wenn eine Person einmal eine Partei wählt, dann wird sie das mit großer Wahrscheinlichkeit auch wieder tun. Ihre Entscheidung hat selbst dann Bestand, wenn die gewählte Partei einmal die politische Richtung wechseln sollte. Während die meisten Wähler konsequent und stabil wählen, gibt es aber auch solche, die sich zu einem gegebenen Zeitpunkt neu orientieren.

Nun, wer aber zeigt sich am resistentesten gegen Aufklärung, neue Informationen und gar Enthüllungen? Wahlforschungen haben ergeben, dass Wähler aus der rechten Ecke ihr Wahlverhalten eher selten ändern.

Wenn wir bei der Trennung der politischen Flügel von rechts und links bleiben, erkennen wir zudem, dass sich die allermeisten Wähler in einem gewissen Spektrum bewegen. Personen, die zuvor also für eine Partei aus dem linken Flügel gestimmt haben, werden dies sehr wahrscheinlich auch wieder tun – selbst wenn sie zu der kleineren Gruppe an Wählern gehören, die die gewählte Partei wechseln. Das gleiche gilt auch für den rechten Parteiflügel.

Drei Hände mit Wahlzetteln über einer Wahlurne

Die Forschungsergebnisse zeigen, dass der Prozess der politischen Sozialisation tatsächlich im Zusammenhang mit der Stabilität der Wählerstimmen steht. Bei diesem Prozess gewinnen Parteien loyale Mitglieder, auch wenn sich die politischen Ziele im Laufe der Zeit verändern.

Die in den Köpfen der Menschen verankerte Position einer Partei ist demnach wichtiger als die Wahlprogramme, die sie während der Wahlperioden betreiben. Der Prozess der politischen Sozialisation umfasst ein wichtiges Konzept, das auch als Parteiidentifikation bekannt ist.

Parteiidentifikation

Die Parteiidentifikation beschreibt eine psychologische Verbindung zwischen einer Person und einer Partei, die ein Gefühl von Gruppenidentität vermittelt. Einheitliche Symbole, Gesang und Gruppenveranstaltungen sind einige Beispiele für die Mittel, die Parteien nutzen können, um einen starken Zusammenhalt zwischen ihren Wählern zu schaffen. Dieses Gefühl, eine Einheit zu sein, überwiegt sogar die ideologischen Unterschiede, die auch innerhalb einer Gruppe immer bestehen.

Aber wie wichtig ist die Identifikation mit einer Partei im Verhältnis zu den eigenen ideologischen Vorstellungen und der damit verbundenen Stimmvergabe? Im Jahr 2009 wurde in Spanien eine Studie durchgeführt, um festzustellen, wie viele Wähler die ideologischen Werte ihrer Partei tatsächlich teilten.

Die Ergebnisse waren ziemlich überraschend:

  • Weniger als 50 % der Wähler der PSOE (Spanische Sozialistische Arbeiterpartei) und der PP (Volkspartei) teilten die Ideologien ihrer Parteien.
  • Nur 61 % der Wähler der IU (Vereinigte Linke) teilten deren Ideen.

Diese Studie zeigt eindeutig, dass ein Großteil der Wähler einer bestimmten Partei deren Werte eben nicht vertritt. Wie ist es überhaupt möglich, sich unter diesen Bedingungen mit einer Partei zu identifizieren?

Verantwortlich dafür sind die intensiven Werbemechanismen, die die Parteien nutzen, um die Zahl der gewonnen Stimmen zu steigern. Sie geben ihren Wählern das Gefühl, zu einer Gruppe dazuzugehören. Und diesem Zugehörigkeitsgefühl wird alles andere untergeordnet. Weil es sich besser kreieren lässt, wenn ein gemeinsames Feindbild geschaffen wird, wird auch das toleriert. Letztendlich garantiert diese Methode, die Wähler auch für die Zukunft gewinnen zu können – wie wir im Absatz zur Resistenz gegenüber Änderungen des Wahlverhaltens gesehen haben.

Es ist unsere bürgerliche Pflicht zu wählen

Die genannte Studie weist auf ein politisches Umfeld hin, in der Parteien die Wähler gezielt ansprechen und ihnen ein Gefühl der Zugehörigkeit vermitteln. Und dieses ist eher mit der Stimmung in einer Fußballmannschaft vergleichbar als mit einer politischen Verbindung. Es führt schließlich zu einem Kongress, der seine Wählerschaft nicht wirklich repräsentiert. Und daher wird die Politik auch nicht im besten Interesse der Wähler gestaltet.

Ein junger Mann hält einen gefalteten Zettel in seinen Händen.

Politische Bildung ist sicherlich eine der besten Möglichkeiten, diese Situation langfristig zu ändern. Wir sollten alle lernen, Politik und Gesetze zu verstehen und Manipulation zu verhindern. Dann würden wir in Zukunft kritischer und überlegter wählen. Wir wären ermutigt, um Aufklärung zu bitten, wenn die gewählten Vertreter ihre Wahlversprechen nicht einhalten.

Während politische Maßnahmen selten zu einer sofortigen Änderung führen, sind sie dennoch wichtig, da sie den politischen Trend eines Landes in eine bestimme Richtung lenken. Es hat Jahrhunderte gedauert und viel Blut wurde vergossen, bis die erste Demokratie und das allgemeine Wahlrecht eingeführt wurden. Damit dieses System weiterhin ordentlich funktioniert, sollte sich jeder Bürger aktiv und mit Bedacht beteiligen. Du, ich und alle anderen, die das Recht zu wählen haben.