Selbstbetrug: Lügen, die das Leben leichter machen

11. Mai 2017 en Psychologie 0 Geteilt

Jeder ist mit Lügen mehr oder weniger vertraut. Manche Menschen sind mutiger und geben zu, wenn sie gelogen haben, während es bei anderen so scheint, als ob sie keine Verantwortung für sie übernehmen wollen.

Aber wer hat sich nicht schon einmal selbst belogen? Vielleicht ist es noch zu früh für dich, um es zu erkennen… Aber lasst uns darüber nachdenken.

Die gewöhnlichste Lüge ist die, mit der man sich selbst belügt; das Belügen andrer ist relativ der Ausnahmefall.

Friedrich Nietzsche

Täuschung als Lebensbegleiter

Täuschung und Lügen sind Teil unseres Lebens. Sogar die Natur nutzt sie als eine Ressource. Denke nur an Viren, die in der Lage sind, das menschliche Immunsystem zu täuschen, um in den Körper zu gelangen, oder den Tanz der Verwirrung und Lügen zwischen Raubtier und Opfer, in dem jeder der beiden versucht, sein Überleben zu sichern. Aber was ist mit uns Menschen?

Neben Lügen, die als gute Absichten getarnt werden, um etwas Bestimmtes zu erreichen, gibt es auch eine Form von Lüge, die uns eine Zeit lang oder sogar ein ganzes Leben lang auf den Beinen hält. Derartige Lügen werden ins Leben gerufen, um vor der Realität zu flüchten und suchen Zuflucht in unserem Unterbewusstsein.

Dostoyevsky schrieb in seiner Novelle Aufzeichnungen aus dem Untergrund:

Jeder Mensch verfügt über Erinnerungen, die er nicht jedem, sondern nur Freunden erzählen würde. Er hat weitere Angelegenheiten im Kopf, die er nicht einmal seinen Freunden, sondern nur sich selbst offenbart, und das heimlich. Aber es gibt andere Dinge, die ein Mensch sich nicht einmal vor sich selbst zuzugeben traut, und jeder anständige Mensch hat eine Reihe solcher Dinge verschlossen in seinem Geiste. Je anständiger der Mensch, desto größer die Anzahl solcher Dinge in seinem Geist.

Niemand ist frei von Selbsttäuschung

Sprache und Bewusstsein sind bei der Selbsttäuschung wichtig. Auch wenn die Realität so bleibt, wie sie ist, sollten wir nicht vergessen, dass jeder seine eigene Realität konstruiert. Wir beschreiben und vermitteln uns unsere Realität gerade durch Sprache. Die Realität ist ein Spiegelbild dessen, wie wir sie erzählen.

Wenn wir bedenken, dass wir mit Leichtigkeit fähig sind, uns ein verfälschtes Bild über so gut wie jeden Aspekt des Lebens zu machen, wer kann sich dann schon von seinen eigenen Annahmen und Konfabulationen befreien?

Wir werden Opfer der Selbsttäuschung, damit wir durch das tägliche Leben kommen.

Lügen, um der Realität zu entfliehen

Es gibt ein ganzes Gerüst aus Lügen, dass uns in Gange hält, aber es gibt auch Zeiten, zu denen uns die Hände in einer bestimmten Situation gebunden sind, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Diese sind der Grund, weshalb wir manchmal das Gefühl haben, dass wir nicht vorwärtskommen, egal, was wir tun.

Die Wahrheit hat die Struktur einer Fiktion.

Jacques Lacan

Wenn die brutale Wahrheit zu schwer wiegt oder bedrohlich ist, führt unsere Angst vor dem Leid manchmal dazu, dass wir die Realität vermeiden, ihr keine Aufmerksamkeit schenken und uns selbst betrügen. Und wir füllen diese Lücken automatisch mit Erklärungen, Vorstellungen und Fantasien. Daher stammt das berühmte Sprichwort: „Was die Augen nicht sehen, kann das Herz nicht fühlen.“

Auf diese Art siehst du nicht, was vor sich geht, und es kann dich nicht verletzen, die Gefahr ist gebannt, die Angst vergeht und du kannst weitermachen. Die Fakten sind ignoriert worden und du hast die Bedeutung der Erfahrung verändert. Die Lüge ist da, aber du siehst sie nicht. Sie verbirgt sich hinter Stille, Rechtfertigungen, Verhandlungen mit dir selbst und Glashäusern, die du gebaut hast.

Die Lüge wird durch die Fähigkeit unserer selektiven Aufmerksamkeit, Dinge zu verbergen, zu verändern und schmerzhafte Wahrheiten zu verschleiern, aufrechterhalten und erschafft so einen akzeptablen Deckmantel für uns.

Einen Deckmantel, der uns an Winnicotts falsches Selbst erinnert, bei dem das Lügen schon von klein auf als Teil der natürlichen Entwicklung der menschlichen Identität gesehen wird. Einen Deckmantel, der den Stress und das Leiden vermindert, die durch Erwartungen der Eltern auf den Kindern lasten, wenn sie letztere nicht erfüllen konnten. Sie verleugnen sich selbst, um endlich einen Charakter zu erschaffen, der den Idealen der Eltern entspricht.

Tägliche Selbsttäuschung

Selbsttäuschung wird auch genutzt, um unsere eigenen und die Erwartungen anderer Menschen zu erfüllen. Wir wenden sie auch deshalb an, weil wir nicht sehen wollen, was mit uns geschieht, oder uns nicht so fühlen wollen, wie wir uns fühlen, und dies ist eine Möglichkeit, uns selbst zu rechtfertigen.

Das kommt in romantischen Beziehungen vor, wenn wir nicht vor uns selbst zugeben wollen, dass die Beziehung auseinanderbricht und dass unsere Gefühle nicht mehr die gleichen sind. Wir tun dies auch bei Suchtproblemen, wenn wir behaupten, dass wir sie unter Kontrolle haben. Oder in sozialen und politischen Beziehungen, usw.

Selbsttäuschung ist eine wichtige Verteidigungsstrategie, die wir bei Gefahr nutzen. Sie ist wie eine Rüstung, der uns vor Erfahrungen beschützt, die für uns schwer hinzunehmen sind, eine Charakterpanzerung, wie William Reich es bezeichnete. Sie ist ein Schutzschild, hinter dem man sich verstecken kann, um sich vor seinen eigenen Ängsten zu beschützen, während man sich durch eine manchmal feindselige Welt bewegt.

Die Auswirkungen von Selbsttäuschung

Selbsttäuschung kann die verschiedensten Auswirkungen haben und in manchen Fällen kostspielig sein. Dann zerfällt die Welt der Person in Stücke, weil die Information, die ignoriert wird, sich im Unterbewusstsein wiederfindet und durch bewusste Lügen verkörpert wird.

Wie Daniel Goleman in seinem Buch Der Blinde Fleck  beschreibt, ist der erste Schritt, um aus der Selbsttäuschung zu erwachen, die Feststellung, dass du schläfst. Das bedeutet, dass du die Möglichkeit in Erwägung ziehst, dass du dich in irgendeinem Aspekt deines Lebens vielleicht selbst betrügst, und dann das Netzwerk aus Lügen, dass du erstellt hast, um der Realität zu entfliehen, genau unter die Lupe nimmst.

Wir sind uns meist nicht darüber bewusst, dass wir uns selbst davon abhalten, klar zu sehen, und wir sind uns ebenfalls nicht darüber bewusst, dass wir uns nicht darüber bewusst sind. Die meisten von uns schließen unbewusst einen Pakt mit dem alten arabischen Sprichwort: „Wecke den Sklaven nicht auf, denn er träumt von der Freiheit.“ Aber ein weiser Mann sagte dazu:

Wecke den Sklaven auf! Erst recht, wenn er von der Freiheit träumt. Wecke ihn auf und weise ihn darauf hin, dass er ein Sklave ist; nur wenn er sich dessen bewusst wird, wird er sich befreien können.“

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