Wieso machen wir uns emotional abhängig?

· 21. Oktober 2017

Wir alle sind abhängig. Wir sind es ab dem Moment unserer Geburt. Wir sind es im Mutterleib, bei den ersten Malen, wenn wir weinen, wenn wir fallen und während unserer ersten Erkundungen unbekannter Welten. Wir sind in praktischer und emotionaler Hinsicht abhängig. Wir brauchen es, dass andere etwas für uns tun, oder uns zumindest ein paar Anweisungen geben, damit wir wissen, wie wir etwas zu tun haben. Wir brauchen unsere Mitmenschen auch, weil wir soziale und vor allem emotionale Wesen sind. Sind wir also gezwungenermaßen emotional abhängig, ja Opfer der emotionalen Abhängigkeit?

Es gibt nichts, das in uns so ein Gefühlschaos hervorrufen kann wie ein anderer Mensch. Denke doch nur einmal an deinen ersten Kuss, an ein Wiedersehen, nachdem du viele Jahre von einem Menschen getrennt warst oder, an eine Umarmung, die dich endlich beruhigen konnte. Ein Mensch atmet, ich atme, wir atmen.

Wenn wir unsere Jugend überstanden haben, nachdem wir versucht haben, uns abzunabeln und unabhängig zu werden, fällt uns in der Regel auf, dass die vollkommene Unabhängigkeit unmöglich zu erreichen ist, dass sie nichts weiter als eine Utopie ist, denn unsere Grundbedürfnisse werden nicht zwingend in der Unabhängigkeit erfüllt. Denken wir beispielsweise an Liebe und Zuneigung, an Übereinkünfte und Unstimmigkeiten.

Emotional abhängig - ein Herz, das aus Stacheldraht geformt ist

Emotional abhängig: Tatsache oder Fußfessel?

Wenn die emotionale Abhängigkeit demnach etwas Natürliches ist, warum wird sie dann als menschenfressender Riese dargestellt, den es zu vertreiben gilt? Einerseits weil in der Psychologie stets das soziale Verhalten bedacht wird, welches immer individualistischer wird. Andererseits weil diese Abhängigkeit zu etwas Negativem wird, wenn man sich auf eine Person fixiert, die nicht wir selbst sind. Wenn wir diesem Menschen die Verantwortung übertragen, mit den Launen und Vorlieben des Kindes und Jugendlichen umzugehen, die wir in uns tragen, und wir denken, dass diese andere Person unersetzlich sei.

Schauen wir uns ein einfaches Beispiel an: Anna gestaltet gerade ihr Zuhause neu und möchte dazu ein Möbelstück an einen anderen Platz stellen. Es wiegt zu viel, als dass sie es allein tragen könnte, weshalb sie die Hilfe von jemand anderem benötigt. Sie könnte sich selbst helfen, wenn sie sich eine Art Sackkarren baute, der ihr bei ihrem Vorhaben hilft. Doch das kostet Zeit und ist sicher nicht die beste Lösung für ihr Problem. Die beste Lösung ist es, sich jemanden zu suchen, der stärker ist als sie und ihr hilft. Anna denkt dabei an ihre Kinder, aber dann erinnert sie sich, dass sie nicht da sind, weil sie diese Woche im Urlaub sind. Deshalb bittet sie ihre Neffen um Hilfe und sie sind so nett und tun ihr den Gefallen.

Anna ist also abhängig – in diesem Beispiel praktisch, nicht emotional -, aber sie ist es nicht von ihren Söhnen. Wenn sie nicht da sind, kann sie sich Hilfe bei jemand anderem suchen. Das gilt genauso für jemanden, der emotional abhängig ist.

Gefährlich wird es, wenn wir uns von einer einzigen Person abhängig machen und ihr die Verantwortung für unsere emotionale Verfassung aufbürden. Das ist aus dem Grund gefährlich, weil uns diese Abhängigkeit schwächt und weil sie auf lange Sicht die Beziehung zum anderen zerstört. Doch am Schlimmsten ist, dass wir, bevor diese Beziehung ein Ende findet, uns selbst zerstört haben, weil wir uns vollkommen verzweifelt an jedem Strohhalm festgehalten haben, um diesen Menschen, von dem wir unser Glück abhängig gemacht haben, nicht zu verlieren.

Die vier Stufen der emotionalen Abhängigkeit

Der Weg hin zur emotionalen Zerstörung führt durch die vier Abgründe der emotionalen Abhängigkeit, die wir beginnen, zu durchqueren, wenn sich in uns Verlustangst breitmacht. Eine Angst, die so gut wie immer unbegründet ist und in jedem Fall dazu führt, diese Abhängigkeit noch zu nähren.

„Wenn es mir nicht gelungen ist, mich geliebt und gebraucht zu fühlen, wenn du für mich kein Mitleid empfinden und mich aus Anstand umsorgen wolltest, wenn ich es nicht einmal geschafft habe, dass du mich hasst, dann wirst du jetzt meine Gegenwart bemerken müssen, ob du willst oder nicht, denn ab jetzt werde ich versuchen, dich das Fürchten vor mir zu lehren.“

Trauriges Mädchen neben Blüten und einem Vogel

Die erste Stufe besteht für den abhängigen Menschen darin, zu versuchen, sich für die Person, von der er abhängt, unverzichtbar zu machen. Er will ihr zeigen, welche Bereicherung er für ihr Leben ist, diesen Beitrag für ihr Leben noch vergrößern und ihr immer wieder vor Augen führen: „Wenn ich nicht wäre…“, „Wer würde das sonst für dich tun…“,  oder, „Du kannst dir gern jemand anderen suchen, aber du wirst niemanden finden, der dich so behandelt wie ich.“  Der abhängige Part kann auch das Ziel haben, sich zu einer Art Garantie zu machen, auf die sich der andere immer verlassen kann: „Wenn du bei mir bleibst, wirst du es niemals missen…“ 

Die zweite Stufe nach unten wird meist betreten, wenn nach Durchqueren des ersten Abgrundes keine Erfolge zu verzeichnen sind, aber beide Stufen können auch gleichzeitig betreten werden. Auf dieser Stufe schlüpft der abhängige Mensch in die Opferrolle und versucht, Mitleid zu erzeugen. In seinem Leben werden die Alltagswehwehchen zu wahren Tragödien, die den anderen zu einem Unmenschen machen, falls er sich genau in diesen Momenten distanzieren wollte. Das ist eine Strategie, die der abhängige Part nur zu gut kennt, da er sie höchstwahrscheinlich schon in der Vergangenheit benutzt hat, um Aufmerksamkeit einzufordern.

Auf der dritten und vierten Stufe versucht der abhängige Part, sich vor dem zu schützen, was er am meisten fürchtet: der Gleichgültigkeit des Gegenübers. Diese zwei Stufen sind austauschbar und nicht zwingend muss eine nach der anderen betreten werden, es können auch beide gleichzeitig gegangen werden. Hier verspüren beide intensive Gefühle: der eine Hass, der andere Angst. Bezüglich der Angst vor der Gleichgültigkeit kann es sein, dass die abhängige Person es anstrebt, dass die andere sie hasst. Das ist eine Art Selbstbetrugs, mit der sie darauf abzielt, auch fortan Gefühle zu erzeugen, eine gewisse Verbindung zum und ihre Präsenz im Leben des anderen, auch wenn diese Verbindung durch Hass aufrechterhalten wird.

Die vierte Stufe ist die Bedrohung: „Wenn du nicht mehr da bist, habe ich keinen Grund mehr, zu leben.“, „Wenn du dich dazu entschließt, aus meinem Leben zu verschwinden, versichere ich dir, dass du mich nie wieder sehen wirst.“,  oder, „Weine mir bloß nicht hinterher, wenn ich nicht mehr da bin.“  Der abhängige Mensch möchte beim anderen Verlustängste hervorrufen. Diese Angst ist hinterlistig, aber für die abhängige Person kann sie als perfekter Ersatz der Liebe fungieren.

Ein abhängiger Mensch erzeugt Leid und leidet selbst

Auf die eine oder andere Weise ist es für den Betroffenen gewöhnlich eine Tortur, emotional abhängig zu sein. Er ist das Opfer seiner Hoffnungen, weil er sein Schicksal in die Hände eines anderen gelegt hat. Das zwingt ihn dazu, sich aufzuopfern, damit dieser jemand nicht geht, denn er hat tatsächlich das Gefühl, dass sein Leben verloren wäre, wenn dieser Mensch verschwindet. Viele seiner ausgesprochenen Sätze sind reine Manipulation, doch hinter ihnen verbirgt sich großes Leid.

Leider fällt es sehr schwer, sich die emotionale Abhängigkeit einzugestehen. Mit ihr einher gehen Stereotypen wie ein „wertloser Mensch“, „“unfähig“ und charakterschwach“ zu sein. Diese Abhängigkeit ausfindig zu machen, ist jedoch der erste Schritt, um sich wieder unabhängig zu machen und zu verstehen, dass, auch wenn unsere Bedürfnisse individuell sind, es mehrere Menschen gibt, die sie befriedigen können, und das normalerweise auch auf verschiedene Art und Weise.