Wieso glauben wir, jemanden verlieren zu können, wenn wir niemanden besitzen können?

· 11. August 2016

Das Besitzen und Verfügen ist innerhalb des Kapitalismus zu einer regelrechten Besessenheit geworden. Das kommt daher, weil sich in unseren Köpfen das Bild eingebrannt hat, dass die Essenz unseres Seins von dem abhängt, was wir besitzen. Wir sprechen davon, eine gute Gesundheit „zu haben“, und nicht davon, gesund zu sein. Man hört immer wieder, einen Partner „zu haben“, und nicht eine Liebesbeziehung mit jemandem zu führen. Wir sagen, dass wir einen Arbeitsplatz „haben“, und nicht, dass wir Arbeitskräfte sind. Doch niemand besitzt irgendetwas, und genauso wenig besitzen wir jemanden.

Das Haben ist wichtiger geworden als das Sein, weshalb wir uns oftmals dazu verleiten lassen, uns mit dem zu identifizieren, was wir haben. Wir durchleben sogar manchmal Identitätskrisen, wenn wir etwas verlieren, was wir über einen bestimmten Zeitraum hinweg hatten.

Es gibt keine Liebe, sondern Liebesbeweise, und der Liebesbeweis demjenigen gegenüber, den wir lieben, ist, ihm Freiraum zu schenken.

Wenn wir von materiellen Dingen reden, können wir sagen, dass praktisch alles, was wir besitzen, ein Verfallsdatum hat. Entweder bezieht sich das auf den Gebrauch oder auf die Freude am Gebrauch, der eine Zeit lang währt, denn wir brauchen etwas auf, es verliert Anreiz für uns, geht kaputt oder hat ein Mindesthaltbarkeitsdatum und letztendlich wir müssen uns dann von diesem Objekt trennen.

Das soll heißen, dass wir nicht einmal vollständig über Gegenstände verfügen. Trotzdem gibt es Menschen, die das nicht wahrhaben wollen und sogar vorgeben, andere zu besitzen. In Partnerschaften ist dieses Verhalten besonders häufig anzutreffen, was automatisch dazu führt, dass in den meisten Fällen dieser Beziehungen eine gegenseitige Exklusivität herrscht.

Niemand kann einen Menschen besitzen

Mann und Frau aus Holz

Laut diversen Studien ist die Monogamie nicht eines der Unterscheidungsmerkmale der menschlichen Rasse. Das Gegenteil ist der Fall: Die Evolution zeigt, dass zu Beginn der menschlichen Geschichte die Polygamie vorherrschte und eine von Exklusivität gekennzeichnete Beziehung zwischen zwei Menschen das Produkt eines langwierigen und komplexen kulturellen Prozesses ist.

Dem menschlichen Wesen wurde zuteil, dass sich die Polygamie für eine so komplexe Gesellschaft, die im Laufe der Geschichte entstand, ziemlich problematisch darstellen könnte. Doch für den Großteil der Menschheit ist die allgemeine Überzeugung nicht in die Realität umzusetzen, von Anfang an bis zum Lebensende mit einem einzigen Partner zusammen zu sein. In der westlichen Welt erscheint das heutzutage beinahe absurd.

Auch wenn wir eigentlich alle wissen, dass es so läuft, ist in vielen Partnerschaften die Denkweise darüber wesentlich unvernünftiger. Es scheint gerade so, als gäbe es da diese nicht wegzudenkende Vorstellung, jemanden zu finden, der für immer „unser Eigen“ ist.

Ein Großteil der Worte und anfänglichen Versprechen einer Beziehung folgen dieser Logik. „Ich werde für immer dir gehören“,  oder, „das, was wir haben, ist für die Ewigkeit bestimmt“,  sind typische Ansagen. Doch nach der anfänglichen Phase der Verliebtheit sieht das dann anders aus. Manchmal entwickelt sich die Beziehung einfach und das Paar lernt, ein Gleichgewicht zwischen dem individuellen Freiraum und dem geteilten Raum zu finden.

Jedoch kommt es auch vor, dass an dieser Idee festgehalten wird, den anderen „zu besitzen“ oder man glaubt, über ihn zu verfügen. Im Allgemeinen kann eine Partnerschaft als ein exklusiver Pakt zwischen den beiden Partnern betrachtet werden. Doch manche gehen noch weiter und erwarten oder verlangen, dass sich der Liebste so verhält, als wäre er ein Eigentum. Dieser jemand glaubt demnach, dass er seinen Partner im wahrsten Sinne des Wortes besitzen würde. Die Mauer, die die gegenseitige emotionale Verbindung von der Instrumentalisierung des Partners abgrenzt, stürzt ein.

Wir können nichts verlieren, was wir niemals hatten

Frau im Wasser kann nichts sehen

Eine Liebesbeziehung mit einer anderen Person zu führen, bedeutet nicht, dass jemand über den anderen entscheiden kann oder ihn besitzt. Daher trifft die Aussage nicht zu,  seinen Partner „verlieren“ zu können, wenn die Beziehung in die Brüche geht. Genauer gesagt gleicht dieses als „Verlust“ der besseren Hälfte erlebte Ereignis mehr einer Entwicklung innerhalb eines Prozesses.

Die Gefühle des menschlichen Wesens sind nichts Unveränderliches. Denn genau das Gegenteil ist der Fall: Sowohl unser Gemütszustand, als auch unsere damit einhergehenden Gefühle, unsere Bedürfnisse, Erwartungen und alles, was unser Innenleben ausmacht, durchleben einen ständigen Wandel. Wir alle haben ein Temperament und einen Charakter, die mehr oder weniger fortdauernd sind. Unsere Auffassung davon, was wir in Sachen Liebe oder was unsere Wünsche angeht wollen, ist relativ instabil.

Das passiert sogar bei den langlebigsten und intensivsten Partnerschaften. Man liebt den gleichen Menschen in sämtlichen Phasen der Beziehung nicht auf die gleiche Weise. Hin und wieder liebt man ihn mehr und ab und an auch mal weniger. Manchmal lieben sich die Partner nicht und plötzlich kommt die Liebe wieder zurück, und all das in Bezug auf ein und dieselbe Person.

Wenn wir nicht einmal von uns selbst behaupten können, dass wir uns voll und ganz besitzen, wie trekönnen wir dann nur denken, dass wir über jemand anderen verfügen können? Falls wir das tatsächlich glauben, dann nur, weil wir in eine Falle der Fantasie unseres eigenen Egos getappt sind und somit nicht mehr klar differenzieren können, was uns tatsächlich gehört und was nicht. Wir sind dann der Meinung, dass alles das Gleiche ist.

Aus diesem Grund haben wir bei einer Trennung das Gefühl, einen „Verlust“ verkraften zu müssen, so als würden wir jetzt etwas nicht mehr „besitzen“, was uns einst „gehörte“. Wir missachten die Tatsache, dass das, was sich geändert hat, Gefühle und Sehnsüchte sind, die zuvor Intimität erschaffen haben, die nun aber nicht mehr präsent sind.

Frau kopfüber

Die einzige Leere, die ein Mensch im Leben eines anderen hinterlassen kann, ist die Vorstellung davon, immer an der Seite des anderen zu sein. Was wir in Wahrheit verlieren, ist der Grundpfeiler, der diese Illusion aufrechterhält. Aber es ist nicht der Mensch, den wir verlieren, weil niemand jemanden besitzen kann. Daher sollten wir eine Trennung als einen Prozess der Selbstfindung ansehen, anstatt uns mental mit einem Verlust auseinanderzusetzen.

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Jung Eun Park, Audrey Kawasakinn