Wieso fühlen wir uns manchmal weniger gehemmt, wenn wir mit Fremden reden?

· 12. August 2018

Manchmal fühlen wir uns weniger gehemmt, wenn wir mit Fremden reden, anstatt mit Freunden oder Familie. Der Grund dafür könnte sein, dass Fremde uns so sehen, wie wir sind und uns nicht idealisieren oder sich selbst belügen. Das ist sehr befreiend, wenn wir versuchen, uns selbst zu verstehen oder auszudrücken.

Der kanadische Forscher John Helliwell bestätigt, dass das Reden mit Fremden wirklich befriedigend sei. Es hebe sogar unsere Fröhlichkeit. Der Kontakt lasse uns mit uns selbst besser fühlen, weil er als bescheiden und freundlich betrachtet werde.

Wir alle haben das schon einmal gehört: „Du sollst nicht mit Fremden reden.“  Das macht auch Sinn, bis wir ein gewisses Alter erreichen. Erwachsene sagen das zu Kindern, um sie vor Gefahren zu schützen. Nichtsdestotrotz – einer Studie zufolge, die im Journal of the Mental Environment  veröffentlicht wurde, löst die Konversation mit Fremden ein Gefühl des Wohlbefindens in uns aus.

Frauen unterhalten sich auf einer Parkbank.

Eine andere Studie aus dem Journal Psychological Science  besagt, dass Kinder ab dem 3. Lebensjahr selbst erkennen können, ob die Personen, von denen sie angesprochen werden, vertrauenswürdig seien, oder ob es besser wäre, ihnen fernzubleiben. Im Alter von 7 Jahren verfügen sie diesbezüglich über ein vergleichbares Maß an Präzision wie Erwachsene.

Wie wir sehen, hat die Interaktion mit Fremden positive psychologische Auswirkungen auf uns. Diese unterscheiden sich von denen, die durch Kontakt mit Personen aus unserem sozialen Umfeld entstehen. Lasst uns das genauer betrachten.

„Gerechtigkeit ist Unparteilichkeit. Nur Fremde sind unparteiisch.“

George Bernard Shaw

Das Reden mit Fremden macht uns produktiver

Sheen S. Levine, Professor an der Singapore Management University (Singapur), behauptet, eines der Dinge, die Unternehmen wettbewerbsfähig machen, sei nicht die reine Ansammlung von Wissen, sondern das Nutzen performativer Verbindungen. Damit meint er spontane Kommunikation zwischen Kollegen, die sich nicht kennen, in der entscheidendes Wissen übertragen werde, ohne dass im Gegenzug etwas verlangt werde.

Für Elizabeth Dunn, Psychologin an der University of British Columbia (Kanada), trägt das Reden mit Fremden zum subjektiven Wohlbefinden bei. Es beeinflusse unmittelbar unsere Produktivität. Unterhalten wir uns mit Fremden und sie hören uns zu, stärke das unser Identitätsgefühl. Es lasse uns fühlen, als könnten wir etwas geben, als schenke uns jemand Aufmerksamkeit und Wertschätzung.

„Alle Dinge würden in ausgezeichneter Qualität und Quantität produziert werden, und ohne großen Aufwand, wenn jeder an einer einzigen Aufgabe arbeitet, in Übereinstimmung mit seinen natürlichen Fähigkeiten, im richtigen Moment, ohne sich in andere Dinge einzumischen.“

Platon

Wir bevorzugen es, mit Fremden zu reden, weil sie nichts von uns erwarten

Wahrscheinlich bevorzugen wir das Gespräch mit Fremden, weil sie uns sehen wie wir sind und nicht, wie sie uns gern hätten. Mit Menschen zu reden, zu denen wir bereits eine persönliche, gesunde Beziehung haben, beeinflusst unsere emotionale Verfassung positiv. Obwohl das so ist, scheint es effektiver, zur Bewältigung von Ärger und Wut den Kontakt mit Fremden zu suchen.

Die meisten von uns verhalten sich bei schlechter Laune auf zwei Arten. Entweder lassen sie ihren Frust an Personen im engen Umfeld aus, weil sie wissen, dass sie das können und wo die Grenzen liegen. Oder sie reden mit Fremden auf der Straße, tendieren dann aber eher dazu, höflich und freundlich zu sein.

Fremde mit Hunden unterhalten sich auf der Straße.

Ein Artikel der CBS NewsTalking to Strangers Can Boost Your Happiness Levelhat Elizabeth Dunn dazu bewegt, ein Experiment zu starten, um dieses Verhalten zu untersuchen. Sie hat so herausgefunden, dass wir uns im Gespräch mit Fremden eher akzeptabel verhalten. Das fördere die Verbesserung und Belebung der emotionalen Verfassung. Außerdem fühlen wir uns dadurch eher als Teil einer Gesellschaft.

Mit Fremden reden ist also wie ein emotionaler Schalter. Es hilft uns, unsere Gefühle aus gewisser Distanz zu regulieren und die Situation aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Wie wir sehen können, hat diese Art der Kommunikation gesundheitliche Auswirkungen auf unsere Psyche. Sie gibt uns nicht nur das Gefühl, sozial auf beiden Beinen zu stehen. Auch lässt sie uns wohler und wertvoller fühlen. Außerdem ist es eine gute Möglichkeit, die eigenen sozialen Fähigkeiten zu verbessern, andere Menschen kennenzulernen und uns als Teil der Gesellschaft zu fühlen.

„Freunde sind diese komischen Wesen, die uns fragen, wie es uns geht, und dann auf eine Antwort warten.“

Ed Cunningham