Wir: ein Film zum Lachen und Schreien

8. September 2019
Wir wollen versuchen, nicht zu viele Details über "Wir", den neuesten Film von Jordan Peele, zu verraten. Mit bisher nur zwei Filmen hat sich dieser Regisseur bereits einen Namen als Meister gemacht, der es gekonnt versteht, Horror, Komödie und gesellschaftspolitische Themen zu kombinieren. Erfahre mehr über einen der interessantesten Filme dieses Jahres!

Wir (Originaltitel Us) ist Jordan Peeles neueste cineastische Perversion, wobei der Begriff Perversion hier nicht wörtlich zu verstehen ist. Vielmehr ist damit gemeint, dass es ein kritischer Film ist, der sich von den etablierten Normen stark unterscheidet. Dieser Film vereint Komödie mit Horror. Phasenweise ist er sehr absurd und oftmals genial.

Zusammenfassend handelt er von einem satirischen, karnevalistischen Massaker, das letztendlich eine profunde Kritik am Kapitalismus und unserer heutigen Welt darstellt.

Die Kraft der Kinematographie, der Einsatz von Doppelgängern, der Humor in entscheidenden Momenten und der gekonnte Einsatz von Metaphern, die Teil einer politischen Metapher sind, die du zuerst gar nicht als solche erkennen wirst… Dies sind nur einige der faszinierenden Aspekte dieses Films.

In seinem ersten Film, Get Out, hat Jordan Peele den Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft thematisiert. Im Gegensatz hierzu wird bei Wir niemand verschont und seine Vision ist wesentlich umfassender.

Eine amerikanische Familie mit einer Mutter, die eine sehr traumatische Vergangenheit hat, erlebt einige sehr merkwürdige Dinge. Der gesamte Film spielt in nur einer einzigen Nacht. Die Hauptpersonen entdecken eine seltsame Familie an der Tür ihres Ferienhauses. Diese Familie ist ein Spiegelbild ihrer selbst. Allerdings sehen diese Menschen nur so aus wie sie, kommen aber nicht wirklich in Frieden.

Der Originaltitel Us kann zudem als Wortspiel mit den Vereinigten Staaten (United States) verstanden werden. Das wird besonders in einem sehr entscheidenden Moment des Filmes deutlich, als die Doppelgängerin der Mutter sagt: „Wir sind Amerikaner„. Ja, sie sind Amerikaner, genau wie die Hauptdarsteller auch. Allerdings sind sie auch der Preis, den die Amerikaner für ihren amerikanischen Traum bezahlen müssen.

Wir: Das Konzept des Doppelgängers

Das Konzept des Doppelgängers ist eines der am häufigsten behandelten Motive in der künstlerischen Welt, besonders in der Literatur. Es weist eine starke Verbindung zum Konzept der Dualität auf. Außerdem wird hiermit die Dunkelheit und das Böse assoziiert.

Im Laufe der Jahre hat sich die inhaltliche Bedeutung dieses Begriffes häufig verändert. Was Dostojewski in Der Doppelgänger meint, ist nicht vergleichbar mit dem, was Stevenson in Dr. Jekyll und Mr. Hyde damit verbindet.

Außerdem kann ein Doppelgänger in verschiedenen Formen auftreten, von denen manche vage sind und andere sehr viel expliziter. Er kann in Spiegeln, Reflexionen, Schatten oder in Form eines bösen Zwillings auftreten. Denke beispielsweise an die Geschichte von Narziss. Seine Erfahrung, als er sich beim Blick ins Wasser in sein eigenes Spiegelbild verliebte, ist eines der ersten Beispiele für dieses Thema.

Mischung aus Tradition und Moderne

Jordan Peele bewegt sich einerseits sehr stark in dieser Tradition, erfindet sie aber dennoch neu und passt sie an unsere heutige Zeit an. Den ersten Hinweis auf die Thematik „der Doppelgänger“ gibt die Szene, in der sich die Hauptcharaktere im Spiegelsaal befinden. Er ist einer dieser verwirrenden Orte, der die Realität verzerrt, wodurch sich aber dennoch nichts verändert.

Während sich ein kleines Mädchen im Spiegelsaal befindet, sieht sie ihre Doppelgängerin, allerdings nicht als Spiegelung. Sie sieht ein Mädchen, das genauso ist wie sie selbst. Allerdings sieht sie ihr eigenes Inneres.

Sind diese Doppelgänger böse? Diese Frage ergründet Peele im Film Wir und dafür gibt es zahlreiche Hinweise. Sie zeigen sehr gut auf, dass in diesem Film nichts so ist, wie es erscheint. Außerdem gibt es auch keine Zufälle. Die Dualität ist während des gesamten Films allgegenwärtig. Es geht um eine „reale“ Welt, die einer Kopie oder Parodie ihrer selbst gegenübergestellt wird.

Aber nicht nur der sehr gekonnte Einsatz von Tradition und Doppelgängern macht diesen Film so bemerkenswert. Der Regisseur nutzt auch zahlreiche Metaphern. Peele setzt sie als eine Art moderner „William Wilson“ ein. Auch hier werden die Charaktere schließlich dazu veranlasst, sich selber zu schaden und zu verletzen.

Ein Spiel mit Metaphern

Was bedeutet das Zeichen, das sie fortlaufend sehen und auf dem nur „Jeremia 11:11“ zu lesen ist? Du wirst wenig erstaunt darüber sein, dass diese Bibelstelle folgendermaßen lautet: „Darum siehe, ich will ein Unglück über sie gehen lassen, dem sie nicht sollen entgehen können; und wenn sie zu mir schreien, will ich sie nicht hören.

Im Film gibt es keine Götter, die über uns richten, es gibt nur Menschen, die versucht haben, Götter zu sein. Dieser Film enthält eine sehr erschreckende Wahrheit und Kernbotschaft und es gibt nur wenig Hoffnung für die Hauptcharaktere. Diese Bibelstelle ist wie eine Zusammenfassung all dessen, was du sehen wirst. Die verborgene Wahrheit dahinter wirst du allerdings erst am Ende erfahren.

An manchen Stellen könnte man fast meinen, dass Wir eine gruselige Version von Alice im Wunderland ist. Außer, dass in diesem Film niemand in ein Kaninchenloch fällt oder durch einen Spiegel geht (obwohl das in gewisser Weise sogar passiert), enthüllt auch dieser Film eine grauenvolle Wahrheit.

Wenn du darüber nachdenkst, dann wirst du sicherlich die besondere Bedeutung darin erkennen, dass auch in Wir Kaninchen zu sehen sind. Sie sind ein Querverweis auf die fantastische und unterirdische Welt bei Alice im Wunderland, die in Wir zu einer Parodie der realen Welt wird.

Darüber hinaus gibt es auch eine Anspielung auf die jüngere Vergangenheit. In den 1980er Jahren gab es eine Kampagne in den Vereinigten Staaten, die sich Hands Across America (Hände über Amerika) nannte. Ihr Ziel war es, eine Kette aus Händen über ganz Amerika zu bilden, um Geld für bedürftige Menschen zu sammeln.

Allerdings war diese Kampagne ein großer Misserfolg und die meisten Menschen blieben lieber zuhause vor ihren Fernsehgeräten sitzen. Genau diese Kampagne wird auch im Film Wir gezeigt. Hier ist sie jedoch keine friedliche Aktion, sondern ein Blutbad.

Wir: Eine Mischung aus gesellschaftspolitischen Themen, Satire und Horror

Dieser Film passt perfekt in das Horrorgenre und setzt dabei das altbekannte Thema des Doppelgängers ein, um dadurch eine harte Kritik am Kapitalismus zu üben. Peele verleiht dem Film große Schnelligkeit und versteht es sehr gut, unseren Blick zu lenken. Dadurch entfernt sich der Film gleichzeitig, wenn auch nur in einigen Szenen, von diesem Genre.

Er ist wie ein Dirigent, der sehr genau weiß, wann er die Trommel schlagen lassen muss, nämlich im intensivsten und dramatischsten Moment. Außerdem versteht er es, die entscheidendsten Momenten durch den größten Lärm abzudämpfen. Trotz all des Horrors findet auch der Humor Platz in diesem Film.

Durch diesen Humor können wir uns vom Horror erholen, wir können durchatmen und unsere Angst ein wenig lindern. Allerdings wird diese Pause nur sehr kurz sein. Daher ist dieser Film sowohl für Horrorfans als auch für all diejenigen geeignet, die nicht ganz so nervenstark sind.

Wir - Familie

Wenn du häufiger Horrorfilme siehst, dann wirst du vermutlich nicht leicht zu ängstigen sein. Aber sei versichert, Wir wird dich garantiert zum Zittern bringen.

Allerdings ist dieser Film dennoch außergewöhnlich, denn in den Momenten, in denen du wirklich zutiefst verängstigt bist, kommt ein humorvoller Moment und deine Anspannung wird sich in Lachen auflösen. Gleichzeitig verbergen sich aber genau in diesen humorvollen Momenten starke politische Aussagen. Diese versteckten Botschaften sind ein wichtiger Bestandteil dieses Filmes.

Kritik am Rassismus

Genau wie schon in seinem Film Get Out, übt Peele auch in Wir Kritik am Rassismus. Daher ist es natürlich kein Zufall, dass er den Film mit farbigen Darstellern besetzt hat. Wenn überhaupt, dann ist dies ein Akt der Rebellion.

Es ist unmöglich zu leugnen, dass das Filmgeschäft sehr lange von weißen Menschen beherrscht wurde. Daher setzt sich Peele für die Menschen ein, die von dieser Welt so lange Zeit ausgegrenzt wurden. Er stellt sie einer wohlhabenden weißen Familie gegenüber und weist so darauf hin, dass es auch heute noch sehr viel Ungleichheit gibt.

Weiße Menschen neigen oft dazu, von allem, was nicht weiß ist, zutiefst fasziniert zu sein. Obwohl wir glauben, dass dies nur ein unschuldiges Interesse am Exotischen ist, dürfen wir nicht vergessen, dass es eine sehr dunkle rassistische Vergangenheit gibt, die wir keinesfalls ignorieren und vergessen dürfen.

Aber der Film Wir endet nicht an diesem Punkt. Denn das würde bedeuten, dass er nur eine Neuauflage von Get Over wäre. Peele wollte mit seinem Film weitergehen. Denn letztendlich ist es in der kapitalistischen Welt völlig unerheblich, welche Hautfarbe du hast, solange du Geld in der Tasche hast, mit dem du Unterhaltungselektronik oder andere materielle Dinge kaufen kannst.

Abschließende Gedanken

Die Kritik an dem in unserer Zeit so verbreiteten Kapitalismus und auch an der Absurdität vieler unserer täglichen Handlungen findet sich im Drehbuch, in der Kinematographie und in jeder Szene dieses Films.

Wir ist daher eine Karikatur der Realität, des Kapitalismus und auch unserer Scheinheiligkeit und Heuchelei gegenüber den Problemen des „Andersseins“. All diese Themen werden in einem Film vereint, der viele Menschen anspricht und dich außerdem durch viel Spannung in seinen Bann ziehen wird. Daraufhin wird er dich im nächsten Moment zum Lachen bringen, bevor wieder neue schreckliche Ereignisse geschehen.

Auf jeden Fall ist Wir einer der besten Filme des Jahres 2019. Er erteilt uns so viele Lektionen über verschiedenste Themen und ist dabei gleichzeitig eine apokalyptische Komödie, die unsere heutige Welt sehr gut widerspiegelt.