Wie wir mithilfe dieser therapeutischen Strategie aus Wut Mitleid werden lassen

· 26. Dezember 2017

Wut ist ein Gefühl, das wir als giftig betrachten könnten und das aufgrund unserer Wahrnehmung einer Bedrohung und Gefahr entsteht. Evolutionsbedingt ist die Wut dafür da, uns dazu zu motivieren, gegen das anzukämpfen, das uns schaden und sogar unser Leben beenden kann. So wie bei allen anderen Gefühlen auch, gibt uns auch dieses, wenn es angemessen reguliert wird, viel Energie, die wir zu unserem Vorteil nutzen können.

In der Regel zeigt sich diese Emotion durch Anspannung, sowohl in den Muskeln als auch im Kieferbereich. Wut beschleunigt den Herzeschlag und bringt uns zum Schwitzen. Sie bringt bei uns das beklemmende Gefühl auf, dass wir ungerecht behandelt werden oder dass man uns in gewisser Weise ausnutzt.

Daher kommt Wut immer in einem verwundbaren Kontext auf. Es ist ein Gefühl, das ausschließlich denjenigen schützt, der leidet oder sehr ängstlich ist. Oder auch Menhschen, die nicht über eigene Mittel verfügen, um sich gegen das zu wehren, was sie angreift oder noch bevorstehen kann.

Normalerweise verurteilen wir eine wütende Person, bauen eine Mauer um uns herum auf und bieten ihr sogar die Stirn. Mit diesem Verhalten reflektieren wir, dass wir sehr gut verstehen, welche zerstörerische Kraft dieses Gefühl hat. Wir wissen, dass wir diese Wut abbekommen können und auch Gefahr laufen können, von ihr angesteckt zu werden. Damit würden wir in eine Spirale der gegenseitigen Anfeindungen abrutschen.

Sei das nun eine Situation mit einem Kunden, mit unserem Bruder oder Partner: Wut ist eine dieser Emotionen, die unsere Fähigkeit, unsere Gefühle zu regulieren, am härtesten auf die Probe stellen können. Jegliche Mimik oder irgendein „Blödsinn“ kann sie sofort verstärken. So verlieren wir am Ende die Kontrolle und lassen sie an jemandem aus, der das am wenigsten verdient.

Lohnt es sich, wütend zu sein?

Die Antwort lautet Nein. Unsere Wut löst kein Problem, zumindest keine Probleme, bei denen wir schnell reagieren müssen, weil unsere Existenz gefährdet ist. Wenn dies der Fall ist, gibt uns die Wut eine riesige Dosis Energie, um schnell und energiegeladen auf diese Bedrohung zu reagieren.

Wütende Frau

Aber wie wahrscheinlich ist es, dass so etwas heute noch passieren wird? Heutzutage empfinden wir Wut, weil wir erwarten, dass alles nach unseren Vorstellungen läuft. Sowohl in Bezug auf die Menschen um uns herum und unser eigenes Leben. All das ist eine einzige Illusion, die nie Realität werden wird. So können wir sagen, dass es in den meisten Situationen, in denen wir wütend sind, keine große Gefahr für uns gibt. Es ist unser Verstand, der aus kleinen riesige Bedrohungen macht.

Wir haben unrealistische Erwartungen an andere oder erwarten zu oft, dass das Glück auf unserer Seite sein wird. Wenn uns dann auffällt, dass unsere Erwartungen nicht erfüllt werden, sind wir frustriert und das führt dazu, dass wir wütend werden.

Wir dürfen nicht vergessen, dass unsere Wut versucht, uns dazu zu bewegen, alles in unserer Macht stehende zu tun und gegen das Problem anzukämpfen. Aber das Problem ist kein Problem als solches, sondern es ist das Leben, die Realität. Um dagegen anzugehen, gibt es viel effektivere Strategien. Niemand kann „durch die Kraft der Erwartungen“ verändern, was passiert ist, was passiert oder passieren wird .

Es kommt es auch vor, dass wir uns verteidigen, wenn wir jemanden sehen, der wütend ist. Vor allem, wenn er auf uns wütend ist. Oftmals verteidigen wir uns, indem wir unsere Wut mit der Begründung rechtfertigen, dass „sie/er, dieses oder jenes nicht tun sollte“.

Eine Erwartung führt zur nächsten und so weiter, bis beide Gegner müde werden und ihre Diskussion beenden. Deshalb ist es es nicht Wert, wütend zu sein, weil sich jemand uns gegenüber ungerecht verhalten hat.

Wie aus unserer Wut Verständnis und Mitleid wird

Unser Verständnis ist ein großartiger Impfstoff gegen den Schmerz, den wir empfinden, weil wir uns mit der Wut anderer herumgeärgert haben. Wenn wir erkennen, dass die wütende Person sich nicht darüber bewusst ist, dass sie sich von ihren in diesem Moment verspürten Gefühlen leiten lässt, wird es leichter für uns sein, unsere Wut unter Kontrolle zu haben. Wir können dann sogar eingreifen, um unser Gegenüber zu beruhigen.

Wenn wir auf diese Weise denken und unsere versteiften Erwartungen beiseite lassen, werden wir unter keinen Umständen wütend auf diese Person sein. Im Gegensatz zu dem, was wir vielleicht glauben, werden wir sogar Mitleid für diesen Menschen empfinden, wenn wir dazu in der Lage sind, unsere Denkweise zu ändern.

Wir könnten im Grunde genommen sagen, dass wir uns in seine Lage hineinversetzen und Mitleid für ihn empfinden. Wir verstehen, dass er sich mit einem Verteidigungsmechanismus schützt, weil er glaubt, in Gefahr zu sein.

Frau mit geschlossenen Augen

Um auf diese Weise denken zu können, müssen wir eine solide Eigenliebe haben – keine egoistische Eigenliebe – und sehr selbstsicher sein. Nur so wird es uns gelingen, uns nicht bedroht zu fühlen und unseren Stolz einmal beiseite lassen. So können wir mit Nächstenliebe für die Menschen handeln, die versuchen, uns ohne böse Absicht zu verletzen.

Gesunde Grenzen

Ich weiß, dass du jetzt sicherlich denkst, dass das eine konformistische Haltung ist und dass niemand mit Füßen getreten werden sollte. Du magst vielleicht Recht haben, aber nur zum Teil. Durchsetzungsvermögen ist die Fähigkeit, Grenzen zu setzen und unsere Rechte zum Ausdruck zu bringen, ohne unseren Gesprächspartner zu verletzen. Dies ist die passende Option, die wir wählen können, wenn uns jemand Leid zufügt. Wir sollten daran denken, dass das Durchsetzungsvermögen ein von unserem Verstand geleitetes Handeln ist, mit dem wir unsere Haltung schützen, ohne den andere zu verletzen. Und das hat nichts mit einer unverhältnismäßigen und instinktiven Reaktion zu tun.

Wenn du also merkst, dass jemand in deinem Umfeld wütend ist, solltest du versuchen, diese Wut nicht nur aus der defensiven Position heraus zu verarbeiten, auch wenn wir dazu geneigt sind, uns für diese Abwehrhaltung zu entscheiden. Falls du merkst, dass dir die Situation über den Kopf wächst und du der wütenden Person nicht helfen kannst, solltest du lieber der Situation entkommen, bevor du dich mit der Wut deines Gegenübers ansteckst. Du solltest nicht vergessen, dass viele Menschen einfach handeln, ohne die Konsequenzen für ihr Handeln zu bedenken. Und das ist einer dieser „Sprengstoffe“, der den größten Schaden verursachen kann.

Zum Schluss möchten wir gern noch den Unterschied zwischen einem wutentbrannten Handeln und dem Nichthandeln klären. Wir beziehen uns insbesondere auf Missbrauchssituationen. In solchen Fällen sind wir dazu verpflichtet, den Täter aus Respekt vor der eigenen Person und vor allen Menschen, die seine potenziellen Opfer sein könnten, anzuzeigen. Auch allein schon damit er die benötigte Hilfe erhalten kann. Auch wenn der Täter unter dem Einfluss seiner Wut steht und wir als Opfer dazu in der Lage sind, das zu verstehen.

Denke immer daran, dass unser Verständnis eine magische Kraft besitzt, aber uns nie bremsen sollte, damit wir voller Energie handeln können, wenn unser Leben tatsächlich in Gefahr ist. In solch einer Situation kann uns unsere Wut den benötigten Mut und zusätzliche Energie geben, um zur Polizei zu gehen und den Betroffenen anzuzeigen.